Mit rechter Musik Stimmen fangen

Musik ist eines der wichtigsten Propagandamittel für rechtsextreme Gruppierungen. Ihre Methoden, um Nachwuchs zu ködern, sind perfide: Sie machen selbst vor Kindern nicht halt.

Skinhead-Musiker heben ihre Hände über eine tosende Masse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rechtsextreme Aussagen sind in der Musik häufig nicht offensichtlich – so kann diese am Rand der Legalität existieren. Keystone

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ihr Kind rauft sein gesamtes Erspartes zusammen und kauft sich ein gebrauchtes Handy. Darauf sind schon einige Songs gespeichert: eine eingängige Popballade mit lyrischer Melodie, aber auch ein etwas lauterer Song mit harten Beats und ein weiterer mit einem lüpfigen Rhythmus, mit lustigen Bläsern und einer netten Hammond-Orgel im Hintergrund – die Refrains sind einfach, Mitsingen also leicht gemacht. Die Songs erzählen vom kleinen Ali, der seine Koffer packen soll, von blutigen Schlachten im Wald oder vom Stolz auf «unser Reich».

Ein solches Szenario ist Realität. Dies weiss Britta Sweers, Professorin für Anthropologie der Musik an der Universität Bern. Bei ihrem Projekt zum Thema Musik gegen Rechtsextremismus haben ihr Kinder erzählt, dass ihnen genau dies passiert ist.

Das Szenario macht stutzig, ist aber nur ein Beispiel dafür, wie Rechtsextreme versuchen, Nachwuchs zu finden: Rechtsextreme Musik ist nicht nur harte Gitarrenmusik, nicht nur Rechtsrock. Sie hat viele Gesichter: Sie ist sonorer, melancholischer Neofolk oder balladenhafter kitschiger Pop. Und nicht immer sind die braunen Ideologien offensichtlich. Entdecken Behörden die Botschaften, verbieten sie die Musik. «Deshalb sichern sich die Bands mit Juristen ab und bewegen sich so an der Grenze der Legalität», weiss Professorin Britta Sweers.

Die versteckte braune Ideologie

So wie der Song «Vertriebenenballade». Ein Song, der nicht verboten ist, keine fremdenfeindlichen oder aggressiven Zeilen beinhaltet. Würde man ihn im Radio hören – der Gedanke an rechtsextreme Musik fiele einem durch den Hauch von kitschigem Schlager nicht ein. Das eigentliche Thema des Liedes wird nirgends konkret artikuliert. Wenn man aber weiss, dass es die rechte Band «Noie Werte» geschrieben hat, sei der Inhalt offensichtlich, sagt Britta Sweers. «Es geht um die Vertreibung der Deutschen beim Vormarsch der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs.» Umgekehrte Schuldzuweisung, Ignoranz darüber, was dem Vormarsch voraus ging. Wenn der Sänger singt…

«Das Böse kam und wollte nehmen / Den Hof, die Heimat und das Land / Brennende Häuser, schreiende Kinder / Teuflisches Lachen lag in der Luft»

...könnte man meinen, es gehe um Vertreibung ganz allgemein.

«Schulhof-CD» als NPD-Werbeaktion

Ein junge Hält die Schulhof-CD in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die NPD hat so genannte «Schulhof-CDs» mit rechtem Liedgut vor Pausenhöfen und Jugendzentren verteilt. Keystone

Dieser Song war 2005 neben 14 anderen auf der sogenannten «Schulhof-CD» mit dem Titel «Der Schrecken aller linken Spiesser und Pauker». Darunter Lieder des rechtsextremen Liedermachers Frank Rennicke und der Rechtsrock-Band «Carpe Diem».

Zusammengestellt hat die CD die deutsche rechtsextreme Kleinpartei NPD, und sie hat sie auch verteilt – rund um Schulen und Jugendzentren. Eine Werbeaktion, um Jugendliche für ihre Ideologie zu begeistern. In den Booklets dieser Tonträger heisst es dann: «Unsere heutigen Schulen sind schon längst ein Sammelbecken für junge Schwerkriminelle geworden – meist ausländische Banden haben hier das Sagen. (…) Wir sind keine Ausländerfeinde! Wir lieben das Fremde – in der Fremde.»

Mindestens 15 solcher CDs wurden in den letzten zehn Jahren produziert und tausendfach verteilt (und immer häufiger stehen sie kostenlos als Download zur Verfügung), die letzte Anfang dieses Jahres. Einige davon wurden verboten, aber nicht alle. 2010 etwa wollte das niedersächsische Landeskriminalamt eine dieser Schulhof-CDs verbieten. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Bonn sah jedoch keine Möglichkeit: Die Songs hätten weder fremdenfeindliche Inhalte noch würden sie zu Gewalt aufrufen und die Meinungsfreiheit müsse respektiert werden. Dort, wo dem Gesetzgeber die Hände gebunden sind, ist umso mehr das Interesse und die Aufmerksamkeit der Eltern gefragt – mancher Song auf dem Handy ihrer Kinder ist nicht einfach nur Musik.

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