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Gesellschaft & Religion «Meine Kunst ist explizit, auch wenn mich der IS töten will»

Dem irakischen Künstler Gohdar Salahaddin wurde mehrmals wegen seiner Bilder mit dem Tod gedroht. Aber gerade in Zeiten des IS sollten sich Künstler zu Wort melden, findet er. Und ist selber aus dem sicheren Exil in den Irak zurückgekehrt, um seine Landsleute zu einem Umdenken zu bewegen.

Eine Zeichnung auf einem Handy zeigt zwei kopulierende Esel.
Legende: Gohdar Salahaddin zeigt eines seiner Bilder, für die ihm der IS mehrmals mit dem Tod gedroht hat. Jonas Schaffter

Herr Salahaddin, Sie wurden kürzlich wegen einem Ihrer Werke mit dem Tod bedroht. Worum ging es darin?

Es war ein Bild in einer Serie von Karikaturen, in der ich die Stellung der Frau im Islam thematisierte. Die Karikaturen waren sehr explizit, man sieht nackte Figuren und kopulierende Tiere.

Wie kam es zu der Drohung?

Ich hatte die Serie in einer Kunstgalerie in Dohuk im Nordirak ausgestellt. Ungefähr 15 Tage nach der Eröffnung rief mich jemand an und sagte, ich solle die Bilder sofort entfernen, sonst würde Schlimmes passieren.

Wussten Sie, wer es war?

Ein paar Männer hatten mich bereits bei der Vernissage beleidigt. Sie wollten mich angreifen, beliessen es wegen der vielen anwesenden Menschen jedoch bei ein paar drohenden Worten. Die Männer hatten das Bild als Gotteslästerung angesehen. Es waren Fundamentalisten, ultrakonservative Muslime. Ich kann es nicht genau sagen, aber wahrscheinlich waren sie es, die den Anruf getätigt haben. Oder zumindest jemand aus ihrem Kreis, Salafisten, die mit dem IS kämpfen oder sich im irakischen Untergrund bewegen und Menschen bestrafen, die anders denken.

So wie Sie.

Ja. Ich habe die Bilder jedoch hängen lassen. Man muss ein Zeichen setzen und kann sich nicht immer verstecken – als Künstler sowieso, sonst ändert sich nie was. Viele Menschen waren froh, dass ich die Bilder gezeigt habe.

Wie reagierten die Salafisten auf Ihr Zeichen?

Sie waren gar nicht begeistert. Ein paar Tage nach dem Anruf stürmte eine Gruppe von Männern den Laden eines Rahmenmachers in Dohuk und wollten ihn zwingen, mein Bild zu zerstören.

Sie stürmten einen Rahmenmacher, aber Ihre Zeichnungen hingen doch in einer Galerie?

Ja, aber die Männer dachten, mein Bild hänge beim Rahmenmacher, weil er das Nächste war, was sie mit Kunst in Verbindung brachten. Sie müssen sich vorstellen: Diese Menschen haben keinen Begriff davon, was Kunst bedeutet. Nicht nur auf inhaltlicher Ebene sondern auch ganz generell: Wo hängt Kunst, wer verwaltet sie, wie wird mit ihr gehandelt. Ob Rahmenwerkstatt oder Galerie, da wird kein Unterschied gemacht. Das einzige, was sie glauben zu wissen, ist: Das Bild beleidigt unseren Glauben, deshalb gehört es vernichtet. Und der Künstler am besten gleich mit dazu.

Sie tragen stets eine Waffe bei sich.

Ich muss vorsichtig sein. Glücklicherweise musste ich noch nie von ihr Gebrauch machen. Aber die Angst ist sehr gross, auch bei meiner Familie.

Sie studierten an der Kunsthochschule in Bagdad. War die Situation damals auch schon so gefährlich?

Damals unter dem Regime von Saddam Hussein war das Studium eine grosse Herausforderung, wir wurden oft bedroht. Wir arbeiteten vor allem im Untergrund, versteckten uns vor den Autoritäten und hielten geheime Ausstellungen ab. Mehrere meiner Mitstudenten und Freunde sind gestorben, unter anderem einer meiner besten Freunde. Er wurde aufgrund seiner regimekritischen Arbeit auf offener Strasse erschossen. Er war noch nicht einmal 20. Die Täter wurden nie gefasst.

1994 bin ich nach Berlin geflohen und habe da sechs Jahre gelebt. Ich habe weiterhin Kunst gemacht und bin Taxi gefahren, um Geld zu verdienen. Ich hab viel gelesen und mit den Kunden geplaudert. Das war eine schöne Zeit.

Wieso sind Sie zurückgekommen?

Dohuk ist meine Stadt, hier bin ich aufgewachsen und hier ist es für Kurden wie mich möglich, beim Aufbau eines eigenen Landes dabei zu sein und mitzuhelfen. Verstehen Sie, ich musste zurück, auch wenn die momentane Situation mit dem IS schwierig ist.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Die Mentalität der Kurden muss geändert werden. Wir müssen an die Gemeinschaft glauben, an unsere Kultur und unser Land. Kurdistan braucht seine Kulturschaffenden und Künstler genauso wie seine Politiker. Der IS will nicht ohne Grund Kultur vernichten. So nimmt er den Menschen ihre Lebensgrundlage. Dagegen kämpfen wir an und deshalb mache ich weiter.

Zur Person

Zur Person
Legende: Jonas Schaffter

Gohdar Salahaddin ist bildender Künstler in Dohuk im Nordirak, in der Autonomen Region Kurdistan. Nach sechs Jahren Exil zog er 2000 mit seiner Frau und seinen zwei Kindern zurück in seine Heimatstadt, gründete eine Kunstakademie, veranstaltete diverse Ausstellungen und war diesen Frühling wesentlich am Gastspiel der Volksbühne Basel beteiligt.

9 Kommentare

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  • Kommentar von Kaan Erdogan, Mannheim
    Na wenn Kunst mittlerweile bedeutet, seinen Hass über das Vorbild von 2 Mrd Mitmenschen auf so einer respektlosen Art und Weise zu verbreiten, dann bin ich fassungslos ! Und vorallem wenn dieser gehasste seit 1500 Jahren nicht mehr lebt und sich garnicht wehren kann, ist es ein ganzes Stück erbärmlicher. Daher fühlen sich die meisten Hassprediger mit ihren perversen Gedanken so sicher, wo sie doch die 2 Mrd. anderen vergessen, die sie in dem Moment aufs schlimmste beleidigen.
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    1. Antwort von Heiri Schatzmann, Basel
      Wer sich ob eines Bildes beleidigt fühlt, egal ob da Kreuze, Davidsstern oder ein bärtiges Vorbild abgebildet wird, hat meines Erachtens ein grosses Problem. Vielleicht sollten Sie nicht alles so bierernst nehmen, vor allem nichts, was Menschen helfen könnte, sich von einer Radikalisierung zu entfernen, wie zum Beispiel Aufklärung (geistige)! Kunst ist eine Form davon. Auch nicht meine favorisierte Art der Aufklärung, aber es ist zu akzeptieren.
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    2. Antwort von Heiri Schatzmann, Basel
      Genau deswegen verabscheue ich Religionen, allesamt! Sie tragen nicht zur geistigen Aufklärung sondern im Gegenteil zur Verkümmerung und blinder Nachfolge zu. Ich spreche aus langjähriger Erfahrung in einer christlichen Freikirche, die mich (meines Erachtens extrem negativ) geprägt hat. Ich setze heute alles daran, dass jeder das glauben kann, was er will und dies auch ausleben darf, wie er will - aber bitte immer nur so weit, dass man Andersdenkende respektiert und leben lässt.
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    3. Antwort von Björn Christen, Bern
      Ich kann Ihrer Logik nicht folgen, Herr Erdogan: Nur weil Mohammed seit bald 1400 Jahren tot ist und sich nicht 'wehren' kann, soll also Kritik an ihm verboten sein? Wollen sie als nächstes Kritik an Hitler, Stalin or Pol Pot verbieten, nur weil diese Herrschaften nicht mehr unter uns weilen?
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    4. Antwort von Björn Christen, Bern
      Ich kann Ihrer Logik nicht folgen, Herr Erdogan: Nur weil Mohammed seit bald 1400 Jahren tot ist und sich nicht 'wehren' kann, soll also Kritik an ihm verboten sein? Wollen sie als nächstes Kritik an Hitler, Stalin or Pol Pot verbieten, nur weil diese Herrschaften nicht mehr unter uns weilen?
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  • Kommentar von Kaan Erdogan, Mannheim
    Warum wird denn eigentlich nicht auf die Schriftzeichen neben den Brüsten und Penissen hingewiesen ? Oder ist es ihres (des Autors) erachtens nach unrelevant, dass ihre Leser erfahren dass der Name des Menschen, an den sich 2 Mrd Muslime halten (die einen mehr die anderen weniger) so verunglimpft wird, neben all diesen respektlosen Symbolen. Dieselbe Karikatur bitte nochmal mit nem Davidsstern oder einem Kreuz. Na darauf will ich mal die Reaktion der Medien sehen.
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  • Kommentar von Paul Steiner, Zürich
    Ein Bild auf dem 2 Esel kopulieren, eine Frau mit hängenden Brüsten, der männliche Genitalbereich, ein Penis vor einer Vagina... wahrlich eine explizite "Kunst". Aber eben, die Freiheit der Kunst, auf Teufel (IS) komm raus.
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