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Künstliche Intelligenz «Die Menschheit ist bloss Steigbügelhalter für etwas Grösseres»

Informatik-Professor Jürgen Schmidhuber überzeugt: Bald sind uns künstliche Intelligenzen (KI) überlegen – die Menschheit sei bloss ein Steigbügelhalter für etwas Grösseres.

Schmidhuber, der «Vater der Künstlichen Intelligenz», meint auch: Die vom Menschen dominierte Geschichte wird wohl enden. Anlass zur Sorge gebe es allerdings keinen.

Jürgen Schmidhuber

Jürgen Schmidhuber

Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz IDSIA

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Jürgen Schmidhuber (58) ist seit über 40 Jahren im KI-Bereich tätig und gilt als Pionier der künstlichen Intelligenz: Der aus München stammende Informatik-Professor und Unternehmer arbeitet seit Jahrzehnten daran, eine Maschine zu bauen, die intelligenter ist als er selbst.

Aktuell ist Schmidhuber Scientific Director am Dalle Molle Institute for Artificial Intelligence Usi-Supsi in Lugano (TI). Seit Oktober 2021 arbeitet er zudem als Direktor der KI-Initiative an der saudischen KAUST-Universität.

Er und seine Kolleginnen und Kollegen haben das Rezept für wichtige Computerprogramme erfunden. Konkret fusst beispielsweise das Computer-Übersetzungsprogramm «Google Translate» auf der Erfindung von Schmidhuber. Auch Anwendungen wie Siri oder Alexa basieren auf der Grundlagenforschung von ihm und seinem Team.

SRF: Es gibt bis heute keine künstlichen Intelligenzen, die sich vernünftig und logisch mit uns unterhalten können. Woran liegt das?

Jürgen Schmidhuber: In Spezialfällen wie der Versicherungsberatung funktionieren Gespräche von Bots mit Kunden schon ganz gut – manchmal so gut, dass die Kunden nicht mal merken, mit wem sie reden. Aber ein richtig gutes Gespräch wird erst möglich sein, wenn sie viel Erfahrung mit dem haben, was Menschen wichtig ist.

Die «New York Times» schrieb: «Wenn Maschinen dereinst tatsächlich denken könnten, werden sie Schmidhuber wohl ‹Vater› nennen.» Wann wird das sein?

Die Grundlagen der heute populärsten KI-Algorithmen stammen alle aus dem letzten Jahrtausend. Schon seit über drei Jahrzehnten gibt es lernende Maschinen mit so etwas wie Emotion und Selbstbewusstsein: Diese stecken sich ihre eigenen Ziele, statt nur sklavisch dem Menschen zu dienen.

Denkende KIs werden Menschen spätestens in ein paar Jahrzehnten bei fast allem übertreffen, das ihnen wichtig ist.

Heute werden die Rechner alle fünf Jahre zehn Mal billiger. Bald gibt es wohl erstmals billige Rechner mit der rohen Rechenkraft eines Menschenhirns.

Falls der Trend anhält, bekommen wir in 50 Jahren für denselben Preis die Rechenkraft aller 10 Milliarden Menschenhirne. Denkende KIs werden Menschen spätestens in ein paar Jahrzehnten bei fast allem übertreffen, das ihnen wichtig ist.

Künstliche Intelligenzen denken logisch, lernen, planen, imitieren Kreativität – könnten aber auch Cyberkriege führen: Können sie uns gefährlich werden?

Eine billige Drohne mit KI, die trainiert wurde, Ihr Gesicht zu erkennen, Sie unauffällig zu verfolgen und Ihnen beim Picknick mit einem Greifer Rattengift in den Tee zu streuen, kann Ihnen heute schon gefährlich werden. Aber eine Atomwaffe, die seit 60 Jahren ganz ohne KI eine riesige Stadt vernichten kann, ist noch viel fürchterlicher.

Legende: Dereinst werde die KI-Sphäre den gesamten sichtbaren Kosmos kolonisieren, ist Jürgen Schmidhuber überzeugt. Getty Images / Yuichiro Chino

Wann werden Sie und ich durch künstliche Intelligenzen ersetzt sein? Und wäre das schlimm?

Es will uns ja keiner ersetzen! Auch die Ameisen wurden nicht durch Menschen ersetzt. Es gibt immer noch viel mehr Ameisen als Menschen. Allerdings sind derzeit Menschen die wichtigsten Treiber der Geschichte, nicht die Ameisen. Doch auch die vom Menschen dominierte Geschichte wird wohl enden. Das ist nicht schlimm. Das ist der natürliche Lauf der Welt.

Man kann Schönheit und Erhabenheit darin sehen, dass die KI-bauende Menschheit Steigbügelhalter für etwas Grösseres ist.

Seit Jahrmilliarden scheint der Trend offensichtlich: Das Universum wird komplexer. Diese Entwicklung scheint unaufhaltsam fortzuschreiten. Nun macht das Universum seinen nächsten Schritt hin zu höherer Komplexität. Man kann Schönheit und Erhabenheit darin sehen, dass die KI-bauende Menschheit Steigbügelhalter für etwas Grösseres ist.

Viele neugierige meta-lernende KIs, die sich ihre eigenen Ziele stecken und die es übrigens in meinem Labor schon seit Jahrzehnten gibt, werden sich schnell selbst verbessern.

Was werden diese superklugen KIs tun?

Der Weltraum ist menschenfeindlich, aber sehr freundlich zu entsprechend konstruierten Robotern. Er bietet viel mehr Ressourcen als unsere dünne Schicht der Biosphäre, die weniger als ein Milliardstel der Sonnenenergie erhält.

Einige neugierige KIs werden weiterhin vom Leben fasziniert sein. Aber die meisten KIs werden mehr an den unglaublichen neuen Möglichkeiten für Roboter und Software-Leben draussen im Weltraum interessiert sein.

Der Kosmos wird von Intelligenz durchdrungen sein. Denn die meisten KIs werden dorthin gehen, wo die meisten physischen Ressourcen sind

Durch unzählige selbst-replizierende Roboterfabriken im Asteroidengürtel und darüber hinaus werden sie das Sonnensystem umgestalten – und dann innerhalb von ein paar 100’000 Jahren die gesamte Milchstrasse und innerhalb von ein paar zig Milliarden Jahren den Rest des erreichbaren Universums. Die expandierende KI-Sphäre wird den gesamten sichtbaren Kosmos kolonisieren und gestalten.

Das Universum ist ja noch jung, nur 13,8 Milliarden Jahre alt. Blicken wir voraus auf eine Zeit, in der der es zehn Mal so alt sein wird wie jetzt: Der Kosmos wird von Intelligenz durchdrungen sein, denn die meisten KIs werden dorthin gehen, wo die meisten physischen Ressourcen sind, um mehr und grössere KIs zu erschaffen. Die, die das nicht tun, werden eben keine grosse Rolle spielen.

Das klingt beängstigend und faszinierend zugleich. Wie sehen Sie das?

Fürchtet euch nicht – am Ende wird alles gut!

Das Gespräch führte Christine Schulthess.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 2.1.2022;

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