Mit dem Zivildienst zum Traumjob

Zwanzig Jahre nach seiner Einführung hat sich der Zivildienst zu einer attraktiven Stellenbörse entwickelt. Gemäss Gesetz darf der Zivildienst den Stellenmarkt nicht konkurrieren – trotzdem suchen viele Betriebe so ausgebildete Fachkräfte. Eine Chance, die viele Zivis gern ergreifen.

Eine Spritze im Vordergrund – im Hintergrund unscharf Ärzte bei einer Operation. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Als Zivildienstleistende werden auch ausgebildete Fachkräfte gesucht. Keystone

Auf einer Anhöhe über Davos steht das Physikalisch-Meteorologische Observatorium. Vor einem Bildschirm im zweiten Stock sitzt Corentin Gut. Er analysiert in einer Tabelle die Strahlungswerte der Sonne – wie lange sie geschienen hat und wie stark.

Es sind die grossen Klimafragen, die hier über Davos erforscht werden: Welche Rolle die Sonne bei der Klimaerwärmung spielt beispielsweise.

Forschung statt Militär

Die Wissenschaftler kommen aus der halben Welt, Gut sitzt mitten unter ihnen. Er ist ebenfalls Physiker und doch kein gewöhnlicher Mitarbeiter. Denn der Romand, der sich nach der Rekrutenschule gegen das Militär entschieden hatte, leistet hier seit vier Monaten seinen Zivildienst.

«Für mich ist das ein Glücksfall», sagt er. Er könne hier tun, was er auch in seiner beruflichen Zukunft tun möchte: in der Forschung arbeiten. An die Armee denkt er ungern zurück: «Das war keine gute Zeit.»

Immer mehr Männer handeln ähnlich wie Gut und entscheiden sich an Stelle des Militärs für den anderthalbmal so langen Zivildienst.

18'000 Zivis im Jahr 2015

Ihren Einsatz leisten die Zivis in öffentlichen oder gemeinnützigen Unternehmen – hauptsächlich im Sozialwesen, bei Gesundheitsbetrieben und im Umweltschutz.

Alleine im vergangenen Jahr erbrachten rund 18’000 Zivildienstleistende 1,6 Millionen Diensttage, ein neuer Höchstwert. Mit 5'800 Personen traten 2015 viermal so viele Personen dem Ersatzdienst bei wie noch zehn Jahre zuvor.

Stellenbörse auch für Fachkräfte

Die Zahl der Einsatzbetriebe steigt ebenfalls stetig an. Erledigten Zivildienstleistende früher mehrheitlich einfache Hilfsarbeiten, suchen immer mehr Betriebe nach ausgebildeten Fachkräften.

Dabei ähneln die sogenannten Pflichtenhefte häufig einer Stellenausschreibung, wie ein Blick ins Internet zeigt: Die Universität Bern sucht nach einem ausgebildeten Bioinformatiker für ein Forschungsprojekt im Bereich Epidemiologie, der Kanton Obwalden braucht für einen Einsatz in der Bauforschung einen Architekten, das Spital Uznach einen Notarzt mit dreijähriger Berufserfahrung.

Konkurrent gegenüber dem Arbeitsmarkt

Unproblematisch sind solche Fälle nicht. Denn gemäss Gesetz darf der Zivildienst den Arbeitsmarkt nicht konkurrieren.

Beim physikalisch meteorologischen Institut in Davos betreut der Physiker Thomas Finsterle die Zivildienstleistenden. Auch er weiss, dass der Einsatz von Fachkräften nicht unumstritten ist.

Wertvolle Berufserfahrung

Die Zivis, betont Finsterle, seien denn auch keine vollwertigen Angestellten. Sie würden – neben wissenschaftlichen Tätigkeiten – auch für einfache Hilfsarbeiten, wie Papier einsammeln oder Botengänge eingesetzt. Dennoch gibt Finsterle zu: «Wenn wir die Zivis nicht mehr hätten, müssten wir wohl jemanden einstellen.»

Von der Professionalisierung im Zivildienst profitieren neben den Betrieben auch die Dienstleistenden. Studienabgänger können wertvolle Berufserfahrung sammeln. Oft ergibt sich aus einem Zivildiensteinsatz ein Praktikum oder eine spätere Anstellung.

Vorteil bei der Stellensuche

Auch für den Physiker Corentin Gut ist klar, sein Einsatz wird ihm bei der kommenden Stellensuche von Vorteil sein. «Gerade diese Praxiserfahrung fehlt vielen Universitätsabgängern», sagt er. Dann muss Gut weiter ins Labor. Das Computerprogramm eines Messinstrumentes funktioniert nicht, sein Wissen ist gefragt.

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