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Mein Geschlecht? «Transform» Die Utopie der Geschlechtervielfalt

Legende: Video Macht der Bart weise? abspielen. Laufzeit 02:03 Minuten.
Aus SRF Kultur vom 02.02.2019.

Romeo Koyote Rosen fühlt sich mit Schnauz, Bart und hohen Schuhen am wohlsten. Sein Geschlecht nennt er «transform». Warum sich der Genderaktivist bewusst ausserhalb des männlichen und weiblichen Geschlechts positioniert.

SRF: Seit fast 20 Jahren tragen Sie einen Bart. Was bedeutet er Ihnen?

Romeo Koyote Rosen: Mein eingetragenes Geschlecht ist zwar «weiblich», aber mit meinem Schnauz habe ich meine Vielform entdeckt. Das heisst ich bleibe in meiner Form, in meinem ich, aber bin wandelbar.

Wie ein Dragking?

Nein, mir geht es nicht darum, die männliche oder weibliche Rolle zu inszenieren. Ich will die binäre Ordnung – also die Diktatur von männlich und weiblich – auflösen. Dabei kopiere ich bestimmte Stereotype, die als männlich oder weiblich gelesen werden. Ich mache das aber so, wie es mir gefällt. Ich nenne mich Dream King und damit meine ich: dressed as me.

Die Auflösung von Geschlechtern finden Menschen nur an der Fasnacht kreativ, nicht im Alltag.

Tragen Sie den Bart auch, wenn Sie alleine sind?

Klar, das ist ja keine Performance. Ich mache das nicht für die anderen, das bin ich. Ich habe einen natürlichen «Damenbart», der auch mit zunehmenden Alter wächst. Um mich wohl zu fühlen, sind mir das aber zu wenige Haare. Statt Testosteron zu nehmen, klebe ich welche dazu.

Wie werden Sie von anderen Menschen gelesen, welche Reaktionen erhalten Sie?

Solange ich nicht mit Menschen interagiere, gehe ich als Mann durch. Das ist auch manchmal ganz praktisch: ich werde zum Beispiel nicht von Männern angemacht, wenn ich nachts von einer Party komme. Ich kann mich hinter der maskulinen Wirkung verstecken.

Wenn ich aber Highheels und Spitze dazu anziehe, kann es gefährlich werden. Da habe ich immer wieder Anfeindungen erlebt auf der Strasse. Die Auflösung von Geschlechtern finden Menschen nur an der Fasnacht kreativ, nicht im Alltag.

Legende: Video Wie fühlt sich Frau mit Bart? abspielen. Laufzeit 00:52 Minuten.
Aus SRF Kultur vom 02.02.2019.

Warum sind diese binären Strukturen – männlich, weiblich – so stark in unseren Köpfen verankert?

Weil wir es nicht anders lernen. Der Begriff dafür ist «Heteronormativität», die gelernte Normvorstellung, dass Menschen sich mit dem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren und heterosexuell begehren.

Ich denke aber, dass viele den Versuch nicht wagen, aus einem bestimmten Korsett herauszutreten. Wenn wir uns ehrlich fragen, was unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf Geschlechtsidentität sind, eröffnen sich unbegrenzte Verwandlungsmöglichkeiten!

Im Alltag müssen wir uns aber ständig entscheiden - für Mann oder Frau: beim Arzt, beim Gang zur Toilette, wenn wir ein Formular ausfüllen.

Genau dieses System bildet auch die Sprache ab: es gibt kein geschlechtsneutrales Pronomen, es gibt nur «er» oder «sie».

Auszuleben wie man sich wirklich fühlt, ist schwer. Oder in meinem Fall anstrengend: ich muss mich die ganze Zeit erklären. Aber ich versuche dann immer persönlich auf die Leute zuzugehen und sie daran zu erinnern, dass Geschlechtervielfalt heute dazugehört.

Conchita Wurst hat in den letzten Jahren gezeigt, wie brüchig Geschlechtszuordnungen sind. Sie hat den Bart – der symbolisch für Männlichkeit steht – umcodiert. Ist diese Figur wichtig für Sie?

In Sachen Geschlechtervielfalt hat sie viel bewegt in der öffentlichen Wahrnehmung. Aber schon vor Conchita gab es viele Weder-Noch-Persönlichkeiten, die mir wichtiger sind: Grace Jones oder Boy George zum Beispiel oder die Aktivistin und Dragqueen Marsha P. Johnson.

Marsha wurde im Mainstream immer belächelt, aber für mich gehört sie zu den wichtigsten Vorkämpferinnen hin zu einer Utopie der Geschlechtervielfalt.

16 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Ich nehme mir das Recht heraus, eine eigene Meinung zu vertreten, wie sie auch. Das geht so: Die Idee, "dass viele es nicht wagen..." ist eine Schutzbehauptung der Unsicheren. Sie meinen, wenn sie andern Feigheit unterstellen, dann schützt es sie vor der eigenen Unsicherheit. In Wirklichkeit haben die Heteros überhaupt kein Bedürfnis "es zu wagen", sie sind sich wohl in ihrer Rolle. Und diese muss nicht gelernt werden, sondern ist nun mal angeboren.
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  • Kommentar von SRF Kultur(SRF)
    In dieser Diskussion vermischen sich verschiedene Ebenen: Es gibt die biologische Ebene. Es gibt die Ebene des Begehrens (hetero-, bi- oder homosexuell etc.). Und es gibt Gender, das soziale Geschlecht. Hier geht es um die Geschlechtsidentität, die unabhängig vom Begehren und biologischen Geschlecht ist: In welchem Geschlecht fühle ich mich zu Hause, womit identifiziere ich mich? Das kann männlich oder weiblich sein oder ein anderes Geschlecht jenseits der normativen Ordnung. Theresa Beyer
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    1. Antwort von Michel Koller (Mica)
      Das soziale Geschlecht ist für mich dermaßen Abstrakt, dass ich es als rein intellektuelles Gebilde ohne wirklichen Bezug zur Realität einstufe. Ich gelte manchmal als etwas zu rational denkend und da habe ich nun mal das biologische Geschlecht und ich stelle mir gar nicht erst die Frage, in was für einem Geschlecht ich mich im sozialen Kontext sehe. Die Frage stellt sich mir schlichtweg nicht und ich sehe auch keinen wirklichen Sinn dahinter. Darf natürlich jeder sehen wie er möchte.
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  • Kommentar von Liriana Orlando (Liriana)
    Zur Weiterführung lesen Sie doch mal diese ausführliche, biologische Analyse der menschlichen Geschlechterfrage. Prof. Voss zeigt darin auf, dass auf keiner Ebene der Körpers (Hormone, Chromosomen, Geschlechtsorgane) eine Einteilung der Menschheit in nur zwei Gruppen möglich ist. Es gibt auch biologisch gesehen mehrere Geschlechter: https://heinzjuergenvoss.de/wp-content/uploads/2016/08/Heinz_Juergen_Voss_Making_Sex_Revisited_Volltext.pdf
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    1. Antwort von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
      Sie meinen 'mehrere Formen der Geschlechts-Identität'? Das ist etwas anderes als ein drittes Geschlecht. :-) Lesen Sie bitte mal 'Keys to Natural Truth' von Buddhadasa Bhikkhu, diese Lektüre erklärt nüchtern und logisch sämtliche Verirrungen des physischen Daseins... ;-)
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    2. Antwort von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
      Dies widerlegt meine Ansichten in keiner Weise, aber ich glaub eh, wir reden aneinander vorbei... Beste Grüsse! :-)
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    3. Antwort von Michel Koller (Mica)
      Dem kann ich nicht zustimmen. Wirf einem Anthropologen die Knochen eines Menschen hin und der sagt dir Mann oder Frau. Lass das Blut eines Menschen untersuchen und das Geschlecht kann bestimmt werden. Mir ist bisher noch kein anderes Geschlecht begegnet und ich war an vielen Orten. Voss wird zu Abstrakt, wenn es um die Geschlechterfrage geht, da kommen dann seltsame Definitionen bei raus, wo auch noch die Philosophie mit rein redet. Er bestätigt lediglich krampfhaft seine eigene Ansicht.
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