Lass uns Kapitalismus spielen!

Die Welt der Grossen – einfach kleiner: «KidZania» ist ein Spielplatz der ganz anderen Art. Nach der Devise «Früh übt sich» sollen hier Kinder in Autowerkstätten, Geschäften, Banken und Krankenhäusern an das Erwerbsleben der Erwachsenen herangeführt werden – mit oft fragwürdigen Methoden.

Ein Mädchen hält einen Spielgeldschein in die Kamera. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Geld in der «KidZania»-Währung «KidZo» wird erst verdient – und dann wieder stolz ausgegeben. Flickr/Pierre Caillault

«KidZania» ist eine Stadt fast wie im richtigen Leben: mit Hotels und Restaurants, Friseursalons und Autowerkstätten, Geschäften und Banken, Flughafen und Krankenhaus. Und mit viel Betrieb an jeder Ecke. Nur dass sich hier alles im Kleinen abspielt: auf knapp 8000 Quadratmetern im Massstab 1:3.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Originalgetreu, realitäts- und praxisnah reduziert «KidZania» die Welt der Erwachsenen auf das Liliput-Format. Und genau wie im Leben der Grossen gilt auch in dieser Kinderstadt: ohne Fleiss kein Preis! Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Darum geht es in «KidZania»: Im Playmobil-Umfeld soll der Nachwuchs hier den «Ernstfall» trainieren – den Eintritt ins Erwerbsleben, spielerisch, interaktiv und ohne jeden Zwang. Die Karriereplanung, so die Betreiber des Themenparks, könne nicht früh genug einsetzen.

Unglaublich, was Kinder alles können. Wenn man sie lässt ...

Kinder zielen mit Wasserschläuchen auf ein vermeindlich brennendes Haus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vom Helm bis zum Wasserwerfer: In «KidZania»-Parks wird die Erwachsenenwelt getreu nachgebildet. Flickr/Pierre Caillault

«KidZania»-Broschüren und Werbespots preisen das Lernmodell als eminent pädagogisch wertvoll an: «Unglaublich! Was Kinder alles können! Wenn man sie nur machen lässt! Bei uns können sie Erfahrungen sammeln, in Teams arbeiten und sich dabei ganz wie Erwachsene fühlen. Und alles in einem Umfeld, das der Kreativität keine Grenzen setzt.»

Weltweit operieren bereits ein gutes Dutzend «KidZanias», unter anderem in Mexico City, Tokio, Bangkok, Kuala Lumpur, Rio de Janeiro, Dubai und Lissabon. Weitere Filialen sind geplant – auf allen Kontinenten.

Wunderland des Geldverdienens

Und das funktioniert so: Eltern geben ihre Zöglinge ab, wo der Ausflug ins Wunderland des Geldverdienens beginnt: am «KidZania»-Airport. Mit ihrem «KidZania»-Pass marschieren die Kleinen – zwecks Kontoeröffnung – zur Bank und von dort, je nach Neigung und Neugierde, direkt zum ersten von insgesamt rund sechzig Arbeitgebern. Der eine kann sich als Feuerwehrmann oder Pilot versuchen, die andere als Verkäuferin oder TV-Moderatorin. Bezahlt werden die Jobs in der Spielgeldwährung «KidZo».

Vier Stunden dauert eine Schicht im Arbeitswelt-Simulator. Wer während seines «KidZania»-Aufenthalts immer schön fleissig ist, sein Geld spart und nicht alles gleich in Süssigkeiten investiert, kann sich fürs nächste Mal in der «KidZania»-Universität einschreiben und sich nach erfolgreichem Abschluss weiter qualifizieren – um noch besser zu verdienen.

«Karriereplanung für Kids»

Zwei Mädchen mit Arztkitteln und Mundschutz sind in einer Zahnarztpraxis über eine liegende Puppe gebeugt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Arbeiten macht Spass! In einer fiktiven Zahnarztpraxis machen Kinder auf Erwachsene. Flickr/hanenashi

Ausgedacht hat sich das Modell der «Karriereplanung für Kids» der mexikanische Unternehmer Xavier López Ancona. «Die Ausgangsidee war ganz einfach», sagt er: «Wenn Kinder spielen, imitieren sie die Erwachsenen. Der Kinderalltag ist ein permanentes Rollenspiel, das wir in ‹KidZania› zu einem breiten Spektrum von Aktivitäten ausweiten – in einer kindgerechten urbanen Infrastruktur.»

Joel Cadbury, Erbe des gleichnamigen britischen Schokoladeimperiums, vermarket das Projekt in Grossbritannien: «Wir machen die Kleinen mit der harten Realität der Arbeitswelt vertraut. Kinder sollen hier eine ganz wichtige Lektion lernen: Wer im Leben was erreichen will, muss was leisten!»

Realitätsnahes Sponsoring

Damit wirklich alles möglichst realistisch anmutet, kooperieren Ancona und Cadbury mit Marken, die heute jedem Kind vertraut sind: Sony, McDonald’s, Marks & Spencer, British Airways und Renault. Als Sponsoren sind die Multis allesamt am Umsatz beteiligt.

Die schöne, heile Kinderwelt, die demnächst in Grossbritannien ihre erste Zweigstelle eröffnet, liegt auf einer Etage in Westfield, Londons grösstem Shopping Center. Was die Eltern in ihren Freistunden anstellen sollen? Klar, einkaufen natürlich – direkt nebenan!

Der Londoner Spielplatz zum Thema Arbeit und Broterwerb rechnet mit einer Million Besuchern jährlich und wirbt mit dem Slogan: «Get ready for a better world!» Schon hier haken Kritiker des Projekts ein. Was da geboten werde, sei alles andere als realistisch, kinderfreundlich oder pädagogisch sinnvoll, so die Kritiker. «KidZania» praktiziere nicht Bildung, sondern Kapitalismus pur. Ausgebildet werden nicht die Fachkräfte, sondern die Kunden und Verbraucher von morgen.