Zum Inhalt springen

Header

Audio
Die Goldene Kutsche und ihre dunkle Vergangenheit
Aus Kultur-Aktualität vom 23.06.2021.
abspielen. Laufzeit 03:44 Minuten.
Inhalt

Kolonialgeschichte Diese goldene Kutsche sorgt für rote Köpfe

Rassistische Malerei? Warum viele Niederländerinnen und Niederländer ein königliches Fuhrwerk ins Pfefferland wünschen.

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, heisst es. Genau das tun aber immer mehr Untertanen von König Willem-Alexander der Niederlande. Der Gaul ist in diesem Fall die Goldene Kutsche, welche die Amsterdamer Bevölkerung seiner Urgrossmutter Wilhelmina 1898 zu deren Thronbesteigung geschenkt hatte.

Die linke Seite des kostbaren Königsfuhrwerks ist mit dem Gemälde «Huldigung der Kolonien» verziert. Darauf sind versklavte Menschen zu sehen, die einer weissen Frau Schätze aus den Kolonien überbringen. Diese Szene sorgt für immer mehr Unmut, besonders unter der niederländischen Bevölkerung mit Wurzeln in einem ehemaligen Überseegebiet.

Legende: Schwarze Sklaven, weisse Frau: «Huldigung der Kolonien» – das rassistische Gemälde auf der linken Seite der Kutsche. ZVG

Mit Volkes Geld

In den letzten sechs Jahren wurde das edle Transportmittel gründlich restauriert. Nun steht es in aller Pracht in einem Glascontainer im Innenhof des Amsterdam Museums, das gleichzeitig eine umfassende Ausstellung darüber machte.

Die Goldene Kutsche war ein frühzeitiges Crowdfunding-Projekt. Alle Einwohnerinnen und Einwohner der Hauptstadt waren gehalten, mindestens ein «kwartje» zu spenden. Die 25 Cents entsprachen damals einem Viertel des Tagelohns.

15 Millionen Nadelstiche

Box aufklappen Box zuklappen
Legende: Das gesamte Interieur der Kutsche ist mit Stickereien verziert. Amsterdamer Frauen und Waisenmädchen setzten dafür 15 Millionen Nadelstiche ZVG

Das gesamte Interieur der Kutsche – Decke, Wände, Armlehnen und Sitzkissen – wurde mit Petit-Point-Stickereien verziert. In mühseliger Handarbeit setzten Hunderte Amsterdamerinnen insgesamt 15 Millionen Nadelstiche.

Im Gegensatz zu den Männern, die am Chassis der Kutsche arbeiteten, seien diese Frauen sehr schlecht bezahlt worden, erzählt Konservatorin Annemarie de Wildt, die in den Archiven auf entsprechende Hinweise gestossen ist.

Übrigens sind in der Ausstellung auch Fotos von stickenden jungen Mädchen zu sehen, die früher hier gewohnt haben. Die Bilder stammen aus der Kollektion des Amsterdam Museums, das einst ein Waisenhaus war.

Teakholz aus Java, Elfenbein aus Sumatra

Zur Zeit des Baubeginns, Ende des 19. Jahrhunderts, sorgte die Immigration für eine Verdoppelung der Einwohnerzahl in Amsterdam. Zudem entstanden viele Bewegungen – Sozialisten, Anarchisten, Frauen –, die der Monarchen-Familie kritisch gegenüberstanden.

Das Geschenk sollte in diesen unruhigen Zeiten deshalb auch als Symbol für Einigkeit dienen. Entsprechend wurden die Materialien aus dem gesamten Königreich – auch aus den Kolonien – in die Amsterdamer Kutschenfabrik Spijker transportiert: Teakholz aus Java, Elfenbein aus Sumatra, Flachs aus der niederländischen Provinz Zeeland.

Legende: Umjubelte Jungfernfahrt: Erstmals zum Einsatz kommt die Kutsche bei der Hochzeit der niderländischen Königin Wilhelmina. Wikimedia

Exorbitantes Künstlerhonorar

Mit der Bemalung der Kutschenwände wurde der Maler Nicolaas van der Waay beauftragt. Er kassierte dafür den gehörigen Beitrag von 4000 Gulden, der in schrillem Kontrast zum hohen Tribut der armen Bevölkerung stand.

Trotzdem wurde Van der Waay für seine «Huldigung der Kolonien» bejubelt. In den letzten Jahren gab es für die stereotype Darstellung aber zusehends Kritik. Darauf wird in der Ausstellung ausführlich eingegangen.

«Die können mich mal»

In einem Raum haben die Kuratorinnen Pro- und Contra-Zitate an die Wände projiziert. «Eine gemeinsame Zukunft für alle ist nicht möglich, wenn in einer Kutsche herumgefahren wird, die weisse Herrscher und Ausbeuter verherrlicht», lautet die Äusserung der auf Sklaverei spezialisierten Historikerin Patricia D. Gomes.

Legende: Klartext in Corona-Zeiten: Eine Ausstellung in Amsterdam bildet den königlichen Bilderstreit ab. Elsbeth Gugger

Der Rechtspopulist Geert Wilders wird mit dem Satz zitiert: «Zuerst musste der Schmutzli weg, jetzt die Goldene Kutsche und dann wohl das ganze Land? Ich sage: nicht beugen und nicht kuschen. Die können mich mal.»

Langsame Kutsche oder schnelle Autos?

Im letzten Ausstellungsraum werden die Besucherinnen und Besucher aufgefordert, sich zur Zukunft der Kutsche zu äussern. Muss sie definitiv ins Museum, wie sich das viele wünschen, oder soll der König, der eigentlich schnelle Autos und noch schnellere Boot liebt, sie weiterhin benützen dürfen.

Die Meinungen will das Museum auf seiner Website veröffentlichen um die Debatte über die Bedeutung der Monarchen-Karosse im nationalen Rahmen führen zu können.

Noch bis im Februar 2022 glänzt die Goldene Kutsche in ihrem Glaspalast im Innenhof. Danach wird das Amsterdam Museum für eine grosse Renovation geschlossen. Spätestens dann muss König Willem-Alexander einen Beschluss fassen, was er mit dem vermaledeiten Erbgut tun will.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 23.6.2021, 7:06 Uhr

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Bruno Hochuli  (Bruno Hochuli)
    Das war damals so und sollte uns jetzt auch zeigen, dass sowas nicht mehr vorkommen kann. Aber ehrlich, ist es heute besser? Nein die Menschen ändern sich nie, sonst gäbe nicht so viel Armut. Geld hat früher wie jetzt immer noch den vorrang. Wer reich ist, kann sich ja alles erlauben und die schlimmsten sind die Mulis mit ihren Hintermänner.
  • Kommentar von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
    Es wird über europäische „Kolonial-Verbrechen“, deren Protagonisten und Denkmäler, Strassen- und Häuserbezeichnungen berichtet. Im Sinne von: Das muss endlich „aufgearbeitet“, umgeschrieben, abgerissen, ausgelöscht werden. Verbunden mit Schuldbekenntnissen. Zum Nachdenken: Inkas, Azteken, Mayas, afrikanische und asiatische Völker, Religionen hatten (haben?) ebenfalls eine „Kolonial-Verbrechen-Geschichte“ mit Sklaverei, die nicht „aufgearbeitet“ wird. Die Sklaverei wurde vom Westen abgeschafft.
  • Kommentar von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
    Ist dann doch etwas übertrieben zu behaupten, viele niederländische die Kutsche ins pfefferland wünschen. Es ist eine kleine aber sehr laute Minderheit die momentan fast zu allem seine problemen bekundet, und die meisten von ihnen mit Migrationshintergrund. Leider sind viele Niederländer es satt und müde. Das alle Traditionen nur noch negativ dargestellt werden. Und leider schweigen diese Leute lieber, viele fürchte die gewalttätige Reaktionen von die "zeur Pieten"