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Migration und Assimilation «Es ist vermessen zu glauben, dass man sich immer Zuhause fühlt»

Legende: Video «Televisionen – von Menschen zu Stereotypen» abspielen. Laufzeit 41:40 Minuten.
Aus Kultur vom 27.11.2018.

Nachdem ihr Vater den Polski Fiat 1988 nach Westberlin steuerte, liess Emilia Smechowski einen Teil ihrer Kultur hinter sich. In ihrem Buch «Wir Strebermigranten» erzählt sie von der Flucht aus Polen und dem Versteckspiel in Deutschland: nicht auffallen, anpassen, aufsteigen. Auf der Strecke blieb die eigene Identität.

Derzeit lebt Emilia Smechowski in Danzig und fühlt sich fremd in der damaligen Heimat. Ein Gespräch über gute Vorurteile, gesellschaftliche Codes und ein gesundes Fremdheitsgefühl.

Emilia Smechowski

Emilia Smechowski

Journalistin

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Emilia Smechowski, 1983 in Polen geboren, studierte Operngesang und Romanistik in Berlin und Rom. Heute arbeitet sie als freie Autorin und Reporterin, unter anderem für «Geo», «Süddeutsche Zeitung» und «Die Zeit». Zurzeit lebt sie mit ihrere Tochter in Danzig.

SRF: Sie sind 1988 als Fünfjährige aus dem sozialistischen Polen nach Westdeutschland geflüchtet. Jetzt leben Sie wieder in Polen. Warum?

Emilia Smechowski: Ich schreibe ein zweites Buch, Reportagen über Polen, dafür bleibe ich ein Jahr hier. Es ist heute ein ganz anderes Land, als meine Eltern damals verlassen hatten. Ich wollte verstehen, wie es sich verändert hat. Dafür muss man einen Alltag in Polen haben.

Wie fühlt es sich an?

Ich bin als Fünfjährige weggezogen, nun bin ich als Erwachsene und Mutter zurückgekommen. Ehrlich gesagt, fühle ich mich zum ersten Mal fremd, und zum ersten Mal wirklich als Ausländerin.

Verstehen Sie jetzt besser, warum Ihre Eltern das Gefühl hatten, sich zwischen zwei Nationalitäten entscheiden zu müssen?

Ich habe das schon verstanden, bevor ich nach Polen gezogen bin. Es ist typisch, dass erst Secondos ihre eigene Migrationsgeschichte reflektieren. Meine Eltern hatten keine Zeit darüber nachzudenken, was der richtige Weg wäre, sich zu integrieren. Wenn man als Erwachsener auswandert – dann noch 1988, der Eiserne Vorhang war noch da –, ist viel mehr Druck und Angst dabei als für mich heute.

In «Wir Strebermigranten» kritisieren Sie, dass Ihre Eltern sich bis zur Selbstverleugnung angepasst und auch Ihnen alles Polnische ausgetrieben haben.

Ich verstehe ihren Entschluss, heisse ihn aber nicht gut. Ich halte es für einen Fehler, die Entscheidung zwischen zwei Kulturen zu erzwingen. Wenn man das wirklich will, kann man eine Kultur hinter sich lassen. Ich denke aber nicht, dass meine Eltern das wollten. Sie hatten eher das Gefühl, sie müssten das tun. Und ich wollte es ganz bestimmt nicht.

Wie haben Ihre Eltern das Buch aufgenommen?

Sehr unterschiedlich. Meine Mutter hat sehr emotional reagiert, weil sie ihr eigenes Leben aus einer anderen Perspektive beschrieben, las. Das ist, denke ich, für jeden schwer, und jeder kann damit unterschiedlich gut umgehen. Mein Vater war gar nicht glücklich über das Buch, er hat sich kritisiert gefühlt.

Es ist schwierig, wenn man in einem fremden Land die Codes nicht lesen kann.

Was machen Sie bei Ihrem Kind anders bei der Auseinandersetzung mit der Herkunft?

Natürlich habe ich Angst, die Fehler meiner Eltern zu wiederholen. Als ich mit meiner Tochter hierher gekommen bin und den Impuls hatte, ihr auf der Strasse das Deutschreden zu verbieten, habe ich mich sehr geschämt.

Warum sollte sie nicht Deutsch sprechen?

Hier gab es immer wieder Nachrichten, dass Menschen angegangen wurden, die Deutsch gesprochen haben, zum Teil auch mit Gewalt. Das sind natürlich Einzelfälle, das weiss ich. Trotzdem hatte ich zunächst diesen Impuls, den meine Oma in den 1980ern hatte: «Lieber nicht Deutsch sprechen. Es gibt ja noch Leute, die sich an den Krieg erinnern.»

Sie reisten damals als Kind, heute als Erwachsene aus. Was ist anders?

Als Kind in Deutschland spürte ich die Unsicherheit nicht, die meine Eltern fühlen mussten. Jetzt spüre ich sie. Ausserdem merke ich, wie schwierig es ist, wenn man in einem fremden Land die Codes nicht lesen kann.

Wie meinen Sie das?

Ich spreche zwar Polnisch und kenne das Land, aber es gibt riesige Unterschiede im Zusammenleben: Wie verhält man sich als Mutter? Wie läuft die Kita ab? Das läuft zum Teil komplett anders, obwohl Polen und Deutsche Nachbarn sind.

Wobei ich sagen muss, dass ich dieses Fremdheitsgefühl ganz gesund finde. Die Frage ist, ob man gewillt ist, dieses Gefühl zu überwinden oder ob man aus dieser Situation flieht. Es ist vermessen zu glauben, dass man sich immer und überall Zuhause fühlt oder fühlen muss.

Die deutsche Überkorrektheit nervt mich.

In Ihrem Buch geht es um polnische Stereotypen und Vorurteile. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie eine Geschichte leben, die viele lebten?

Das kam schleichend. Vor allem im Journalismus hatte ich viele Kollegen und Kolleginnen mit Migrationshintergrund, die ihre Herkunft nicht versteckten. Im Gegenteil, sie spielten damit und nutzten sie, auch beruflich. Das hat mir imponiert.

Legende: Video «Talk – Fremdes Pack und Füdlibürger» abspielen. Laufzeit 55:19 Minuten.
Aus Kultur vom 27.11.2018.

Gleichzeitig habe ich viele Polen gekannt, die ich als solche kaum wahrgenommen habe, weil sie ihre Herkunft genauso versteckten wie ich. Erst im Erwachsenenleben haben wir gemerkt, dass sich unsere Eltern sehr ähneln, wir zogen dann die Parallelen zu unserem Herkunftsland: dieser Druck von Zuhause, dieser Wille aufzusteigen, sich anzupassen.

Gibt es Vorurteile gegenüber polnischen Migranten, die Ihnen gefallen?

Dass der Pole zu Provisorien neigt. Ich kenne das von mir selber, im Alltag. Ich bin sehr unordentlich und eher faul in der Küche. Auch als Mutter habe ich nicht den Anspruch, alles perfekt zu machen. Die deutsche Überkorrektheit in diesen Dingen nervt mich.

Das Gespräch führte Ana Matijasevic.

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