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Gesellschaft & Religion Macht Stress gesund und glücklich?

Stress sei das Beste, was uns passieren könne – behauptet der Zürcher Journalist Urs Willmann in einem neuen Buch. Was ist dran an dieser These vom «gesunden» Stress?

Menschen hetzen über einen schwarz-weiss-gestreiften Boden.
Legende: Stress hat sein schlechtes Image nicht verdient. BeneA/Photocase.de

Das Buch «Stress – Ein Lebensmittel» hat eine klare Mission: Uns zu überzeugen, dass Stress zu Unrecht ein schlechtes Image besitzt. Es sei eine bizarre Vorstellung, schreibt der Autor Urs Willmann, dass Stress schlecht für uns sei und nachhaltig unsere Gesundheit ruiniere. Im Gegenteil: Stress mache gesund, glücklich, stark und verlängere das Leben. Solche Lobeshymnen auf ein verteufeltes Gefühl lassen natürlich aufhorchen.

Ohne Stress kein Leben

«Wären die ersten Einzeller nie in Stress geraten, gäbe es keine mehrzelligen Wesen wie den Menschen, die Qualle, den Schneeleoparden und die Nacktschnecke», schreibt der Wissenschaftsjournalist Urs Willmann. Stress sei ein Evolutionstreiber gewesen. Fast bedauernd ergänzt er: «Gelegenheiten, um archaischen Stress zu erleben, sind selten geworden.»

Denn Stress animiere uns auch heute noch zu Höchstleistungen – etwa beim Auftritt vor vielen Menschen, bei einer Prüfung, beim Sport oder gar beim ersten Rendezvous. Kurzfristiger Stress mache uns aufmerksamer, unempfindlich gegen Schmerz, aktiviere und trainiere das Immunsystem und verzögere den Alterungsprozess.

Freiwilliger Stress im Kino

Was der Wissenschaftsjournalist Urs Willmann zu Stress alles recherchiert hat, ist eindrücklich – und kurzweilig. Mal beschreibt er Experimente mit Ratten, mal einen Selbsttest bei Psychologen oder eine Unterredung mit einem Arzt. Willmann findet den positiven Stress an jeder Ecke: Bei der Angstlust im Kino, im Krimi oder in der Kunst beispielsweise – oder im Extremsport.

Macht uns also Stress gar nicht krank, unglücklich und erschöpft, wie wir gemeint hatten? Doch, natürlich! Der schlechte, weil chronische Stress kann uns ernsthaft schaden. Mit Folgen wie Herzkreislaufkrankheiten, Depressionen und Angststörungen.

Mythos ungesunder Stress?

Das verschweigt uns auch Urs Willmann nicht: «Beenden wir unsere Reaktion auf reale oder eingebildete Stressoren zu lange nicht, droht ein chronisches Siechtum». Und: «Fast jede Faser des Körpers kann von chronischem Stress betroffen sein.»

Das Buch «Stress – Ein Lebensmittel» ist also nur halb so provokativ wie es Titel und Vorwort suggerieren. Urs Willmann weist darin mitnichten nach, dass Stress grundsätzlich gut ist, sondern lediglich, dass Stress nicht gleich Stress ist: Manchmal ist er gut, manchmal schlecht. Das ist eine Erkenntnis, die so alt ist wie die Stressforschung selbst. Stress kann – um eine Metapher von Willmann aufzugreifen – durchaus auch zu einer Lebensmittelvergiftung führen.

Sendehinweis: Kultur aktuell, Radio SRF 2 Kultur, 27.06.2016, 16:50 Uhr

Buchhinweis:

«Stress. Ein Lebensmittel» von Urs Willmann, Pattloch Verlag

Urs Willmann

Urs Willmann
Legende: Urs Willmann Michael Heck

Urs Willmann, geboren 1964 in Winterthur, schreibt seit 17 Jahren für den Wissenschaftsteil der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», davor war er stellvertretender Ressortleiter. Zum Thema «Stress» recherchiert er seit mehreren Jahren.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Künzi, Winterthur
    Wenn dich Stress nicht stresst dann ist es nicht Stress sondern ein Lebensgefühl das du brauchst. Wirklicher Stress ist das was wir nicht mögen und nicht etwa das was wir brauchen weil wir so gepolt sind.
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  • Kommentar von Sylvia Stöcklin, 4107 ETTINGEN /BL
    Guten Tag Herr Willimann, ich meine die Stressoren sind ziemlich individuell. Wenn zuviel negative Stresse vorhanden sind, finde ich, so kann der positive Stress nicht gut zu einer Weiterentwicklung führen, wie z.B. über seine Grenzen zu gehen und die Comfortzone verlässt man in diesem Fall eher nicht! Was meinen Sie dazu Herr Willimann? Mit freundlichen Grüssen Sylvia Stöcklin
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  • Kommentar von Helga Vögeli, Unterentfelden
    Oh ja, Herr Willimann sieht irgendwie ein bisschen gestresst aus.
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