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«Generalstreik 1918 – die Schweiz am Rande eines Bürgerkrieges»
Aus DOK vom 08.02.2018.
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Landesstreik von 1918 Robert Grimm – Vater des Landesstreiks wider Willen

November 1918: Der Sozialdemokrat Robert Grimm ruft zum landesweiten Generalstreik auf. Grimm trifft diesen Entscheid eher widerwillig. Dass es zum Streik kommt, ist mehr der Angst der bürgerlichen Politiker vor rotem Terror geschuldet.

Januar 1918: In der Schweiz, obschon verschont vom blutigen Krieg in Europa, sind die Lebensbedingungen hart. Von den knapp 4 Millionen Einwohner leiden 700'000 unter Mangel an Lebensmitteln. Sie holen ihr Essen in Suppenküchen, die die Behörden einrichten.

Mehr Lebensmittel – sofort

Der sozialdemokratische Nationalrat Robert Grimm organisiert im Februar 1918 in Olten eine Konferenz. Die Teilnehmer gründen das «Oltener Aktionskomitee».

Das Aktionskomitee fordert eindringlich eine bessere Lebensmittelversorgung: «Wird diesem Verlangen nicht innerhalb zweimal 24 Stunden entsprochen, ist sofort der Landesstreik zu proklamieren.»

Frauen und Kinder stehen Schlange vor einer Tür. Sie tragen alle Milchkesseli.
Legende: Frauen und Kinder warten in Basel auf die Ausgabe von Lebensmitteln. Stadtarchiv Basel

Die Streikdrohung wird zurückgenommen

Das Aktionskomitee trifft sich noch viele Male, allerdings nie mehr in Olten. Der Druck auf den Bundesrat steigt. Er beginnt mit Robert Grimm zu verhandeln.

Nach und nach erfüllt die Regierung eine Reihe der Forderungen. Die Löhne steigen langsam. Zudem verbessert sich im Sommer 1918 die Lage der Arbeiterklasse, da eine langersehnte Getreidelieferung aus den USA eintrifft.

Die sozialdemokratische Partei konstatiert befriedigt, der Bundesrat habe «grosse Zugeständnisse» gemacht. Die Parteizeitung «Berner Tagwacht» schreibt, die Generalstreik-Drohung sei «als beendet zu betrachten».

Angst vor dem roten Terror

Doch der Erfolg der Sozialdemokraten alarmiert bürgerliche Kräfte. Sie treibt die Angst um vor der bolschewistischen Revolution in Russland, die mit blutigem Terror gegen das Bürgertum vorging. Die Machtübernahme der Sozialdemokraten in Deutschland und Österreich verunsichert zusätzlich.

Das Bürgertum erinnert sich mit Schaudern daran, dass Robert Grimm zu Beginn des Ersten Weltkriegs den russischen Revolutionär Lenin in die Schweiz geholt hat.

Männer stehen zusammen für ein Gruppenfoto. Alle in schwarzen oder grauen Anzügen.
Legende: Das Oltenener Aktionskomitee versammelt vor dem Militärgericht. Bundesarchiv Schweiz

Grimm wollte den friedlichen Machtwechsel

Zwar plante Grimm nie einen gewaltsamen Umsturz. Im Gegenteil: Bereits am ersten Abend, als Lenin in Bern eintraf, stritten sich die beiden darüber, wie die Revolution organisiert werden sollte.

Lenin trat für offene Gewalt ein. Grimm hoffte, die Masse der Arbeiter würden früher oder später die Macht friedlich erobern. Lenin schreibt später, Grimm sei «ein Schuft der Politik», ein «Schurke», dem «die Maske vom Gesicht zu reissen» sei.

Ein Spitzel schürt die Paranoia

Doch das Schweizer Bürgertum misstraut Robert Grimm. Die Armee schleust einen Spitzel ein an einem Kongress, den Grimm leitet. Der Spitzel berichtet, es sei beschlossen worden, «russische Verhältnisse in der Schweiz einzuführen».

Der Umsturz werde durch «ein telegraphisches Losungswort bekanntgegeben». Danach würden die Bundesräte verhaftet und Zeughäuser und Munitionsdepots gestürmt: «Es kommt ziemlich sicher zu einem ungeleiteten grausamen Guerilla-Bürgerkrieg.»

In Tat und Wahrheit ist der sogenannte Basler Arbeiterkongress ein friedlicher Anlass. Zwar dominieren zeitweise radikale Wortmeldungen, doch mit 277 gegen 4 Stimmen entscheiden sich die Kongressteilnehmer für Verhandlungen mit dem Bundesrat und gegen einen Generalstreik.

80'000 Soldaten zu den Waffen gerufen

Gestützt auf den Spitzelbericht beginnen Armee und Bundesrat eine Geheimplanung. Anfang November 1918 glauben sie, das Losungswort entdeckt zu haben.

Im "Volksrecht" findet sich eine fünfzeilige Meldung: «Jugendliche! Benutzt die Zeit des Versammlungsverbots zu eurer Bildung, lest, arbeitet, macht Wanderungen. In Bälde wird der Platzvorstand zu einer Aktion aufrufen. Rüstet euch, reserviert den 10. November.»

Der Bundesrat mobilisiert die Armee. Zu den 15‘000 Soldaten, die gegen Kriegsende noch unter Waffen stehen, kommen innert kürzester Zeit rund weitere 80‘000 Soldaten dazu.

Soldaten stehen auf einem Platz. Überall sind Gewehre gestapelt.
Legende: Mobilmachung in Bern: Soldaten warten auf ihre Befehle. Bundesarchiv Schweiz

Von der Mobilmachung überrumpelt

Das Oltener Aktionskomitee tagt in Bern, denkt zu diesem Zeitpunkt bereits über seine Auflösung nach, da es seine Ziele erreicht hat.

Es beschliesst einen eintägigen Proteststreik gegen die Mobilisierung der Armee und schreibt, es sei in einem «Augenblick, da unsere Bewegung sich in einem Ruhestadium befand», überrumpelt worden.

Die Zürcher Arbeiterbewegung bricht den Proteststreik nicht ab und demonstriert weiter. Das Militär antwortet mit Warnschüssen. Drei Arbeiter werden verletzt, ein Soldat stirbt.

Sendehinweis

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Ein Mann steht am Rednerpult mit erhobenem Zeigefinger. Hinter ihm sitzt der Ratspräsident.
Legende: SRF / /Severin Nowacki

100 Jahre nach den Ereignissen, welche die Schweiz 1918 erschütterten, realisiert SRF eine Doku-Fiktion, die Ursachen, und Folgen der gesellschaftspolitischen Krise behandelt. In den Hauptrollen der fiktionalen Szenen sind Schauspieler zu sehen, in Nebenrollen treten Bundesparlamentarier auf.

SRF 1, Donnerstag, 8. Februar 2018, 20:05 Uhr

Grimms Vermächtnis: Mehr als nur der Streik

Das Oltener Aktionskomitee muss reagieren, wenn es nicht die Kontrolle verlieren will: Robert Grimm entscheidet sich für den landesweiten Generalstreik.

In Grenchen sterben schliesslich drei Arbeiter, die Fronten verhärten sich. Mit diesem blutigen Ereignis geht Grimm in die Geschichtsbücher ein, obwohl er von einer friedlichen Revolution der Arbeiter träumte.

Sein Vermächtnis umfasst aber auch das, was die Streikenden forderten: ein Frauenstimmrecht, eine AHV, ein gerechteres Wahlsystem und die Kürzung der Arbeitszeit.

Robert Grimm erlebt die Umsetzung eines Teils dieser Forderungen noch. Er stirbt 1958, drei Jahre nach seinem Rücktritt als Nationalrat.

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29 Kommentare

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  • Kommentar von Marlies Artho  (marlies artho)
    H. Zumstein leider wurde der 2. Beitrag zensuriert an H.P. Müller warum? Schade, da man die Ausgabenseiten auch von einer anderen Perspektive mit einbeziehen sollte. Freundlicher Gruss M. Artho
    1. Antwort von Marlies Artho ,
      H. Zumstein danke für das veröffentlichen dieses Beitrages. Jedoch der 2. Beitrag von Gestern der 1. ist am 15 22 Uhr, der andere etwas später, dieser fehlt noch, weshalb? Danke für das Verständnis. M.Artho
  • Kommentar von Daniel Moser  (Daniel Moser)
    Der Film der SRG zeigt in einer differenzierten Weise die Geschichte des Landesstreiks auf. Auf der bürgerlichen Seite setzt allerdings die Zürcher Szene mit Sonderegger etwas sehr in den Vordergrund. Gerade auch von militärischer Seite gab es auch andere Vorgehensweisen, wie etwa der Platzkommandant von Bern, Korpskommandant Wildbolz oder von Oberstleutnant Heinrich Türler im Landesstreikprozess von 1919.
  • Kommentar von Marlies Artho  (marlies artho)
    Anscheinend ist es nicht gelungen über all die Jahre hinweg,sich echt für den Frieden einzusetzen um für das allgemeine Wohlergehen der Bevölkerung zu sorgen.Der Wohlstand wurde erreicht über einige Jahre hinweg,wo der Sozialstaat auch sehr profitierte,man konnte grosszügig mit Geld umgehen.Jedoch ist es wie bei allen,Übertreibungen es führt zu Wiederstand,sei dies gegen die Reichen oder den zu grossen Staatsapparat,da Ausgaben auch in das unermessliche verlaufen, dies generiert Sparprogramme.
    1. Antwort von Hanspeter Müller ,
      In all jenen Kantonen wo jetzt so sehr gespart werden muss gingen Steuersenkungen an hohe Einkommen und/oder an Firmen voraus. Die Kantone sind nicht knapp bei Kasse weil sie zu viel ausgeben mussten, sondern weil sie zu wenig eingenommen haben.
    2. Antwort von Marlies Artho ,
      H.P. wieso versucht man immer wieder nur eine Seite zu betrachten und alles auf die Steuersenkung,die Reichen zu schieben.Der Sozialstaat hatte in guten Zeiten sehr viel Geld zur Verfügung und konnte grosszügig handeln. Dieser Kampf gegen Reiche,ob sich dies Lohnt? Immerhin bezahlen sie um einiges mehr Steuern,auch mit Vergünstigung lt. Walti FDP bis zu 5 Milliarden. Erklären Sie mir,wie diese Summe ausgeglichen werden sollte,wenn eventuell einige abwandern und in Steuergünstigere Länder ziehen.