Gemeinsam alt werden: Am Tisch einer Alters-WG

Es ist vielleicht die entscheidendste Frage für Menschen der «Generation 50plus»: Wie will ich leben in der zweiten Lebenshälfte? Oder konkreter noch: Wie wohnen? Für eine Gruppe von acht Menschen waren Einsamkeit, Zweisamkeit und Altersresidenz keine Option. Sie gründeten eine Alters-WG.

Eine Gruppe von Menschen sitzt am Tisch. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Freitagssitzung der Bewohnerinnen und Bewohner des Stürlerhauses. Verlag Die Brotsuppe

Margareta Hehl und Barbara Zohren sind stolz. Voller Freude und Zuversicht präsentieren sie «ihr Haus», das sie mit acht anderen Frauen und Männern bewohnen: das Stürlerhaus am Altenberg in Bern.

Eine Gruppe von Menschen steht in einem Halbkreis. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Projekt der Alters-WG brauchte Mut. Und hat sich gelohnt. Verlag Die Brotsuppe

In diesem ehemaligen Diakonissen-Krankenhaus haben die beiden vor über zehn Jahren ein Wohnprojekt initiiert. Sie wollten nicht allein oder in einer Paarbeziehung alt werden. Stattdessen wagten sie den Neubeginn in einer Alters-Wohngemeinschaft.

Wie es dazu kam, wie man Zweifel besiegt und den Mut zu dieser neuen Lebensform findet – davon erzählen Margareta Hehl und Barbara Zohren in ihrem Buch «Neue Wohnform für Mutige».

Einblicke in persönliche Überlegungen

Schon allein der Untertitel des Buches beschreibt, wie radikal der Schritt in diese neue Lebensform war: «Eine Generation revolutioniert ihre Zukunft». Sie waren alle Mitte/Ende 50. Die Kinder aus dem Haus, versorgt. Noch ein paar wenige Berufsjahre vor sich. Mit der Erfahrung im Kopf, wie ihre Eltern und Grosseltern alt geworden waren. So leben – das wollten sie auf keinen Fall. Stattdessen: Gemeinsamkeit statt Einsamkeit, die im Alter drohen kann.

Doch wie findet man zusammen? Wie definiert man «Gemeinsam Wohnen»? Was sind die Bedürfnisse? Die Erwartungen? Die Skrupel? Die Ängste?

Barbara Zohren und Margareta Hehl beschreiben fast tagebuchartig den Umgang mit diesen Fragen. Sie erzählen vom Kennenlernen, vom Planen, vom Träumen einer Vision. Und von den Diskussionen, den Auseinandersetzungen, vom Streit. Das macht dieses Buch so besonders lesenswert, weil es Einblicke bietet in zutiefst persönliche Überlegungen und Konflikte.

Eine Gruppe von Menschen steigt einen steilen Hang hinauf. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Am Hang: Konflikte liessen sich bei der Umsetzung der WG-Pläne nicht immer vermeiden. Verlag Die Brotsuppe

Ein schwieriger Prozess

Bevor sie sich auf die Suche nach einem passenden Haus machten, gingen sie alle in sich. Und verreisten gemeinsam in einen Weiler im Piemont. Ein erster Versuch des Zusammenlebens, wie Barbara Zohren beschreibt: «Wir haben wirklich zuerst unsere Philosophie vom Leben entstehen lassen, überlegt, mit wem zusammen geht das? Erst danach – als wir wussten, was wir wollten – sind wir auf Häusersuche gegangen.»

Das Stürlerhaus mit seinen vielen Räumen bot die perfekte Basis für ein Gemeinschaftsprojekt. Ein neuer Trakt wurde dem alten Gebäude hinzugefügt, mit einem Lift, falls man später gebrechlich werden sollte. Nähe – und gleichzeitig die notwendige Distanz: Das Haus bietet grosszügige Gemeinschaftsräume, inklusive einer Gemeinschaftsküche und einem Kinoraum für öffentliche Veranstaltungen, gleichzeitig private Wohneinheiten mit eigenem Bad und Küche. Organisiert wird alles in genossenschaftlicher Selbstverwaltung. Zwei Zimmer werden sogar vermietet – «Bed & Kitchen» für Gäste und Touristen.

«Wir lösen die Probleme, wenn sie da sind»

Sie wollen aktiv sein, im Quartier. Keine abgeschottete Scholle, sondern offen für Neues, für Unerwartetes. Das ist vielleicht das Besondere des Stürlerhauses – der offene, neugierige Geist, der das Haus beseelt. Und das Versprechen für die Zukunft. Sie wollen füreinander sorgen, wenn das Alter spürbar wird, Krankheiten oder Gebrechlichkeit den Alltag beschweren. Nicht die Abhängigkeit von der Familie oder einer Pflegeeinrichtung, sondern das Miteinander der Bewohner, die Gemeinschaft soll diese Probleme lösen.

Das wird nicht einfach, aber mit dem für das Spürlerhaus typischen Pragmatismus scheint alles lösbar zu sein. «Wir haben ein wichtiges Motto. Und das heisst, wir lösen die Probleme, wenn sie da sind. Es ist gut möglich, dass jemand krank wird. Einer von uns ist bereits erkrankt. Aber wie man damit umgeht, das kann man nicht theoretisch entwickeln. Und das hat auch keinen Sinn, wenn man davor Angst hat», sagt Margareta Hehl.

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Buchhinweis

Margareta Hehl und Barbara Zohren: «Neue Wohnform für Mutige». Die Brotsuppe, 2015.

Wer über Wohnen im Alter nachdenken will, wird in diesem Buch viele Anregungen finden. Das Wichtigste aber ist vielleicht die Erkenntnis, dass man nicht erst im Alter darüber nachdenken sollte, wie man später wohnen will. Denn dann ist es zu spät. Man muss früh genug beginnen. Am besten mit 50plus.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Wohnen für mutige Senioren – Eine neue Lebensform

    Aus Kulturplatz vom 23.9.2015

    Bei der Gestaltung der zweiten Lebenshälfte ist eine Grundsatzfrage unumgänglich: Wie will man wohnen: im Einfamilienhaus, das nach dem Auszug der Kinder allerdings viel zu gross geworden ist, in einer kleineren Wohnung oder allein, zu zweit oder vereint unter einem «generationen-übergreifenden» Dach? Das Buch «Neue Wohnformen für Mutige» beschreibt ein vollkommen anderes Projekt – das Stürlerhaus in Bern. Die Bewohnerinnen und Bewohner trennten sich von ihrer vertrauten Umgebung, um in einem gemeinsamen Haus eine neue Lebensform zu versuchen: gemeinsam alt werden.

    Eduard Erne