Lee Miller: Die Schöne und der Krieg

Für die Surrealisten war sie eine der fünf schönsten Frauen der Welt. Sie pfiff darauf und liess sich von der «Vogue» als Kriegsreporterin akkreditieren. Zwischen 1944 und 1945 begleitete sie die US-Armee auf ihrem Einsatz in Europa. Nun sind Lee Millers Reportagen endlich auch auf Deutsch zu lesen.

Alle, die mit ihr zu tun hatten, bestätigen es: Sie war eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Geboren 1907 in Poughkeepsie, New York, ging sie schon mit 18 ein erstes Mal nach Paris – sie wollte Kunst studieren. 1927 wurde sie in New York zufällig vom Zeitungsmagnaten Condé Nast entdeckt, er konnte sie gerade noch rechtzeitig davor bewahren, vor ein Auto zu laufen. Schon ihr erstes Porträt zierte die Titelseite der amerikanischen «Vogue». Und in der Folge wurde Lee Miller nur von den besten Fotografen ihrer Zeit abgelichtet, zum Beispiel von Edward Steichen.

Doch auf ihrem venusgleichen Aussehen mochte sie nicht verharren. Mit 22 ging sie erneut nach Paris und drängte sich dem Fotografen Man Ray als Schülerin und Assistentin auf. Bald war sie auch seine Geliebte – und eine ähnlich gute Fotografin wie der Meister: Sie war es, die zufällig das Verfahren der Solarisation entdeckte, eine zusätzliche kurze Belichtung während des Entwicklungsvorgangs, das Man Rays Porträts so berühmt machen sollte.

Freie Liebe auch den Frauen

In Paris buhlte man allenthalben um sie. Die Surrealisten verehrten sie als eine der fünf schönsten Frauen der Welt, Picasso malte sie und Jean Cocteau gab ihr eine tragende Rolle in seinem ersten Film. Doch Lee Miller hatte ihren eigenen Kopf. Sehr zum Ärger ihrer Verehrer fand sie, dass die freie Liebe auch den Frauen zustehe. Das Anhängsel eines Mannes mochte sie schon gar nicht sein. Also ging sie zurück nach New York und eröffnete ihr eigenes Fotostudio.

Dort porträtierte sie die Reichen und Berühmten, etwa Charlie Chaplin, und erwarb sich einen Ruf als ausgezeichnete Werbefotografin, die Kunst und Dokumentation mit surrealistischem Flair verquickte. Doch dann wurde ihr auch das zu eng. Sie überzeugte die Chefredaktion der «Vogue», sie als Kriegsreporterin zu akkreditieren. Zwei Jahre lang war sie mit der US-Armee in Europa unterwegs, unter oft lebensgefährlichen Umständen.

In Hitlers Badewanne

Buchcover mit drei Frauen, die nebeneinander am Boden liegen und lesen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lee Millers Reportagen enthalten eine Fülle erschütternder Details. Edition Tiamat

Das bekannteste Bild aus jener Zeit stammt allerdings nicht von ihr, sondern von Reporterkollege David Scherman. Es ist der Abend des 30. April 1945. Dass sich Adolf Hitler in seinem Berliner Bunker umgebracht hatte, war vorerst nur Gerücht. In Hitlers Münchner Wohnung sitzt Lee Miller in der Badewanne und schrubbt sich den Rücken. Doch es ist keine frivole Siegerin, die sich in diesem verstörend gewöhnlichen Badezimmer inszeniert: Lee Millers Blick ist vollkommen leer.

Am Morgen war sie in Dachau gewesen. Aus Buchenwald hatte sie am 13. April 1945 nach New York telegrafiert: «Ich flehe Sie an zu glauben, dass dies wahr ist.» «Vogue» druckte die Bilder der Leichen von Buchenwald, druckte auch den Artikel über die Befreiung von Dachau: «Während der wenigen Minuten, die ich brauchte, um Fotos zu machen, wurden in der Baracke zwei Tote gefunden. Die Leichen wurden umstandslos herausgezerrt und draussen vor einem Block auf einen Haufen geworfen. Niemanden ausser mir schien das zu stören. Der Arzt meinte, für mehr als die Hälfte der Gefangenen sei es ohnehin bereits zu spät. Die Leichen werden hinausgeworfen, damit ein Wagen, der jeden Tag die Runde macht, sie einsammeln kann wie Müll.»

Gespenstisch aktuelle Texte

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Buchhinweis

Lee Miller: «Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944–1945. Reportagen und Fotos». Edition Tiamat.

Fast noch aufwühlender als Lee Millers Bilder aus den Jahren 1944–45 sind ihre Texte. Der Bericht über die Belagerung Saint Malos zum Beispiel lässt einen unwillkürlich an die aktuelle Lage im syrischen Homs denken. Und die heikle Mission der US-Armee im teils noch besetzten und längst nicht entnazifizierten Europa erinnert gespenstisch an die zweifelhaften Einsätze etwa in Afghanistan und im Irak.

Lee Millers Reportagen enthalten eine solche Fülle erschütternder Details, dass man immer wieder staunt, wie schnell die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs dann doch überwunden werden konnten. Auf wessen Kosten, ist ein anderes Kapitel. Diesem hätte Lee Miller nachgehen wollen, aber «Vogue» war nicht mehr interessiert.

Zeitkapsel Krieg

Es folgte die Heirat mit dem englischen Surrealismus-Experten Roland Penrose, der Rückzug auf eine Farm in East Sussex, die Geburt des Sohnes Anthony. Dieser erfuhr erst nach dem Tod seiner Mutter 1977 von deren Vergangenheit. Lee Miller hatte über ihre Kriegserfahrungen eisern geschwiegen, war mehr und mehr in Depression und schwere Alkoholabhängigkeit versunken.

Wie in einer Zeitkapsel sei ihm das verheimlichte Leben seiner Mutter in die Hände gefallen, sagt Antony Penrose, als er auf dem Dachboden des Farley Farm House Lee Millers Manuskripte und die mehr als 40‘000 Fotos entdeckte. Lee Miller hatte ihrem Sohn nicht nur ihre Karriere verschwiegen, sondern auch eine Vergewaltigung als Kind, bei der sie mit Gonorrhoe angesteckt wurde. Der Krieg hatte sie retraumatisiert. Mit ihren Fotos aber war es ihr gelungen, auf einzigartige Weise die Beschädigungen und Paradoxien des Lebens sichtbar zu machen.

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