Lässt sich Glück erwirtschaften?

Nicht Konkurrenz sei der wichtigste Antrieb der Evolution. Sondern Kooperation, Kommunikation und Kreativität. Das behaupten Annette Jensen und Ute Scheub in ihrem Buch «Glücksökonomie. Wer teilt, hat mehr vom Leben». Daran machen sie eine Vielzahl von alternativen Formen des Wirtschaftens fest.

Ein Kind streckt die Arme gen Himmel, an dem Luftballons zu sehen sind. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wenn wir Güter und Dienstleistungen teilen, kommen wir dem Glück ein Stück näher – so die These des «Glücksökonomie». FLICKR/Camdiluv

Das Glück der Menschen komme in der westlichen Wirtschaftsform zu kurz, schreiben die Publizistinnen Jensen und Scheub, die beide einst bei der «taz», der linken «tageszeitung» in Berlin, gearbeitet haben. Das Denken in Konkurrenzverhältnissen und das ständige Dürsten nach Wachstum würden die Welt über kurz oder lang in die ökologische Katastrophe führen und grosse soziale Probleme verursachen. Die auf dem freien Wettbewerb basierende Wachstumswirtschaft entspreche dem menschlichen Wesen überhaupt nur in sehr geringem Masse.

Eine Fundgrube an alternativen Wirtschaftsprojekten

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Buchhinweis

Annette Jensen, Ute Scheub: «Glücksökonomie. Wer teilt, hat mehr vom Leben», München 2014

Scheub und Jensen beschreiben in ihrem anregenden Buch eine Fülle von wirtschaftlichen Projekten und von Unternehmen, die ihres Erachtens der menschlichen Suche nach Glück gerechter werden. Sie besuchen Genossenschaften, beleuchten die «Open Source»-Bewegung, berichten über die «SharEconomy».

Stadt und Land, reiche und arme Staaten haben sie im Blick. Ihre Perspektive ist global, sie berücksichtigen Lateinamerika ebenso wie Norditalien oder die digitale Bohème der Grossstadt Berlin.

Das Verhältnis zum Besitz sei heute bei vielen Leuten im Wandel begriffen, stellen sie fest. Gerade Personen, die sich übers Internet austauschen, liege oft wenig daran, ein Auto oder einen 3D-Drucker zu besitzen. Über einschlägige Plattformen lässt sich das einfach tauschen und kollektiv nutzen.

Teilen statt herrschen

Wenn Güter und Dienstleistungen gemeinsam genutzt werden, lassen sich die Bedürfnisse der Menschen weltweit besser und ressourcenschonender abdecken, schreiben die beiden Autorinnen von «Glücksökonomie». Weil eine intensivere Nutzung für alle kostengünstiger ist – und nachhaltiger.

Ein geteiltes Auto erübrigt neun bis 13 Privatwagen, stellte die Universität von Kalifornien in einer Studie fest. 80 Prozent der Gegenstände in einem US-Haushalt werden weniger als einmal im Monat gebraucht. Bohrmaschinen sind pro Jahr durchschnittlich gerade mal drei Stunden im Einsatz.

Und nicht nur den Verbrauch könne man auf eine gemeinschaftliche Grundlage stellen, sondern auch die Betriebe. Selbstbestimmung ist für Jensen und Scheub dabei der wichtigste Begriff, denn Hierarchien sehen sie als schädlich an: In ihnen verpuffe «kreative Energie, und kollektive Intelligenz entsteht gar nicht, weil ja ‹der Boss› verantwortlich ist». Flache Hierarchien, ja ein egalitäres Modell der Betriebsorganisation sei auch in Grossbetrieben realisierbar.

Kooperation statt Konkurrenz

Den wichtigsten Glücksfaktor für Menschen stellten stabile Bindungen dar. Diese liessen sich in selbstbestimmten Formen des Wirtschaftens viel besser leben und pflegen als im «Rattenrennen» von Statuswettlauf und Wachstumsbesessenheit, sagt Ute Scheub.

Etwas maliziös könnte man bemerken: Auch aus liberalem Blickwinkel sind diese Wirtschaftsformen, die zur Zeit (noch?) in Nischen gedeihen, durchaus erwünscht. Denn auch diese Konkurrenz belebt das Geschäft. Selbst wenn dieser Gedanke den Standpunkten im Buch «Glücksökonomie. Wer teilt, hat mehr vom Leben» natürlich widerspricht.

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