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Kostümierung zu Halloween Ich verkleide mich, also bin ich

Kostüme sind im Trend. Das passt. Die Gesellschaft erwartet, dass wir im Alltag in verschiedene Rollen schlüpfen.

Ein Mann hat sich als Van-Gogh-Porträt verkleidet. Er trägt einen Bilderrahmen um seinen Kopf.
Legende: Lust zur Verkleidung, Lust zur Angst: Halloween bedient gleich zwei Bedürfnisse. Keystone /

An der Street Parade. Am Oktoberfest. Am Grümpelturnier. Oder an den immer beliebter werdenden Motto-Partys: Sich zu verkleiden ist Trend.

Das bestätigen auch Beobachtungen von Kulturwissenschaftler Mischa Gallati. «Bräuche hatten schon immer Ventil-Charakter», sagt der Dozent für populäre Kulturen an der Universität Zürich. Es gehe dabei sicher auch darum, im gesellschaftlich akzeptierten Rahmen über die Stränge zu schlagen.

Drei kostümierte Streetparade-Besucher.
Legende: «Identitäts-Hopping» an der Streetparade: hier wird kostümiert gefeiert. Keystone / Walter Bieri

Halloween: Spiel mit der «Angst-Lust»

Nächste Gelegenheit zur Kostümierung ist Halloween: Der Gruselbrauch hat längst auch in der Schweiz Fuss gefasst. Am Abend des 31. Oktobers gehen Kinder unter der Androhung von «Trick or Treat» («Süsses oder Saures») bei Nachbarn auf die Jagd nach Süssigkeiten.

Erwachsene tauchen mit Vampirzähnen und furchteinflössenden Masken an Partys auf. Halloween bietet die Möglichkeit, mit der eigenen «Angst-Lust» zu spielen.

Nahaufnahme einer Person mit weiss geschminktem Gesicht und schwarzen Augen und Mund
Legende: Lust zur Verkleidung, Lust zur Angst: Halloween bedient gleich zwei Bedürfnisse. Reuters

Mischa Gallati sieht mehr hinter dieser neuen Freude an Kostümierung: «In der heutigen Gesellschaft wird vom Einzelnen erwartet, dass er oder sie verschiedene Rollen einnehmen kann.» Unsere Identitäten seien fliessender, und sich zu verkleiden sei ein Teil davon.

Unser Ich hat viele Rollen

So bestehe die Identität des Einzelnen aus vielen Puzzle-Teilen. «Wir hüpfen von einem Ich zum anderen», erklärt Gallati.

Heute wird von jedem erwartet, dass er verschiedene Rollen einnehmen kann.
Autor: Mischa GallatiKulturwissenschaftler

Situativ nehmen wir unterschiedliche Rollen an und halten uns an die entsprechenden Codes. Gehen wir zum Yoga, ziehen wir eine Yoga-Hose an. Im Büro tragen wir einen Anzug.

Einige dieser Puzzle-Teile, dieser Rollen, werden uns aufgedrängt. Einige sind selbstbestimmt. So sind wir Sohn und Tochter, ohne es beeinflussen zu können. Unsere Rolle als Teamleiter, Tennisspielerin oder Hobby-Fotograf hingegen ist selbstgewählt.

Individualität durch Identitäts-Hopping

Durch dieses Puzzle kann sich der Einzelne authentisch fühlen: Es macht genau unsere Individualität aus, dass wir Sohn, Tennisspieler und an Halloween ein Vampir sind.

Eine Dame im Brautkleid mit künstlichem Blut im Gesicht steht zwischen Kostümen
Legende: Tochter, Teamleiterin, Zombie-Braut: Unsere Identität setzt sich aus verschiedenen Rollen zusammen. Getty Images

Die Verkleidung bietet dabei eine Möglichkeit, lustvoll mit diesem «Identitäts-Hopping» umzugehen: Wir werden selbst aktiv. Um es mit Gallatis Worten zu sagen: «Wir machen, was von uns erwartet wird, aber überspitzen es noch.»

Kommerz auch in der Populärkultur

Von dieser Freude am Kostüm profitieren Partyveranstalter. Und allen voran der Detailhandel: Die grossen Supermärkte stellen zu jeder Verkleidungsgelegenheit passende Outfits, Accessoires und Schminke in die Regale. Gerade Halloween wird hierzulande oft als «leerer Kommerzbrauch» bezeichnet, der keinen Bezug zur Schweiz habe.

Der Ursprung von Halloween

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Halloween lässt sich auf keltische und auf katholische Bräuche zurückführen. Mit irischen Einwandern kam das Fest im 19. Jahrhundert nach Nordamerika. Inspiriert von US-Serien und Filmen wurde Halloween in den 1990er-Jahren auch in Europa immer populärer.

Im angelsächsischen Raum gehört Halloween zu den drei kommerziell wichtigsten Feiertagen. «Wir leben in einer gewinnorientierten Gesellschaft», konstatiert Mischa Gallati. Die Populärkultur habe diese Maxime längst übernommen. Doch wer hinter der Beliebtheit von Halloween rein marktwirtschaftliche Gründe sehe, der mache es sich zu einfach.

Kostümierung schon im Mittelalter

Historisch gesehen sind Verkleidungen in zwei Kontexten zu finden: An der Fasnacht und im Theater. Beide haben ihre Wurzeln in der Religion und wurden dann profaniert. Fasnacht wurde Teil der Populärkultur, Theater Teil der Hochkultur.

Zwei Basler Fasnächtler in Masken mit grosser Nase und Mund und bunten Haaren
Legende: Ein traditionelle Verkleidungsbrauch ist die Fasnacht: zwei Basler Waggis. imago / Geisser

Sich ein Kostüm überzuziehen ist also keine Neuerscheinung. Doch im Unterschied zum 21. Jahrhundert war damals das Spiel mit der durch Stand und Geschlecht fixierten Identität nur wenigen vorbehalten.

Sendung: SRF zwei, Keine 3 Minuten, 26.10.2018, 2:25 Uhr

3 Kommentare

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  • Kommentar von Max Blatter (maxblatter)
    ICH verkleide mich NICHT, also BIN ich nicht nur, sondern ich bin und bleibe ICH. - Allerdings: Jedem das Seine und jeder das Ihre - weshalb ich Verkleidungen inklusive Krawatte oder Burka bei anderen dennoch toleriere.
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  • Kommentar von Silvan Karrer (Kosmopolit)
    Amerikanische Gruselfasnacht! Ohne mich!
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Ich denke also bin ich, oder ich kleide mich ein also bin ich. Diese Denkweise ist tübisch westlich und zieht sich durch die ganze Philosophiegeschichte. Um wirklich zu sein muss ich aber nichts sein, nur um als Persönlichkeit zu sein muss ich etwas sein. Doch aus Indischasiatischer Sicht Bin ich per se, das ist der grosse Unterschied. Nicht nur machen Kleider Leute, Leute machen auch Kleider doch Ich Bin vor dem Huhn und dem Ei. Ich bin vor dem Denken und Einkleiden.Ich bin eben aus sich selbst
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