Zum Inhalt springen
Inhalt

Gesellschaft & Religion Landeshymne? Braucht es nicht! Adolf Muschgs Rede zum 1. August

In der ganzen Schweiz werden heute Reden zu Ehren der Heimat gehalten. Wir haben den Schriftsteller Adolf Muschg gebeten, eine persönliche Rede zum Nationalfeiertag zu schreiben. Er findet: Unsere Landeshymne sollte entsorgt werden.

Adolf Muschg im Porträt.
Legende: Brauchen Schweizer eine Landeshymne? Adolf Muschg findet nein. SRF / Lukas Maeder

«Wenn der Firnen Glanz sich rötet / Betet, freie Schweizer, betet!» Bei diesen Worten rötete sich auch die Stirn meines frommen Vaters, aber im Zorn. Er liebte es wohl, sein Vaterland, aber Gott darin zu suchen, fiel ihm nicht ein; und wer Götzendienst trieb, dem begegnete er mit eigenen Spott.

«Trittst im Morgenrock daher», anders habe ich ihn den «Schweizerpsalm» nie zitieren gehört. Zum Glück hatten wir damals noch eine richtige Nationalhymne, und alle Jahre wieder, am 1. August – damals noch im Weltkrieg – trieb sie mir das Wasser in die Augen: «Stehn wir den Felsen gleich, nie vor Gefahren bleich, froh noch im Todesstreich, Schmerz uns ein Spott». Gesungen auf die Melodie von «God save the King».

Erst als so viel Heldentum die Schweiz, die es nicht hatte beweisen müssen, zu genieren anfing, besann man sich auf landeshymnisches Eigengewächs. Dass man den Text des «Schweizerpsalm» nicht singen kann, also auch kaum hören muss, ist das Gnädigste, was man über ihn sagen kann. Aber da man die schöne Melodie weder mit da-da-da begleiten noch, wie Spanien oder San Marino, sprachlos lassen will, erleben wir alle zehn Jahre wieder den Anlauf zu einem endlich zeitgemässen, endlich haltbaren Text. Diesmal hat die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft Volkes Stimme zum Wettbewerb antreten lassen und das Resultat ins Netz gestellt: sechsmal «Schweizerpsalm» ohne Morgenrot und Strahlenmeer, und kein Helm ab zum Gebet. Jetzt soll doch, wie sich`s gehört, die Mehrheit ihren Hymnus selber wählen.

Aber Landeshymnen sind wie geerbte Stilmöbel; passen sie nicht mehr in den Haushalt, so entsorgt man sie – oder muss sich den Luxus leisten, sie als Erinnerungsstücke an eine Zeit zu behandeln, als die Nation noch sangbar schien. Mir ist nur ein einziges Beispiel einer gelungenen neuen Landeshymne bekannt. Ihre letzte Strophe lautet: «Und weil wir dies Land verbessern /Lieben und beschirmen wir`s / Und das liebste mag`s uns scheinen /So wie andern Völkern ihrs.» Bertolt Brecht hat sie «Kinderhymnus» genannt und 1949 der neu gegründeten DDR gewidmet, und ihre Herren haben sie, wie sich versteht, respektvoll ignoriert. «Und das liebste mag`s uns scheinen» – auch kein schweizerischer Souverän würde dieser Einladung zur Bescheidenheit im Vergleich, zur Relativität seiner patriotischen Gefühle folgen . Obwohl «mögen» gerade auf Schweizerdeutsch einmal «lieb haben» bedeutete – es gab gar kein anderes Wort. Also auch kein besseres.

Drei Schweizer Kulturschaffende zum 1. August

Ansichten: Schweizer Literatur

Ansichten: Schweizer Literatur
Legende: Lukas Maeder

Mehr zu lesen und zu hören über Adolf Muschg gibt's auf unserer Literaturplattform «Ansichten».

40 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Jürg Bünter, Pipa (Brasilien) früher Schlieren ZH
    Es ist mir schnuppe, was Muschg zur Hymne sagt, wichtiger ist was unsere Schweizer Mitbewohner fühlen zur Heimat und wie sie das Miteinander leben. Wo der einzelne Politisch gesehen steht ist doch Privatsache. Stolz auf die Schweiz können wir allemal sein, die Demokratie wie wir sie ausüben würde manchem anderen Land guttun. Der 1. August ist ein Volks-Feiertag, den wir uns nicht schlechtredenlassen sollten...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Rolf Bolliger, Orpund
    Sie, Herr "fuchs", stehen auf der "richtigen Seite"! Innert Sekunden werden solche "PRO MUSCHG und ANTI ANDERSDENKENDEN populistische Kommentare problemlos aufgeschaltet! Wer sich wehrt oder eine kritische Ansicht zum "Halbgott" Adolf Muschg (und deren Heiligsprecher!) äussert, wird umgehend entsorgt! Hier im SRF-Forum komme ich mir immer mehr vor, wie ein diktatorisch geknebelten ehemaligen DDR-Bürger! Die Absicht ist klar: Die SRF-Ideologen wollen UNS den Verleider als Mitschreiber anhängen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von beni fuchs, schaffhausen
      @ R. Bolliger: Es gibt keine richtige oder falsche Seite, aber Menschen mit verschiedenen Ansichten, die im Idealfall gegenseitig zu respektieren sind, und die sich in einer sogenannten 'Demokratie' letztendlich im Kompromiss finden müssen. Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was ein 'populistischer Kommentar' ist? Meine Erfahrung zeigt, dass SRF sämtliche, auch recht extreme Meinungen hier zulässt, es sei denn, der 'Beleidigungsfaktor' überbordet. Ich lese hier mehr Hetzterisches aus rechter Ecke
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Rolf Bolliger, Orpund
      Bin mit Ihnen völlig einig: Es gibt verschiedene Meinungen, die gegenseitig zu respektieren sind! Nur, lesen Sie, Herr "fuchs", nochmals ganz ruhig und sachlich Ihren Beitrag von 11:47 h durch. Dass Sie sich dabei als populistischen AKW-Gegner outen, ist Ihr legales Recht. Andere Meinungen zum gegenwärtig brennendsten Problem im Land, aber als "hetzerisches Blabla im Kopf" zu verurteilen, hat mit Ihrer "Belehrung" (von 12:46 h) gar nichts mehr zu tun! Das ist egoistische Selbstüberschätzung!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von beni fuchs, schaffhausen
      Hr Bolliger, wenn Sie eine ironische Bemerkung auf eine skurrile Textzeile (Seh ich dich im Strahlenmeer) als populistisch bezeichnen, ok. Vor- und Nachteile der Atomkraft sind zu komplex, um in 500 Zeichen abzuhandeln. Ebenso die Asylfrage, bei der Links wie Rechts vieles falsch macht und gemacht hat! Wenn der Status Quo nun einfach in Ausländerhass umschlägt, hat das nichts mit den 'frommen Seelen' zu tun, die wir laut Landeshymne gerne wären. Mit wettern lösen wir keine Probleme.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von beni fuchs, schaffhausen
    Die erste Strophe könnten wir nach Japan verkaufen, passt besser, diese in Fukushima zu singen... oder den Atommüllfässern als Grabbeigabe im zukünftigen Tiefenlager deponieren... und wenn ich an die ständige Flut von Hassmails von rechter Seite denk, was soll die Sülze von 'frommer Seele'? Ist doch echt nur inhaltsloser Brei... Ein bisschen mehr Moral ( = soziales Verständnis) im Herzen, dafür etwas weniger hetzerisches Bla Bla im Kopf tät uns allen gut... nicht nur am 1. August.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten