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«Karen»-Phänomen in den sozialen Medien
Aus 100 Sekunden Wissen vom 27.07.2020. Bild: GETTY IMAGES / BILDMONTAGE SRF
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Kontroverse um «Karen»-Meme Wir müssen über Karen reden

Der Name «Karen» ist in den USA ein Synonym für selbstgerechte weisse Frauen und Corona-Skeptikerinnen. Was steckt dahinter? Und weshalb gibt Karen zu reden?

Wer ist Karen?

Karen ist die Rassistin, die die Polizei ruft, weil ein schwarzes Kind «ohne Erlaubnis» einen Getränkestand betreibt. Karen ist die Polizistin, die in Tränen ausbricht, weil sie bei McDonalds lange auf ihr Essen warten muss. Und nun ist Karen die Corona-Skeptikerin, die sich lauthals weigert, im Supermarkt eine Maske zu tragen.

Der Name «Karen» ist in den USA zum Synonym für einen bestimmten Typ Frau geworden: für weisse Mittelschichts-Amerikanerinnen im mittleren Alter – spiessig, versnobt und selbstbezogen. Für privilegierte Frauen, die es sich erlauben können, sich in der Öffentlichkeit unmöglich aufzuführen. Und die das auch tun.

In den sozialen Medien machen Handyvideos die Runde, in denen «Karens» Personal anpöbeln, rassistisch ausfällig werden, wegen Lappalien ausrasten und ständig mit dem Geschäftsführer sprechen wollen.

Daneben taucht Karen auch als Meme auf. Erkennbar an der typischen Frisur, einem «frech» frisierten, blonden Bob. In Anlehnung an Karens Lieblingssatz der «Can I Speak To The Manager Haircut» genannt.

Woher kommt der Name Karen?

Es gibt mehrere Theorien, wie aus dem Allerwelts-Namen Karen ein geflügeltes Wort wurde. Ein Comedian machte bereits vor 15 Jahren einen Sketch über die eine Person in jedem Freundeskreis, die eigentlich niemand mag: Karen.

Andere vermuten den Ursprung in Szenen aus der Teenie-Komödie «Mean Girls» oder dem Gangsterfilm «Goodfellas», in denen Frauen namens Karen schlecht wegkommen. Schliesslich gab es 2005 einen Mann, der sich auf Reddit über seine Ex-Ehefrau Karen ausliess – und damit einen Trend auslöste.

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Aus Mensch wird Meme
aus Junge Popkultur, urbanes Leben vom 20.07.2020. Bild: SRF
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Entsprechend viele Gesichter hatte das Karen-Meme schon: Mal war sie die rachesüchtige Ex-Frau und «Tigermom». Mal die asoziale Aussenseiterin – etwa im Meme, das sich auf eine Nintendo-Werbung bezog.

Und heute?

Das Karen-Meme hat sich an 2020 angepasst. Oder vielmehr spiegelt sie aktuelle gesellschaftliche Konflikte. Nun steht der Name vor allem für Amerikanerinnen, die sich in der Corona-Pandemie egoistisch über Regeln hinwegsetzen und solche, die sich trotz aller Black-Lives-Matter-Proteste rassistisch wie eh und je verhalten.

«Karen» wird auch oft benutzt, um über «White Fragility», weisse Dünnhäutigkeit, zu witzeln: So war etwa der Hashtag #AndThenKarenSnapped («Da rastete Karen aus») eine Weile lang ein Twitter-Trend.

Das funktioniert so gut, weil Karen in den USA ein typischer Name für weisse Frauen ist. Der Spruch «OK Karen» ist sozusagen das «OK Boomer» der schwarzen Online-Community – dabei geht nicht um das Altersgefälle, sondern um Hautfarbe und Gesellschaftsschicht.

Weshalb gibt Karen zu reden?

Viele nicht-weisse Menschen nutzen Karen als Mittel, rassistisches Verhalten, das wenig Anlass zum Lachen gibt, mit Humor abzukanzeln.

Doch es gibt auch Kritik am Karen-Meme: Etwa, dass sie Klassenvorurteile bediene – ähnlich wie «Kevin» oder «Chantal» im Deutschen.

Dass es verletzend für diejenigen sei, die wirklich Karen heissen – und meist gar keine «Karens» sind.

Vor allem aber lautet der Vorwurf: Frauenfeindlichkeit. Der Spruch «OK Karen» sei unterdessen von Männern gekapert worden, um Frauen im Netz den Mund zu verbieten, schreibt die Journalistin Hadley Freeman im Guardian. Und fragt: «Muss ich wirklich den Sexismus eines Meme ausbuchstabieren, das seinen Ursprung bei einem Mann hat, der über seine Ex-Frau meckert?»

Sie fordert, Karen solle aus dem Netz verschwinden. Passieren dürfte eher das Gegenteil: Karen scheint bereits im deutschsprachigen Twitter anzukommen.

Radio SRF 2 Kultur, 100 Sekunden Wissen, 27.07.2020, 6:20 Uhr

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