Kalter Kaffee

Nina Mavis Brunner sucht im natürlichen Habitat der Rätoromanen vergeblich nach hinterwäldlerischen Zeitgenossen. Stattdessen fällt sie wie Alice ins Wunderland und schmunzelt beruhigt in sich hinein.

Blick aus einer Röhre in eine Baumkrone. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nina Mavis Brunner guckt aus der Röhre – statt Nachsehen hat sie einen traumhaften Blick in die Baumkronen. Nina Mavis Brunner

Ich konzentriere mich auf meine Atmung, um einer Schockstarre entgegen zu wirken, als ich beim Haupteingang der «Heidiland»-Raststätte ankomme. Ich wollte mir lediglich einen ersten Kaffee gönnen, doch wie es der Zufall will, schlägt die Uhr gerade zur vollen Stunde. Im Turm über dem Haupteingang reisst eine Art Holztür auf, zwei Puppen in Tracht erscheinen auf dem kleinen Balkon und aus übersteuerten Lautsprechern scheppert es schrill: «Heeeeiiidiiiii, Heeeeeeiiiiiidiiii, deine Welt sind die Beheergeee!»

Ich bin sprachlos. Die Japaner neben mir ebenso. Ehrfürchtig zücken sie ihre Fotokameras. Die «Piefke-Saga» lässt grüssen. Und der Kaffee als Wachmacher hat sich sogleich erübrigt.

Klischees vermarkten, bis wir sie selber für bare Münze nehmen?

Über Blumenkästen ragt ein geschmücktes Bier-Schild empor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Bergrestaurant oberhalb von Chur. Nina Mavis Brunner

Nach dieser Episode verwundert nicht, was mir Gustl oberhalb von Chur erzählt. Der sympathische, etwas schüchterne Südtiroler – mit Öhibart und Chüeli-Ohrring notabene – schaut seit fünf Jahren bei der Bergstation nach dem Rechten. Beim täglichen Kontakt mit der Gattung Tourist scheint er bereits manch Wunderliches beobachtet zu haben.

Beispielsweise, dass viele Asiaten gar nicht erst aus der kleinen Gondel aussteigen, wenn sie oben ankommen. Vergnügt blieben sie sitzen, um direkt wieder talwärts zu schaukeln. Halten einige Besucher unser Alpenidyll für eine Art Funpark mit Gondel-Karussell? Und falls dem tatsächlich so ist, kann man es ihnen verübeln? Spätestens beim Mittagessen im nahegelegenen Bergrestaurant komme ich zum klaren Schluss: Nein, das kann man nicht.

Der überaus freundliche Wirt empfängt uns in Gummilatschen und bayrischer Lederhose. Das Bild vom besagtem Gasthaus überlasse ich hiermit gerne Ihrer persönlichen Interpretation.

Ministry of silly walks verlegt Hauptsitz zu Alice ins Wunderland

Nach der ersten Ration Höhenluft fürchte ich eine allergische Reaktion. Der Berggrat zwischen touristischer Vermarktung und Ausverkauf dünkt mich persönlich jedenfalls bedrohlich schmal.

Umso mehr freue ich mich, als wir die beiden Künstler kennenlernen, die wir in der dritten Folge unserer Sommerreihe portraitieren. Beide verfügen über ein gesundes, erdiges Selbstvertrauen und eine ordentliche Ladung Schalk.

Der Künstler Mirko Baselgia taucht ab ins Wunderland. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Künstler Mirko Baselgia taucht ab ins Wunderland. Nina Mavis Brunner

Unabhängig voneinander stellen sie mich bei den Interviews schelmisch auf die Probe. So weiss ich nun, dass das «ministry of silly walks» seinen Hauptsitz in die bündner Berge verlegt hat (s. Interview mit Mirko Baselgia) und geniesse eine exklusive Führung durch das rätoromanische «Wunderland». Zwar ist der Einstieg in ebendieses Wunderland dem Filmschnitt zum Opfer gefallen, ein Foto davon, mit Tour-Guide Mirko Baselgia, möchte ich Ihnen dennoch nicht vorenthalten.

Beruhigt wieder talwärts

Macht Höhenluft lustig? Ich hatte jedenfalls aufrichtig Spass und hoffe, Sie haben ihn beim Zuschauen auch. Wenn die Mehrheit der jungen Rätoromaninnen und Rätoromanen derart selbstverständlich mit ihrem Sprach- und Kulturschatz umgeht wie unsere zwei Protagonisten, mache ich mir fürs Erste jedenfalls keine Sorgen um die «vom Aussterben Bedrohten». «Chill da Leba!»

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 17.07.2013 22:20

    Kulturplatz
    Mit Nina Mavis Brunner bei den Rätoromanen

    17.07.2013 22:20

    In dieser Folge von «Landesteile - Vorurteile» unterhält sich Nina Mavis Brunner mit der Sängerin Bianca Mayer alias Bibi Vaplan im Engadin und mit dem Künstler Mirko Baselgia im Albulatal über Selbstverständnis und Mentalität der Rätoromanen - und über Klischee-Vorstellungen von Deutschschweizern.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Wie Künstler Mirko Baselgia bündnerische Stereotype verfremdet

    Aus Kulturplatz vom 17.7.2013

    Mirko Baselgia wusste bereits als Elfjähriger, dass er Künstler werden wollte - ein steiniger Weg für den jungen Sohn des Dorfschreiners von Lantsch im Albulatal, das nicht eben für eine vitale Kunstszene bekannt ist. Heute, 20 Jahre später, ist Mirko Baselgia ausgezeichnet mit dem Manor Kunstpreis des Kantons Graubünden und feiert Erfolge mit seiner naturnahen Kunst, die sich inspiriert aus bündnerisch-heimatlichen Elementen wie Murmeltieren, Bienen oder Arvenholz.

    Richard Herold