Was ist passiert? Seit Anfang Januar überschwemmt eine lilahaarige, KI-generierte «Goth-Schülerin» namens Amelia die Feeds auf X, Facebook oder Telegram. Eigentlich wurde sie vom britischen Innenministerium finanziert und für das Anti-Extremismus-Lernspiel «Pathways» entwickelt – als Figur, um Jugendlichen zu zeigen, wie extremistische Gruppen rekrutieren. Doch genau diese Warnfigur wurde von vielen Accounts gekapert und mit fremdenfeindlichen Botschaften umcodiert. Die Zahl der täglich geposteten Amelia-Memes schoss innerhalb weniger Tage von rund 500 auf über 10'000 Beiträge pro Tag. Das berichtet der britische Guardian. Ihre Sichtbarkeit wurde spätestens seit einen Retweet von Elon Musk noch einmal deutlich verstärkt.
Warum wurde ausgerechnet Amelia zum Meme? Amelias markanter Look – Goth, lila Haare, Union Jack – ist leicht wiederzuerkennen und nahezu beliebig formbar. Genau das macht sie perfekt für die Meme-Maschinerie. Mit generativer KI lässt sie sich unendlich variieren. In den verschiedensten Bildern und Clips tigert sie durch Westminster, trinkt Ale im Pub, schimpft gegen Migranten oder wird in historische Schlachten hineinmontiert.
Hinzu kommt die bewusste Umdeutung: Schülerinnen und Schüler sollen über Amelia lernen, Radikalisierung zu erkennen. Im Spiel versucht die Figur, andere in extremistische Gruppen zu ziehen. Dass sie dabei als freundlich wirkendes Alltagsmädchen dargestellt ist, war pädagogisch gewollt, denn Radikalisierung beginnt oft harmlos. Ironischerweise machte genau die Darstellung ihrer verführerischen Normalität sie anschlussfähig für jene Gruppen, vor denen sie eigentlich schützen sollte. Diese «befreiten» nun die Figur, indem sie die moralisch kritische Rahmung entfernten.
Wer steckt hinter den Memes? Das Bild, dass alle, die Amelia-Memes posten, klar rechts orientiert sind, stimmt so nicht. Matteo Bergamini, CEO von Shout Out UK, bezeichnete den Trend gegenüber dem Guardian etwa als «Monetarisierung von Hass», da Empörung gezielt ausgeschlachtet wird und sogar ein eigener Kryptocoin entstanden ist, mit dem einige User Geld verdienen wollen. Andere posten die Memes schlicht zum Trollen. Gleichzeitig berichtete Bergamini von Hassnachrichten und Drohungen gegen sein Team.
Ist die Aneignung von Amelia dann ein Problem? Der Fall zeigt, wie schnell eine zur Prävention gedachte Figur selbst zum Brandbeschleuniger werden kann. Radikale Inhalte werden so verpackt, dass sie zunächst harmlos wirken und sich dann Schritt für Schritt normalisieren. Die Meme-Creator nutzen dabei ein Spiel aus Putzigkeit, Humor und Ambivalenz, um extremistische Botschaften als Witz zu tarnen. Das senkt die Hemmschwelle für die Verbreitung. Diese Strategie greift auch bei Amelia sofort: Sie ist eine niedliche Figur, deren rassistische Botschaften durch die scheinbare Diskrepanz entschärft und durch Wiederholung entgrenzt werden.
Gab es in der Vergangenheit ähnliche Fälle? Ein prominentes Beispiel für die Aneignung politischer Memes ist «Pepe the Frog». Ursprünglich eine harmlose Comicfigur, wurde Pepe von der Alt-Right-Bewegung in den USA zum Hasssymbol umgedeutet. Doch ab 2019 eignete sich die Hongkonger Demokratiebewegung dieselbe Figur bewusst an: Sie wurde ironisch umcodiert und zum Zeichen gegen Autoritarismus gemacht.
Wie reagiert die britische Regierung? Sie verteidigt das Präventionsprogramm, weist aber auf die Notwendigkeit hin, Unterrichtsmaterialien künftig gegen digitale Kaperungen abzusichern.