Zum Inhalt springen

Gesellschaft & Religion Menschenversuche in Münsterlingen: Wer kommt für die Folgen auf?

Als Entdecker des Antidepressivums war der Psychiater Roland Kuhn hoch angesehen. Jetzt steht der Verstorbene in Verdacht, an ahnungslosen Patienten und Heimkindern Medikamente getestet zu haben. Wie war das möglich? Werden Opfer entschädigt? Ein Betroffener und ein Nachfolger Kuhns äussern sich.

Ein Glas mit Pillen darin
Legende: Gelbe und weisse Pillen – so, wie die, die sie jahrelang schlucken mussten, berichtet ein ehemaliges Heimkind. Imago

Wir treffen uns an einer Bushaltestelle in der Ostschweiz, einige Kilometer oberhalb von St. Gallen. Guido Stierli holt mich mit seinem Lieferwagen ab. Der selbstständige Mittfünfziger heisst eigentlich anders. Er möchte anonym bleiben, aus Furcht Kunden zu verlieren, wenn seine Vergangenheit als Heimkind und medizinisches Versuchskaninchen bekannt werden würde.

Niemand kümmerte sich um die Langzeitfolgen

Sechs Jahre verbrachte Guido Stierli im katholischen Kinderheim im Kloster Fischingen, bis Ende der 1970er-Jahre. Einmal in der Woche wurden er und andere Kinder in die nahe gelegene psychiatrische Klinik nach Münsterlingen gefahren.

Es seien nur Kinder gewesen, deren Eltern nicht in der Lage waren, sich für sie einzusetzen. Jahrelang mussten sie Tabletten schlucken, Psychopharmaka. «Wir haben die gelben und weissen Pillen nicht unter dem Tisch verschwinden lassen können», sagt Stierli heute, «darauf haben die Nonnen sehr genau geachtet.»

Mit Folgen für sein Leben: «Wenn ich eine Kopfwehattacke habe, ist mir alles gleich, was rundherum passiert. Ich fahre zum Beispiel Auto und sehe eine Menschengruppe. Es ist brutal, dass ich das jetzt sage: Aber mir ist völlig egal, wenn ich diese Menschengruppe umfahren würde. Ich fühle einen so starken Schmerz, bin so apathisch», erzählt Stierli. Auch andere Heimzöglinge, an denen in Münsterlingen Medikamente getestet wurden, leiden bis heute an Kopfschmerzen, Panikattacken, Bluthochdruck und anderem.

Ethische Kriterien interessierten nicht

Stierli weiss erst seit einem Jahr von den Arzneimitteltests, die an ihm durchgeführt wurden. Er fand Hinweise in Akten des Kinderheims. Das hätte ihn regelrecht umgehauen. Erst jetzt könne er sich seine Kopfschmerzen erklären.

Hier, in diesem Container, wo er seine Waren lagert und wir uns zum Gespräch treffen, schreit Stierli seine Wut heraus. Die Pillen seien von Ciba-Geigy gewesen. «Keine Entschuldigung, keine Entschädigung, nichts.» Obwohl Novartis bis heute Milliarden an den Antidepressiva verdiente, die sie auch an ihm getestet hätten.

Damals gab es zwar noch kein Humanforschungsgesetz oder Ethikkommissionen. Doch es gab längst ethische Richtlinien für Ärzte und Wissenschaftler: den «Nürnberger Kodex» von 1947, später auch die Deklarationen von Helsinki (1964) und Tokio (1975), beschlossen vom Weltärzteverband. Ohne «volle Aufklärung und freiwillige Zustimmung der Versuchspersonen» sollte kein Arzt Medikamente testen. Doch weder Roland Kuhn noch die Pharmafirmen hielten sich daran – und auch nicht die kantonalen Behörden im Thurgau.

Legende: Video Walter Nowak, der Zögling im Thurgauer Kloster Fischingen war abspielen. Laufzeit 23:00 Minuten.
Aus Reporter vom 24.05.2015.

Die Macht unkritischer Mediziner

Als zweites bin ich mit Karl Studer in seiner Praxis in Kreuzlingen am Bodensee verabredet. Der Psychiater und Psychotherapeut war als Klinikdirektor in Münsterlingen Nachfolger des 2005 verstorbenen Roland Kuhn. Er hat die Arzneimittel-Experimente seines Vorgängers nie in Frage gestellt.

Ihn interessierte nur das Ergebnis von Kuhns Menschenversuchen: «Seitdem die Psychopharmaka existieren, sind die Kliniken leer geworden. Ich habe meine Klinik angetroffen mit 530 Patienten, 1980. Als ich pensioniert wurde, 2006, waren es noch 200. Mit den Psychopharmaka konnten viele Menschen nachher selbständig leben.»

Kann denn der Zweck die Mittel heiligen? Nein, sagt Karl Studer und lacht gequält. «Aber das hat mich nicht interessiert, wie und ob Roland Kuhn es nach den Richtlinien der Helsinki Deklaration oder nach den Richtlinien der schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaft gemacht hat. Das war seine Sache. – Wir waren froh, dass es diese Medikamente gab.»

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von E.S., Zürich
    Hinweis zu Sendung Passage "Ich will ein Geständnis": Die von Novartis angegebene 10jährige Aufbewahrung von Dokumenten zu klinischen Studien dürfte kaum stimmen. Medikamente, die zugelassen sind, müssen gemäss Heilmittelgesetz von Swissmedic alle 5 Jahre überprüft werden. Auch wenn das oft nur eine formelle Angelegenheit ist, werden die dazugehörigen Dossiers sicher nicht weggeworfen. Arzneimittelstudien haben 5 Phasen, die letzte ist offen, zeitlich und in Bezug auf die Anzahl Testpersonen
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    Himmeltraurige Mechanismen um Völker in eine ganz"bestimmte Richtung"zu domestizieren,zu instrumentalisieren.Wer seelisch irgendwie"spürt",dass DA etwas nicht stimmt(dem Leben entfremdet/rentabilisiert/entleert/versinnlos-isiert wird),unter der damit einhergehenden Lieblosigkeit leidet,wird mittels angebl."legalen"Mittel kanalisiert,bzw.ruhig gestellt.Andere Version;Alkohol,Drogen aller Art(Sex-Sucht?)in den Kopf schütten,Dauer-vernebeln.WIE bloss,konnte eine solch verlogene KULTUR(?)entstehen?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Sandra Herrman, Stuttgart
      Die Antwort ist relativ einfach: Es geht nur um Gier nach Macht (inkl. Weltmacht einer kleinen Clique => NWO) und Reichtum. Vielen ist gar nicht bewusst und wollen es auch gar nicht wissen (=>Vogel-Strauss- bzw. drei-Affen-in-einer-Person-Methode)in was für einer satanisch.sadistischen Welt wir leben. Sie haben es bereits in Ihrem ersten Satz angedeutet. Oder nehmen Sie das Beispiel MK-Ultra und wie die ganzen sonstigen Mind-Control-Programme heissen(vgl. Filme/Serien [vieles von dem ist real]).
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von E.S., Zürich
    Dass man für diese ehrgeizigen Versuche sogar Kinder benutzte, ist kaum auszuhalten, vor allem wenn man die Wirkung solcher Medikamente selber erfahren hat. – "Mit den Psychopharmaka konnten viele Menschen nachher selbständig leben." – Das ist leider die gängige, aber verblendete Sicht von Psychiatern. Die Patienten sitzen zwar heute nicht oder nur kurz in der Klinik, aber der 'Aufenthalt im Körper' wird unter Neuroleptika zur Hölle: man ist nicht mehr äusserlich, sondern innerlich gefesselt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten