Meinhard Miegels Abrechnung mit der masslosen Gesellschaft

Meinhard Miegel benennt in seinem Bestseller «Hybris» Problemzonen der westlichen Gesellschaft. Diese sei überfordert. Und nicht nur die Wirtschaft, sondern die westliche Kultur schlechthin sei in der Krise.

Aufnahme aus der Vogelperspektive, Menschen am Buffet des WEF. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Buffet am WEF in Davos: Meinhard Miegel übt Kritik an der uneingeschränkten Wachstumspolitik. Keystone

Die Frage nach dem richtigen Mass beschäftigt die Philosophen seit Beginn der Schriftkulturen. Der «goldene Mittelweg» ist seit Aristoteles eine stehende Wendung. In der politischen Argumentation kennt man Wachstumskritik vor allem von links-grüner Seite. Sehr selten erklingt sie dagegen aus wirtschaftsnahen Kreisen. Ein Beispiel ist nun «Hybris», das neue Buch des 1939 in Wien geborenen Meinhard Miegel.

Wirtschaftsnaher Querdenker

Miegel legte 1957 in der DDR das Abitur ab und studierte in Weimar zwei Semester Musik. Dann floh er in die BRD, wo er zuerst Soziologie und Philosophie studierte und darauf Recht. Er arbeitete als Anwalt für die Industrie, war Mitarbeiter des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf, eines Vertrauten von Helmut Kohl. Von 1977 bis zu dessen Auflösung 2008 leitete Miegel das Bonner «Institut für Wirtschaft und Gesellschaft», das sich zu grossen Teilen aus Beiträgen grosser Unternehmen finanzierte. Heute sitzt er dem Think Tank «Denkwerk Zukunft» vor. Wirtschaftsfeindlichkeit kann man Miegel also nicht vorwerfen

In seinem Buch «Hybris» geht er hart mit dem Westen ins Gericht: Die Länder des Westens hätten jedes Mass verloren. Miegel kritisiert Individuen, Institutionen und Unternehmen. Zum Beispiel die Anspruchshaltung der Bürgerinnen und Bürger gegenüber dem Staat. Dieser «frönt einem Lebensstil, der nicht seiner Wirtschaftskraft» entspricht und erstickt Eigeninitiative durch eine Flut von Regelungen und Vorschriften.

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Buchhinweis

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Meinhard Miegel: «Hybris, die überforderte Gesellschaft», Berlin 2014

Rennen, stressen, hetzen – aber wozu?

In den Bürgern sei eine Versorgungsmentalität entstanden, die sich nicht mehr finanzieren lässt. Und die Unternehmen gierten einzig danach, noch grösser zu werden, noch mehr Marktmacht zu entwickeln. Die westlichen Volkswirtschaften verbrauchen verantwortungslos Unmengen von Ressourcen und hinterlassen den künftigen Generationen überschuldete Gemeinwesen, einen ausgeplünderten Planeten und ökologische Schäden. Zeit ist ein rares Gut geworden, die Menschen rennen, stressen und hetzen, und im Grunde weiss niemand, wozu. Miegel formuliert Wirtschafts- und Sozialkritik aus liberaler Warte.

«Materieller Gewinn ist nicht der Weisheit letzter Schluss»

Wiederholt kommt er auf Ludwig Erhard (1897-1977) zu sprechen, den «Vater des Wirtschaftswunders» und deutscher Bundeskanzler der Jahre 1963-66. Der trat früh dafür ein, Mass zu halten: «Was wir (…) brauchen, ist ein neuer Stil unseres Lebens. Die wachsende Produktion allein hat keinen Sinn. Lassen wir uns von ihr völlig in den Bann schlagen, geraten wir in solcher Jagd nach materiellen Werten in den bekannten Tanz um das Goldene Kalb. In diesem Wirbel aber müssten die besten menschlichen Werte verkümmern: der Gedanke an ‹den anderen›, an den Menschen neben uns.» Das sagte der christlich-demokratische Politiker 1965 und wies darauf hin, «dass materieller Gewinn nicht der Weisheit letzter Schluss, des Lebens einziger Sinn ist».

Gerade heute, wo die Menge von Waren und Dienstleistungen laut Miegel nie zuvor dagewesene Dimensionen erreicht, wäre es vorteilhaft, sich an Erhards Denken der sozialen Marktwirtschaft und des Ordoliberalismus zu erinnern.

Verantwortungsbewusster Verbrauch

Meinhard Miegel fordert in «Hybris» eine «Kunst der Beschränkung» und liefert damit einen Gegenentwurf zum alles verzehrenden Wirbel der Gegenwart.

Der westliche Mensch müsse wieder lernen, das Kleine, das vermeintlich Unbedeutende zu geniessen. Es gehe darum, «besser zu nutzen, was vorhanden ist, anstatt ständig nach mehr zu gieren». Und schliesslich müsse man sich grundsätzlich die Frage stellen, was wirklich notwendig ist, was angenehm – und was schlicht überflüssig.