Nahrungsmittel für Syrien «Meine Familie hat mehr Angst als ich»

Sein Budget: 900 Millionen Dollar. Sein Auftrag: 4 Millionen Syrer vor dem Hungertod bewahren. Ein Gespräch mit Jakob Kern, dem Länderdirektor des UNO-Welternährungsprogramms WFP für Syrien.

Ein Mann trägt weisse Reissäcke mit der Aufschrift «WFP». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die UNO liefert Nahrungsmittel auch in syrische Regionen, die nur über Drittpersonen zu erreichen sind. afp

SRF: Wie mächtig fühlt sich der Länderdirektor für Syrien, wenn er genügend Geld für seine Mission bekommen hat?

Jakob Kern: Es ist nicht die Macht, es ist die Verantwortung, die zählt. Ich kann ja nicht einen Monat was geben und im nächsten nichts mehr. Da ist immer der Druck, das Programm weiterzuführen.

Die Verantwortung umfasst auch die Sicherheit für meine 300 Leute. Wir operieren in einem Kriegsgebiet mit 27 Kriegsparteien. Da schlafe ich nicht, solange ich Leute draussen habe.

Ihre Konvois werden strikt kontrolliert. Nahrungsmittel werden durchgelassen, aber Medikamente zurückgewiesen. Wie lässt sich eine medizinische Versorgung aufrechterhalten?

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Jakob Kern

Jakob Kern

Geb. 1961, aufgewachsen in Rehetobel, Kanton AR. Jakob Kern ist seit Jahrzehnten im Dienste der UNO unterwegs. Seine aktuelle Station: Damaskus, wo er als Länderdirektor des UNO-Welternährungs-Programms arbeitet. Die Stadt hat die höchste Gefahrenklassifikation, hierher können UNO-Mitarbeiter ihre Familien nicht mitnehmen.

Man muss differenzieren. In den Gebieten, die wir regelmässig erreichen, mag es zwar keinen Strom und nur sporadisch Wasser geben, dennoch lässt sich eine medizinische Grundversorgung einigermassen gewährleisten.

In den belagerten Gebieten hingegen, in denen mehr als 600'000 Menschen leben, geht nichts. Der einzige Arzt in der Kleinstadt Madaya mit 40'000 Einwohnern (ein Ort 40 km nordwestlich von Damaskus, Anm. d. Red.) ist ein Zahnarztstudent im 4. Semester. Und der macht Operationen ohne Anästhesie, er hat kein Penicillin. Eine Erkältung ist eine lebensbedrohende Krankheit.

Der Krieg dauert schon sechs Jahre, hat mindestens 400‘000 Tote gefordert. Haben Sie noch den Überblick, wer wen bekämpft?

In den Gebieten, die die Regierung kontrolliert, ist es relativ stabil. In den Oppositionsgebieten hingegen ändert sich ständig alles.

Einen Drittel unserer Lebensmittel senden wir via Türkei in die Oppositionsgebiete. Weil wir nicht selber hinkönnen, brauchen wir Verträge mit Drittpersonen, die die Verteilung organisieren. Wieder anders ist es in den belagerten Gebieten. Da gibt es Checkpoints, eine 500-Meter-breite Todeszone, die von Scharfschützen kontrolliert wird.

«  Wir verhandeln nicht mit dem IS, weil er die humanitären Prinzipien nicht akzeptiert. »

Gilt dies auch für Gebiete, die der Islamische Staat kontrolliert?

Nein. Die Gebiete des IS schliessen wir aus. Wir verhandeln nicht mit ihm, weil er die humanitären Prinzipien nicht akzeptiert. Er würde beispielsweise nicht zustimmen, dass wir als höchste Priorität Frauen und Kinder haben. Er würde die Männer bevorzugen, ihnen die Lebensmittel zuerst geben.

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«Sternstunde Spezial»

In Syrien herrscht seit sechs Jahren Bürgerkrieg – ein Ende ist nicht in Sicht. Die «Sternstunden» befassen sich mit den Ursachen des Konflikts und der humanitäre Situation – beide Sendungen sind jetzt online.

Sie begleiten ab und zu die Konvois, kommen bei Scharfschützen vorbei. Haben Sie nie Angst?

Meine Familie hat mehr Angst als ich. Wir schützen uns gut, haben gepanzerte Fahrzeuge und Security-Leute zu unserem Schutz. Bisher hatten wir keine Verluste.

Ihre Frau, die ja auch für das Welternährungsprogramm der UNO tätig ist, lebt mit Ihren Kindern in Bangkok. Sehnen Sie sich nicht manchmal nach einem normalen Leben?

Bis jetzt hatten wir Glück und konnten am gleichen Ort arbeiten. Unsere letzte Station war Rom, wo wir elf Jahre als Familie lebten. Zuvor waren meine Frau und ich in Nordkorea, in Eritrea und Liberia. Natürlich denken wir schon darüber nach, wie wir nach Syrien wieder zusammenleben können.

Sie versuchen via Skype oder Facetime eine Art normales Familienleben aufrecht zu erhalten. Reicht das?

Ich merke, es ist für mich wichtiger als für die Kinder. Es erlaubt mir eine Auszeit aus dem 15-Stunden Tag. In den Nächten, wenn ich Leute draussen in den Konvois habe, kann ich nicht abschalten. Da hilft mir die Stunde mit der Familie, um gedanklich aus Syrien rauszukommen.

«  Man braucht den Bezug zu einem normalen Leben, sonst geht es an die Substanz. »

Unser Hotel und die Kriegsrealität sind ja nicht das Normale. Wir haben in Syrien bewusst einen zweijährigen Dienst eingerichtet, weil man an einen Punkt kommt, indem selbst die Rauchsäulen über der Stadt, die Detonationen der Granaten und die Checkpoints normal erscheinen. Aber das ist es nicht, deshalb braucht man den Bezug zu einem normalen Leben, sonst geht es an die Substanz.

Das Gespräch führte Markus Matzner.

Sendung: SRF 1, Sternstunden Religion, 02.04.2017, 11 Uhr

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  • SRF 1 02.04.2017 11:00

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