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Gesellschaft & Religion Mit «freshen» Ideen gegen leere Kirchen

Eine Kirche in einem Pub oder ein Café in einer Kirche: Geht das? In England schon. Seit zehn Jahren experimentiert die anglikanische Landeskirche mit neuen Formen von Kirche: den «Fresh Expressions of Church». Auch in der Schweiz sucht man nach Rezepten gegen leere Kirchenbänke.

Kircheninnenraum: hinter den Sitzreihen stehen Sofas und Tische.
Legende: Das Café in der Kirche lädt zum Verweilen, aber auch zum Surfen ein. SRF/ Deborah Sutter

Mit Mikrofon und Stadtplan ausgerüstet tauche ich ab in den geschäftigen Untergrund von London. Mein Ziel: ein Café im Stadtviertel Brick Lane. Ein Quartier, ähnlich wie Zürichs Kreis 5 oder Kreuzberg in Berlin. Hip und jung und alternativ, mit Markt am Wochenende, bärtigen in Männergesichtern, Velos und gesundem Bio-Essen. Das Café, das ich suche, passt wunderbar hierher. Jedoch ist es nicht nur ein Café, sondern auch eine Kirche.

Die Café-Kirche in London

Zwischen kleinen Boutiquen und Tattoo-Studios finde ich sie: Kahaila, die Café-Kirche. Der Name Kahaila besteht aus den beiden hebräischen Wörtern «Chai» für Leben und «Kehila» für Gemeinschaft. Ich setze mich mit Kaffee und Kuchen an einen der wenigen freien Tische. Christine setzt sich zu mir, sie ist 26 und die Managerin von Kahaila.

Strassenansicht eines Cafés.
Legende: Die hippe Bricklane in London: Eine Kirche im Café. SRF/ Deborah Sutter

Christine erzählt, wie Pfarrer Paul Unsworth auf die Idee dieser ungewöhnlichen Kirche kam: «Paul war an einem Sonntag in der Brick Lane und sah all die vielen Menschen auf dem Markt. Er sah auch, wie Vertreter verschiedener Religionen dort waren und versuchten, die Leute zu erreichen. Nur die Christen, die sah er nirgends. Da dachte er: Eigentlich müssten wir doch auch Teil dieser Gemeinschaft sein!»

Dahin gehen, wo die Menschen sind

Genau dies, wieder Teil der Gemeinschaft zu sein, ist die Idee hinter einer Initiative, die ursprünglich von der anglikanischen Kirche ins Leben gerufen worden war. Vor zehn Jahren beschloss die Church of England, so könne es nicht mehr weitergehen: Kirchengebäude verwahrlosten, Gemeinden serbelten vor sich hin – Kirche im herkömmlichen Sinn interessierte im säkularen England niemanden mehr. Also entwarf man die «Fresh Expressions of Church».

Die Schweizerin Sabrina Müller, Pfarrerin in Bäretswil, hat zu diesem Thema geforscht und erklärt: «In den ‹Fresh Expressions› besinnt man sich wieder stark auf die Sendung Gottes. Das heisst, die Kirche und die Pfarrpersonen gehen zu den Menschen hin und überlegen im jeweiligen Kontext, was es heisst, hier Kirche zu sein.»

Neue Formen braucht das Land

Auch in der Schweiz ringen die Landeskirchen um Mitglieder, Kirchen werden umgenutzt, Gemeinden fusioniert. Die reformierte Landeskirche im Kanton Zürich hofft, dass die «Fresh Expressions» eine Möglichkeit sind, den Niedergang zu stoppen.

Sabrina Müller ist überzeugt, dass es sowohl die traditionelle Form, als auch die neuen Formen von Kirche braucht: «Nicht alle haben das Bedürfnis am Sonntagmorgen in den Gottesdienst zu gehen – klar ist das auch wichtig, aber es sollte nicht die einzige Form von Kirche sein.»

Gottesdienst und Metalchurch

Aber bedeutet das nicht, verschiedene Kirchen für verschiedene Szenen zu schaffen? Die Pfarrerin und Doktorandin widerspricht: «Wenn wir ehrlich sind, sind wir ja jetzt schon nur noch Kirche für eine bestimmte Szene: Bei mir kommen ausschliesslich Leute aus dem bürgerlich-traditionellen Milieu in den Sonntagmorgen-Gottesdienst, auch die jungen Erwachsenen darunter sind keine Experimentalisten oder wie man dem sagen will.»

Die Idee der «Fresh Expressions» wird heute in der Schweiz bereits gelebt, so etwa im Sonntagszimmer in der Matthäuskirche in Kleinbasel oder in der Metalchurch in Bern. Auch in diesen Beispielen geht es darum, die Inhalte der Kirche, des Evangliums in den jeweiligen Kontext zu übersetzen.

So «fresh» ist die Idee nicht

Dass die Kirche diese Übersetzung in veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten leisten kann, ist ihr zu wünschen. Doch ob es dazu das Label «Fresh Expression» braucht, bleibt offen.

Schliesslich funktioniert zum Beispiel die Heilsarmee seit jeher genau nach dem Prinzip: Dorthin gehen, wo man gebraucht wird. Das Prinzip von Kirche, mitten in die Gesellschaft hineinzugehen und dort dann die Wünsche und Bedürfnisse abzuholen, hat natürlich nicht nur die Heilsarmee verinnerlicht.

Weniger nach Grossbritannien schielen

Auch einzelne Pfarrpersonen verstehen ihr Pfarramt nicht als rein an das Kirchgebäude und den Sonntagmorgengottesdienst gebunden. Die reformierte Kirche im Kanton Sankt Gallen etwa hat eine Projektstelle geschaffen für «spirituelles Leben mit jungen Erwachsenen»; der Leiter und Pfarrer Patrick Schwarzenbach geht dabei sehr experimentell vor. Zuletzt het er mit jungen Erwachsenen für eine Woche auf der Strasse gelebt.

Doch den Mut, diese Projekte auch tatsächlich Kirche zu nennen, den hat die reformierte Landeskirche noch nicht gefunden.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Reto Munteler, Zürich
    Die Kirchen müssten Orte sein, wo man einfach hingehen und SEIN kann. Heute sind die Kirchgebäude meistens leblos, einsam und verlassen. Nur Sonntags zwischen 9:00 und 12:00 Uhr - der unattraktivsten Zeit der Woche - sind sie für jene geöffnet, die pünktlich erscheinen. Ein paar Anlässe für geschlossene Gesellschaften gibt es noch, sowie ein Sekretariat mit den unmöglichsten Öffnungszeiten. Kirchen sollten Orte der Kultur und Bildung sein und es sollten Leute zum Reden anwesend sein.
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  • Kommentar von Jason Hunter, Bern
    Jesus hatte damals noch kein W-LAN, aber wenigstens hatte er die Massen ernährt. Jedoch waren die Menschen eher an seiner spirituell nährenden Botschaft interessiert, und nicht an dem Fisch und Brot. Jesus hatte es nicht nötig die Menschen mit Materiellen Dingen anzulocken. Leider trinkt die Kirche seit eh und je Wein und predigt Wasser und es ist dermassen erbärmlich, wie sie die Menschen mit allem anderen als mit der Botschaft Christi anzuwerben versuchen! Verlasst das sinkende Schiff!
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  • Kommentar von Alfred E. Neumann, Bern
    Das Konzept der heutigen Kirchen mit ihren zu harten Bänken, der fehlende WLAN-Empfang und einseitige Beschränkung auf Weihwasser und Messwein ist halt einfach nicht mehr zeitgemäss - um die heutige Generation zu erreichen müssten die Kirchen halt schon mindestens eine Chillout-Lounge mit Gratis-WLAN und reichhaltiges Kaffeeangebot anbieten, dann kämen die Hipster schon in Scharen angekrochen ;).
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