«Das hier ist eine sehr heikle Gegend.» Während einer Nachtschicht 2015 blickt José Alberto Gutiérrez aus dem Fenster seines Müllwagens. Im Viertel Santa Fe in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá reden zwei finstere Gestalten mit einer Prostituierten. Aber Gutiérrez strahlt.
Sehnsüchtig erwartet er den Ruf seiner Kollegen, die draussen die Müllsäcke in die Presse werfen: «Don José, libros!» Das bedeutet: Sie haben im Müll Bücher entdeckt und reichen sie Gutiérrez ins Führerhaus – für seine Bibliothek der geretteten Bücher.
Unbewohnbares Erdgeschoss
Nun, zehn Jahre später, im armen Süden Bogotás, betritt der 62-Jährige das Obergeschoss seines Hauses. Hier oben lebt er mit seiner Frau. Wir gehen hinab ins unbewohnbare Erdgeschoss: «Alles ist voller Bücher», sagt Gutiérrez. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir zwängen uns an abertausenden Büchern in Regalen und aufgetürmt zu Bergen vorbei.
All diese Bücher hat er vor der Mülldeponie gerettet. Besonders Nachbarskinder nutzen diese chaotische Bibliothek. «Hier lesen wir still eine halbe Stunde», erzählt Gutiérrez. «Dann aber tanzen wir eine Stunde lang. Danach malen wir eine halbe Stunde. Wir gestalten das alles spielerisch, damit sich die Kinder nicht langweilen.»
615 Bibliotheken – aus Müll
Diese Bibliothek ist aber vor allem ein sich ständig wandelndes Lager. Von hier aus hat Gutiérrez gemeinsam mit seiner Frau Bücher in die ärmsten Regionen Kolumbiens gebracht und dort bisher 615 kleine Bibliotheken entstehen lassen. In Kindergärten, Schulen, Gefängnissen. Allein die erste Fuhre in den Chocó, die benachteiligte Gegend am Pazifik, umfasste acht Tonnen Bücher.
Den Job als Müllmann hat Gutiérrez allerdings verloren. Indessen kommen die Bücher anders zu ihm. Dabei hilft ihm, als «Herr der Bücher» landesweit bekannt zu sein. Gerade hört er die Sprachnachricht eines Mannes ab. Der möchte ihm Bücher schenken.
Aber Gutiérrez hat keinen eigenen Wagen zum Abholen und Liefern der Bücher. Manchmal leiht ihm ein Familienmitglied tageweise einen und bezahlt ihm das Benzin.
Ehrendoktor ohne Lieferwagen
Denn José Alberto Gutiérrez und seine Frau sind längst mittellos. «Wir haben alles in dieses Projekt investiert: unser Leben, unser Geld», erzählt er, während er ein Buch über Dinosaurier aufschlägt.
Ein Buch wegzuwerfen, ist eine der grössten Sünden.
Seine Frau hat ihre Rinder verkauft und Kurse in Bibliothekswesen belegt, um ihren Mann zu unterstützen. Bis in China wurde über das Ehepaar berichtet. Eine US-Universität hat den beiden Ehrendoktortitel verliehen. Aber was hilft die ganze Ehre, wenn der Lieferwagen fehlt? Und eine Lagerhalle. Idealerweise mit angeschlossener Werkstatt.
Traum von der Bibliothekenfabrik
«Hier in Bogotá wird sehr viel Holz weggeworfen. Daraus würden wir Regale, Tische und Stühle bauen, das Mobiliar für Bibliotheken. Diese Bibliothekenfabrik wäre mein Traum», erzählt Gutiérrez strahlend. «Dann könnten wir das Mobiliar und die Bücher in die Ecken Kolumbiens bringen, in denen sie am dringendsten benötigt werden.»
Bis dahin muss José Alberto Gutiérrez weiter sein Haus als Lager nutzen. Zur Not, erzählt er, würde er Bücher auch im Wohnbereich, im Obergeschoss, unterbringen. Etwa unter seinem Bett. Denn er lebe nach dem Prinzip: «Ein Buch wegzuwerfen, ist eine der grössten Sünden.»