Was ist passiert? Am 14. Februar sind auf Ebay 12 vergilbte Fotos hochgeladen worden. Sie sollten versteigert werden. Einzelne Fotos erzielten rasch Gebote von 2000 US-Dollar, denn: Die Fotos zeigten mutmasslich das Massaker von Kaisariani nahe Athen. An diesem Ort haben die Nazis 1944 rund 200 griechische Widerstandskämpfer erschossen.
Noch während der laufenden Auktion verschwanden die Fotos von der Verkaufsplattform. Der Grund: Sie könnten ein wichtiges Zeitzeugnis der griechischen Geschichte sein. Experten und Expertinnen haben mittlerweile die Echtheit der Aufnahmen bestätigt.
Was zeigen diese Fotos konkret? Die nun wiederentdeckten Fotos zeigen die Gefangenen, wie sie Richtung Hinrichtungsplatz marschieren. Ihre Gesichtszüge sind klar zu erkennen. Andere Fotos zeigen sie vor der Mauer am Schiessstand in ihren letzten Momenten, vor ihrer Exekution. Insgesamt handelt es sich nach Angaben der griechischen Regierung um ein Archiv des Deutschen Wehrmacht-Offiziers Hermann Hoyer mit über 260 Fotos aus den Jahren 1943 und 44 – alle aufgenommen in Griechenland. Zu diesem Archiv gehören auch die 12 auf Ebay entdeckten Aufnahmen.
Was war bislang über das Massaker belegt? Das Ereignis gelte als eine der blutigsten Vergeltungsmassnahmen während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg, erklärt Rodothea Seralidou, freie Journalistin in Griechenland. Es gibt sehr viele Bücher und Augenzeugenberichte darüber. Nun gibt es erstmalig auch Bilder, die das Massaker bezeugen, was den Fund einzigartig macht.
Was bedeuten die Bilder für Griechenland? Diese Fotos haben einen unschätzbaren historischen Wert, erklärt Rodothea Seralidou, und sind wichtige historische Dokumente. Man sieht die Geschehnisse aus der Täter-Perspektive. Gleichzeitig geben die Bilder auch den Opfern ein Gesicht. Man sieht darauf die aufrechte Körperhaltung der Widerstandskämpfer, ihren entschlossenen Gesichtsausdruck.
Wer waren die Menschen, die hingerichtet wurden? Die grösste Widerstandsorganisation war damals die linke Nationale Befreiungsfront unter der Führung der Kommunistischen Partei Griechenlands. Auf der anderen Seite gab es zahlreiche rechte Gruppierungen, die eng mit den Besatzern zusammenarbeiteten. Diese Kollaborateure haben das Nachkriegsgriechenland mitregiert. Die Kommunisten, die den wahren Widerstand geleistet hatten, wurden hingegen weiterhin verfolgt und inhaftiert, so Seralidou. Deshalb reden die linken griechischen Parteien von 200 heroischen Kommunisten. Die konservative Regierungspartei Nea Dimokratia spricht eher von griechischen Patrioten, die auf den Fotos zu sehen sind.
Was passiert nun mit den Aufnahmen? Neben den Forderungen nach Entschädigungen, die nun wieder laut werden, reissen diese Bilder alte Wunden auf. Eine richtige Aufarbeitung dieses Kapitels gab es bis heute nicht. Laut Kulturministerin Lina Mendoni will Griechenland die Bilder zum nationalen Kulturerbe erklären, um sie erwerben zu können. Viele Griechinnen und Griechen fragen sich jetzt, wann die Bilder für das breite Publikum zugänglich gemacht werden. Am 1. Mai jährt sich der Tag der Exekution zum 82. Mal. Spätestens bis dann, hoffen viele Griechen, könnten die Fotos ausgestellt werden.