Missbrauchsfälle: Wieviel Transparenz will die Kirche?

Klaus Mertes deckte 2010 einen der grössten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auf. Über Jahre hinweg hatten zwei Patres am Canisius-Kolleg in Berlin hunderte von Schülern missbraucht. Mertes machte die Fälle öffentlich und wurde bald darauf in einen kleinen Ort im Schwarzwald versetzt.

Bilderrahmen mit einer zerschlagenen Scheibe. Darin das Bild eines Kindes, durch die zersprungene Glasscheibe ist das Gesicht nicht zu erkennen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Klaus Mertes machte zahlreiche Missbrauchsfälle öffentlich. Keystone

Als Klaus Mertes Kolleg-Rektor in Berlin war, haben sich ihm zwei ehemalige Schüler anvertraut. Er hat daraufhin sämtliche Schüler der betroffenen Jahrgänge des Canisius-Kollegs angeschrieben und nach ihren Erlebnissen mit Patres gefragt. Es stellte sich heraus, dass Hunderte missbraucht wurden, ohne dass es Konsequenzen für die Übeltäter gegeben hätte.

Mertes übernahm die Verantwortung für das Vertuschen und das Schweigen in seiner Kirche. Er brach ein Tabu, ging an die Öffentlichkeit und entschuldigte sich für seine katholische Kirche. Er erhielt jede Menge Preise, darunter in der Schweiz den Herbert-Haag-Preis.

«Das hätte man intern regeln können»

Nach weltlichen Massstäben hatte der Aufklärer etwas von einem Helden, er hatte eine 2000 Jahre alte, machtvolle Institution wachgerüttelt.

Für jene, die über Mertes in der Kirchenhierarchie sind, war und ist Mertes ein Kirchenrebell, ein Nestbeschmutzer. «Das hätte man doch auch intern regeln können», sagen sie. Und: Erst kommt die Kirche, dann kommen die Menschen.

Als die Missbrauchsfälle öffentlich wurden, traten in Deutschland 40 Prozent mehr Katholiken aus der Kirche aus als im Jahr zuvor. Mertes war schuld. Also schickte man Mertes in den Schwarzwald.

Porträt: Mertes schaut lachend in die Kamera. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit 2011 ist Klaus Mertes Direktor des Kollegs St. Blasien. Wikimedia/Etzagots

Klassisch katholisch, eher konservativ

Das gigantische Benediktinerkloster St. Blasien liegt in einem schattigen Tal. Hier unterhält der Orden der Jesuiten ein Kolleg mit 800 Schülerinnen und Schülern. Der Jesuitenpater Klaus Mertes ist seit 2012 Leiter des Kollegs.

Klaus Mertes bezeichnet sich selbst als klassisch katholisch und eher konservativ. Gleichwohl hat er auch in seiner Berliner Rektorenzeit immer wieder für Aufsehen gesorgt, weil er zum Beispiel Kinder in seiner Schule aufnahm, die keine Aufenthaltsgenehmigung besassen. Oder er unterstützte seine Mitbrüder darin, ihre Homosexualität zu offenbaren.

Eigene Sünden unterliegen dem Beichtgeheimnis

Seit er den sexuellen Missbrauch aufdeckte, wurde und wird Mertes von seiner Kirche geschnitten. Es kam zum Beispiel vor, dass ein örtlicher Schwarzwaldpfarrer ihn von einer Veranstaltung wieder ausladen musste, weil die Bistumsleitung interveniert hatte.

Einer, der einen Kreuzzug für die Transparenz führt, passt halt auch heute noch nicht so recht in eine Kirche, die für ihre eigene Sündhaftigkeit ein Beichtgeheimnis bereithält.

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