Milo Rau über Obama und das Vertrauen zwischen Bürger und Staat

Barack Obama hat erklärt, er wolle die Ausspähung seiner Bürger durch die NSA stoppen. Vertrauensbildende Massnahmen. Wie steht es generell um das Vertrauen? Ein Gespräch mit Regisseur Milo Rau, der sich immer wieder mit der Frage des Vertrauens der Bürger in ihre Institutionen beschäftigt hat.

Barack Obama mit Füssen auf dem Tisch beim Telefonieren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Barack Obama will mit der NSA-Reform das Vertrauen zwischen Staat und Bürger wieder herstellen. Keystone

Milo Rau hat den Prozess gegen Pussy Riot nachgestellt. Er ist Grenzgänger. Seine Theaterstücke sind Wirklichkeits-Inszenierungen und offenbaren die Inszenierung der Wirklichkeit. In Zürich führte er die «Zürcher Prozesse» gegen die Weltwoche durch. Momentan probt er in Brüssel gerade ein neues Stück.

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Zur Person

Zur Person

Milo Rau wurde 1977 in Bern geboren. Er ist international gefragter Regisseur und arbeitet häufig an politischen Themen. So beschäftigte er sich mit den letzten Tagen des Diktators Ceausescus, dem Völkermord in Ruanda oder inszenierte «Breiviks Erklärung», einen Text des norwegischen Amokläufers. Er ist künstlerischer Leiter des «IIPM».

Vertrauen schafft Loyalität

Ob er Lust habe, ein Telefoninterview über Vertrauen zu führen? Denn Barack Obama habe soeben kommunizieren lassen, mit der Datensammelei der NSA sei Schluss – zumindest wenn es um US-Landsleute gehe. «Was halten Sie von solchen Massnahmen?»

«Das ist die grundsätzliche Frage nach dem Vertrauen der Bürger, inwiefern er bei Rechtsfragen partizipativ mitgestalten kann. Davon hängt auch die Loyalität der Bürger ab. Die Schweiz ist ein gelungenes Beispiel dafür, die Basisdemokratie ist fortlaufende Partizipation. Ich glaube auch, dass das Ergebnis der Massen-Einwanderungs-Initiative von weit mehr Bürgern mitgetragen wird, als nur von denen, die ‹Ja› gestimmt haben. Ich sehe in der Schweiz eine weit verbreitete Loyalitätskultur – anders als in Deutschland. Da bemerke ich eine Oppositionskultur. Mag sein, dass ich mich irre», sagt er. Und fügt an: «Aber die Staatstreue ist in der Schweiz schon sehr gross. Das hat mit dem Vertrauen der Bürger in einen Staat zu tun, den sie permanent und direkt mitgestalten können. Vertrauen ist unverzichtbar für das Gemeinwesen. Man kann nicht alles festschreiben».

Aber wo liegt die optimale Mitte zwischen Kontrolle und Vertrauen? Wenn Lenin meinte: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser», dann gilt heute bei den Bürgern eher das Gegenteil: «Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser».

Vertrauen kommt von Treue

Wir sprechen über die etymologische Bedeutung des Wortes «Vertrauen». Dass es gar nicht von «Trauen» komme sondern von Treue. Vertrauen ist eine positive Zukunftserwartung. Jemand wird in Zukunft so sein, wie man ihn bis an hin kennt. Darauf ist prospektiver Verlass. Rau fällt eine Anekdote dazu ein, was passiert, wenn dieser Verlass abhandenkommt: «Ich habe einmal bei einer Regiearbeit das Vertrauen der Schauspieler verloren. Das liess sich auch nicht wiederbeleben. Arbeiten war danach nicht mehr möglich. Das Misstrauen hatte Einzug gehalten».

Tyrannei ist auf Misstrauen gebaut

Aristoteles sagte einmal, Tyrannei sei einzig auf Misstrauen gegründet. Was Rau davon hält? Er antwortet mit Macchiavelli: «Der hat schon gesagt, als Tyrann muss man sich im Zweifelsfall für die Angst entscheiden. Das gilt für die Nazis, die Securitate und die Stasi. Aber diese totalitären Systeme haben keine Blitzschläge überstanden, sie dauern eine Zeit, dann kommt der Schlag und es ist vorbei. Im Klima der Angst und des Misstrauen schlägt nichts Wurzeln. Vertrauen ist für mich ein virtueller Rahmen des Zusammenlebens. Alles andere ist strategische Entscheidung. Wenn der Rahmen des Vertrauens zerstört wird, kann man aufhören».

Ist Vertrauen vielleicht einfach der Wille, sich verletzlich zu zeigen? Rau bejaht. «Das fasst meine Arbeit mit Schauspielern in einem Satz zusammen».

Die Technik ist wertfrei

In globalen zwischenstaatlichen Verhältnissen ist das heute anders. Wo die Stasi noch Karteikarten wälzen musste, sucht heute ein Algorithmus und wird fündig. Wir leben in einer technisierten Welt. «Die Technologie an sich ist wertfrei», sagt Rau. «Entscheidend sind die Menschen.» Er glaubt nicht, dass Paranoia hinter der amerikanischen Sammelwut steckt. Es sind die Möglichkeiten des technischen Systems: «Das schafft Optionen und die werden genutzt».

Und was ist denn das treibende Element wenn es nicht die Paranoia ist? «Es gibt kein treibendes Element», sagt Rau. Oder mit Luhmann gesagt: «Das ist ein System, das wie jedes andere auf Selbstoptimierung aus ist. Es ist ein blinder Mechanismus. Ein solches System ist nicht zu regulieren».

Obama braucht das Vertrauen der Bürger

Das wirft ein anderes Licht auf die Ankündigung Obamas. Zukünftig soll nicht mehr die NSA Daten über die eigenen Bürger sammeln, sondern Telefongesellschaften. Und die dürfen die Daten nur nach Gerichtsbeschluss an die NSA weitergeben. Bislang wurden Gerichte übergangen.

Die Ankündigung liest sich so, als brauche Obama die Unterstützung seiner Bürger und die Öffentlichkeit, um dieses System des strukturellen Misstrauens, die NSA zurück zu binden – und um über den Umweg der Telefongesellschaften und Gerichte dieses hybride System NSA zu regulieren, das ein Präsident allein gar nicht mehr regulieren kann.