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Einkommenssituation der Kulturschaffenden hat sich erneut verschlechtert
Aus Kultur-Aktualität vom 24.06.2021.
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Kunst und Prekariat So wenig verdienen Schweizer Kulturschaffende

Die Einkommenssituation der Schweizer Kulturschaffenden hat sich verschlechtert. Eine neue Studie zeigt: 60 Prozent verdienten zwischen 2017 und 2019 jährlich 40'000 Franken oder weniger – das sind 10 Prozent mehr als bei der letzten Befragung 2016.

Zum Vergleich: Der Schweizer Durchschnittslohn von Angestellten betrug in den drei Vor-Corona-Jahren doppelt so viel: nämlich rund 80'000 Franken, bei 100 Prozent Tätigkeit. Nicole Pfister Fetz, Präsidentin von Suisseculture Sociale und eine der Auftraggeberin der Studie, ordnet die Resultate ein.

Nicole Pfister Fetz

Nicole Pfister Fetz

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Nicole Pfister Fetz ist Präsidentin von Suisseculture Sociale.

SRF: Mit den neuen Zahlen lässt sich ohne Übertreibung sagen: Kunst ist zwar wichtig, aber sie ist uns als Gesellschaft nicht besonders viel wert.

Nicole Pfister Fetz: Ideell hat Kultur sicher ihren Wert. Wir sprechen hier von der ökonomischen Seite der Kunst und wie professionelle Kulturschaffende entschädigt werden. Und da könnte man einiges mehr tun.

Die Zahlen zeigen es: Professionell Kunst machen, bedeutet in der Schweiz oft Prekariat - und das trotz Broterwerb. Wie kommt das?

Kulturschaffende arbeiten in ganz verschiedenen Formen, oft kombinieren sie selbstständige und unselbstständige Erwerbstätigkeit. Eine Autorin schreibt etwa ein Buch als Selbstständige oder eine bildende Künstlerin erarbeitet eine Plastik, daneben haben beide kleinste Aufträge, einen Lehrauftrag von zwei Tagen an einer Hochschule oder sie schreiben für ein Journal.

Weil sie wenig verdienen, ist es für viele Kulturschaffende unabdingbar, dass sie noch zusätzliche Einkommen generieren. Alles zusammen gestückelt ergibt das ein Gesamteinkommen, mit dem sie knapp leben können.

Die Eckdaten zur Studie

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Für die aktuelle Studie gaben 1500 Kulturschaffende Auskunft. Erstellt wurde sie im Auftrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und von Suisseculture Sociale, dem Sozialfonds des Dachverbands der Schweizer Kulturschaffenden.

Hybride Arbeitsformen, geringe Einkommen, häufig tiefe Prozentzahlen bei Anstellungsverhältnissen: Das hat Folgen für die Sozialversicherungen und Altersvorsorge von Künstlerinnen und Künstlern.

Man kann eigentlich von «Working Poor» sprechen, denn der Umsatz ist so tief, dass es nicht reicht, um Vorsorge, Versicherung und Absicherung zu leisten. Auch deshalb, weil das schweizerische Sozialversicherungswesen auf ein klassisches Arbeitsmodell ausgerichtet ist: Es gibt entweder Angestellte oder Selbstständige.

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Kulturschaffende: «Vorsorgen muss man sich erst leisten können.»
Aus Tagesschau vom 21.06.2020.
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Eine der Forderungen von Seiten Suisseculture ist darum, für mehr Flexibilität in den Systemen zu sorgen.

Wir wissen alle, dass Sozialversicherungssysteme sehr komplex sind. Aber es gibt Ansätze, um Menschen in atypischen Arbeitsverhältnissen besser zu berücksichtigen.

Zum Beispiel müssten auch Kleinsteinkommen in die Sozialversicherungen einfliessen können. Das heisst: Auch darauf müsste Altersvorsorge zumindest in der ersten Säule geleistet werden. Man kann auch überlegen, wie auch für kleine Einkommen eine zweite Säule zu sichern wäre.

Es gibt auch Forderungen von Suisseculture, dass Honorare und Entschädigungen für Kulturschaffende existenzsichernd sein müssen.

Das heisst, dass professionelle Kulturschaffende für etwa Festivalauftritte ein angemessenes Honorar bekommen. Das heisst andererseits, dass für kleine Lehraufträge auch bei einem Einkommen von unter 2300 Franken die AHV abgerechnet wird, ohne dass einzeln nachverhandelt werden muss. Das sind solche Beispiele, die etwas verbessern könnten.

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Kulturschaffende: Wenig Einkommen und schlecht vorgesorgt
11:50 min, aus Kontext vom 04.05.2017.
abspielen. Laufzeit 11:50 Minuten.

Aber höhere Gagen an Festivals würden bedeuten, dass Kultur für Konsumentinnen und Konsumenten teurer wird?

Das ist eine lange und wichtige Diskussion. Da kommen wir auf die Anfangsfrage zurück: Wie viel ist uns die Kultur wert und was braucht es, damit man adäquat entschädigen kann? Vor allem ist wichtig, dass Budgets für Kulturveranstaltungen nicht auf dem Buckel der Kulturschaffenden entlastet werden. Sie müssen adäquat sein und es erlauben, die Kulturschaffenden adäquat zu honorieren.

Das Gespräch führte Ellinor Landmann.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 24.06.2021, 17:10 Uhr;

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Mattia Serena  (Mattia Jonathan)
    Das Thema ist vielschichtig. Leider ist es beinahe unmöglich, einer Person, die kein Interesse an Kunst in irgendeiner Form hat, zu erklären, wie wichtig sie sein kann für andere. Überlebenswichtig. Wie Nahrung, nur halt in einer anderen Form. Und die Nahrungsmittelherstellung geniesst in der Schweiz ja eigentlich ein hohes Ansehen.
  • Kommentar von Alexander Näpflin  (Johnny Rotten)
    "Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country!" John F. Kennedy's Antrittsrede als 35. Präsident der USA bringt es nach wie vor auf den Punkt.

    Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alle Erscheinungsformen menschlichen Daseins, die auf bestimmten Wertvorstellungen und erlernten Verhaltensweisen beruhen und die sich wiederum in der dauerhaften Erzeugung und Erhaltung von Werten ausdrücken.
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Vielleicht haben wir in der Schweiz zu viele, welche von ihrem Kulturschaffen leben möchten?
    1. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Kann ja sein, aber wer wagt schon freiwillig prekäre Lebensbedingungen? Sicher ist auch da Qualität wichtiger als Quantität, trotzdem hier noch ein quantitativer Vergleich:
      Wussten Sie, dass übers Jahr in der Schweiz mehr Leute in Museen als in Sportstadien gehen?
    2. Antwort von Jonas Sanddorn  (Sanddorn)
      @Drack: Natürlich besuchen viele Leute gerne Museen wie das Verkehrshaus Luzern, das Maison Cailler oder das Freilichtmuseum Ballenberg. Aber was wollen Sie mit dem suggerieren?