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Schwarzweissfoto: Fünf Menschen und ein Hund stehen vor dem Gartenzaun eines Backstein-Hauses.
Legende: «In Amerika ist auch manche liebe Heimat»: ein Zweig der Abbühl-Familie 1892 in Valley Falls, Kansas. Museum für Kommunikation
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Gesellschaft & Religion «Mir verleidet es hier»: Schweizer Geschichte in Briefform

Vom Berner Haslital nach Amerika – und wieder zurück: Im 19. Jahrhundert schrieben sich die Abbühls zahlreiche Briefe. Ausgewanderte berichteten von der neuen Heimat, die Daheimgebliebenen vom Geschehen im Dorf. Die zufällig entdeckte Briefsammlung gibt Einblick in eine vergessene Schweiz.

«Neu York, den 17. August 1851. Herzlich geliebte Vater und Mütter, Brüder und Schwestern und alle Verwandten und Bekannten. Gott sei Dank! Jetzt können wir Euch wieder mit guter Gesundheit ein paar Zeilen von unserer Reise mitteilen. Zehn Wochen auf dem Wasser hindurchzubringen: Da gibt es viele Beschwerlichkeiten.»

So beginnt der erste Brief aus der Sammlung, geschrieben von Arnold Abbühl aus Guttannen im Haslital – an die Verwandten und Zurückgebliebenen in der Schweiz – kurz nach seiner Ankunft in Amerika. Rund 100 Briefe gingen im Laufe der Jahre hin und her. Dass sie überhaupt den Weg an die Öffentlichkeit fanden, ist einzig und allein dem Zufall zu verdanken: Sie wurden in einer alten Schuhschachtel gefunden.

Altes Schwarzweissfoto: Gruppenbild einer grossen Familie vor einem Haus.
Legende: Grossfamilie Huber-Abbühl in Unterstock: «Da gibt es viele Beschwerlichkeiten.» Museum für kommunikation

Nöte und Sorgen

In aufwändiger, mehrjähriger Kleinstarbeit tippte der pensionierte Gemeindeschreiber von Guttannen die Briefe ab – gewissenhaft und sorgfältig: «Teilweise sind sie nicht schön geschrieben. Und da sind auch Fehler drin», erzählt Walter Schläppi. «Dann fehlt vielleicht der Teil eines Briefes. Oder da ist ein Loch drin. Ich habe einfach alle abgeschrieben. Erst danach wurden sie in die richtige Reihenfolge gebracht.»

Nach und nach entfaltete sich so die Geschichte der Familie Abbühl, die in Guttannen alle Familie Kätter nannten. Die Familienmitglieder hielten sich auf dem Laufenden: über ihren Gesundheitszustand, finanzielle Sorgen und ihren Alltag – im Haslital und im fernen Amerika. Die Briefesammlung ist ein Fundus an Geschichten aus einer Schweiz, die wir heute kaum mehr kennen.

Grosse Dringlichkeit

Das war auch Kurt Stadelmann vom Museum für Kommunikation sofort klar, als er zum ersten Mal von den Kätter-Briefen hörte. «Da wird wenig, aber inhaltsvoll kommuniziert. Das heisst: Wir als heutige Leser kriegen Einblick in einen Alltag, den man so bis jetzt nicht kennen lernen konnte.»

Das Museum hat die Briefe nun als Buch herausgegeben – und zwar in der Originalsprache. «Die Briefe sind in einer Form geschrieben, in der man miteinander spricht. Das sind nicht orthographisch korrekte, stilvolle Sätze, sondern da wird der Alltag in Schriftprache umgesetzt. Das ist sehr eindrücklich», sagt Stadelmann.

Ihn habe die Dringlichkeit der Briefe berührt, sagt Kurt Stadelmann. Sie waren die einzige Verbindung zwischen dem Haslital und Amerika. Geschrieben von Menschen, die sich schwer taten mit der Schriftsprache und sonst eigentlich nur mündlich miteinander kommunizierten. Beim Schreiben kommen die unterschiedlichen Persönlichkeiten der einzelnen Mitglieder der Abbühl-Familie zum Vorschein.

Bewegende Einzelschicksale

Besonders ans Herz gewachsen sei ihm Arni Abbühl, sagt Gemeindeschreiber Walter Schläppi. Arni, der als junger Mann für kurze Zeit ausgewandert war und dann ins Haslital zurückkehren musste, weil der Vater schwer krank geworden war. Zeitlebens träumte Arni davon, wieder nach Amerika zu reisen.

Schwarzweissfoto: Eine Baustelle vor einem Dorf.
Legende: Lieber weg als hier enden: 1927 wird der Friedhof von Guttannen ausgebaut. Museum für Kommunikation

1893 schrieb er an seinen Bruder Kaspar in Illinois: «Boden, den 29. November 1893. Ich habe noch einmal den Entschluss gefasst, nächstes Jahr – wenn irgend möglich – in Amerika zu kommen. Mir verleidet es hier je länger je mehr. Denke nicht nur an die liebe Heimat hier. In Amerika ist auch manche liebe Heimat und viele schönere und bessere als hier in diesem steinigen Bergtal.»

Doch es sollte nie dazu kommen: 1896 starb Arni bei einem Lawinenunglück. Es sind bewegende Einzelschicksale von einfachen Leuten. Durch ihre Briefe erhalten wir heute einen Einblick in die Schweiz des 19. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der Menschen aus wirtschaftlicher Not auswanderten, die lange und beschwerliche Reise ins Ungewisse auf sich nahmen – und auch in der neuen Heimat viele Rückschläge erlitten. Fast alle ausgewanderten Mitglieder der Familie Abbühl sind im Laufe der Jahre wieder in die Berner Heimat, ins Haslital zurückgekehrt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktualität, 17.12.2015, 16:20 Uhr.

Buchhinweis

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Museum für Kommunikation, Kurt Stadelmann (Hg.): Kätter-Briefe – Familie Abbühl in Guttannen und Amerika. Chronos-Verlag, 2015.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von E. Waeden , Kt. Zürich
    Früher verwendete man den Begriff "Zurückgebliebene" für Menschen, welche geistig ein Manko hatten. Hier verwendet man ihn für Daheimgebliebene.
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  • Kommentar von Werner Grollimund , Aigle
    Im Bericht heisst es: Eine Zeit, in der Menschen aus wirtschaftlicher Not auswanderten, die lange und beschwerliche Reise ins Ungewisse auf sich nahmen – und auch in der neuen Heimat viele Rückschläge erlitten. Sehen auch sie eine Parallele zur heutigen Migrantensituation? A bon entendeur...
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    1. Antwort von u.felber , luzern
      Sie erkennen aber schon die alt bekannte meinungsmache von SRF?
    2. Antwort von martin reiser , baar
      Nein, Hr. Grollimund, genau diese Parallele sehe ich eben nicht. Der Unterschiede zwischen damals und heute sind zu viele.
    3. Antwort von andreas furrer , prilly
      @ martin reiser: der grösste teil des schweizer eisenbahnnetzes stammt aus dieser zeit, das rote kreuz, die landeshymne; es war die gründerzeit global tätiger schweizer handels - und industriefirmen. der peak des kolonialismus (z.b. 1890 italien in eritrea), die schacher um den nahen osten, die expansion der usa in den pazifik, der boxeraufstand, die faschodakrise... alles in allem wie gehabt, einfach ohne smartphone.
    4. Antwort von Reto Munteler , Zürich
      Nein, denn Kost und Logis mussten sich die Migranten selbst hart erarbeiten. Friss oder stirb war da die Devise, wobei da ein jeder "gottefroh" war, wenn es überhaupt etwas zu "fressen" gab. Die USA waren damals noch praktisch menschenleer. Stellen Sie sich vor: Gerade mal 23.2 Mio. Menschen (heute 300 Mio.) waren 1850 auf die knapp 10 Mio. km2 verteilt! Wie man oben liest, waren sich zudem Migrationswillige nicht zu schade, um zu Gunsten erkrankter Familienmitglieder ihren Traum zu begraben.
    5. Antwort von andreas furrer , prilly
      @ reto munteler: und general kuster? big foot? und wozu brauchte es die abolition, wenn doch so viele selbstlose leistungswillige "gottefroh" waren, auch nur etwas zu "fressen" zu haben?