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Mobbing an Schweizer Schulen
Aus Kontext vom 27.10.2020.
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Mobbing in der Schule Nach Mobbing: «Bis heute habe ich Mühe, Menschen zu vertrauen»

Carlotta und Laura wurden in der Schule massiv gemobbt. Heute sind die beiden Freundinnen. Sie erzählen, wie es ist, wenn die Schule zum Albtraum wird.

Laura, heute 22 Jahre alt, erinnert sich genau an den Tag, als das Mobbing angefangen hat: Sie zügelt mit ihrer Mutter von Basel nach Biel. Am ersten Schultag in der neuen Klasse, eine dritte Primarschule, fällt der erste abschätzige Kommentar bereits beim Betreten des Schulzimmers.

Laura erzählt: «Ich bin fröhlich hereingekommen, als ein Mädchen rief: ‹Haha! Die trägt Latzhosen!›»

Mobbing an Schulen: Die Schweiz ist Spitzenreiterin in Europa

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Verglichen mit anderen Vergleichsländern Europas berichten Schülerinnen und Schüler in der Schweiz am häufigsten von Mobbingerfahrungen. Dies zeigen Daten von PISA 2018. Im Vergleich zu PISA 2015 nahmen die Mobbingerfahrungen zudem deutlich zu.

Für die Studie wurden 15-jährige Jugendliche befragt, wie oft sie ausgelacht, ausgestossen oder geschlagen wurden. Zwischen 7 und 11 Prozent der Befragten gaben an, auf eine oder mehrere dieser Arten gemobbt zu werden. 2015 waren es rund 3 Prozent.

Im Ländervergleich berichten nur Jugendliche aus Italien von etwa gleich viel Mobbingerfahrungen. Andere Vergleichsländer wie Frankreich, Belgien oder Deutschland zeigen deutlich tiefere Zahlen. Am wenigsten Mobbingerfahrungen weisen Schülerinnen und Schüler aus Finnland auf.

Zum Nationalen Bericht zur Pisa-Studie 2018, Link öffnet in einem neuen Fenster (Mobbing: ab Seite 71).

Carlotta hingegen, sie ist heute 21 Jahre alt, kann nicht so genau sagen, wann die Schikanen angefangen haben: Ab der sechsten Klasse hat sie Schwierigkeiten mit anderen Schülern. Es sind aber eher normale Streitigkeiten.

Es kam aus heiterem Himmel

Dann bekommt Carlotta eine Nachricht über Facebook. «Es war in den Sommerferien vor der siebten Klasse. Meine damalige beste Freundin schrieb, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben will. Es kam aus heiterem Himmel und ich verstand die Welt nicht mehr.»

Bald stellt sich heraus, dass Carlottas Freundin eine neue beste Freundin hat, eine beliebtere. Als die Schule wieder anfängt, beginnt diese Stimmung gegen Carlotta zu machen.

Kind mit mittellangem Haar sitzt vornübergebeugt auf dem Boden.
Legende: Wird Mobbing erkannt, ist eine klare Kommunikation und Absprache mit allen Beteiligten wichtig, sagt Expertin Eveline Gutzwiller-Helfenfinger. Getty Images/AureliaAngelica

Die ganze Klasse gegen sich

Bald hat sie die ganze Klasse auf gegen sich. Carlotta sagt, sie sei völlig orientierungslos gewesen. Über diesen Kontaktabbruch, aber auch, weil ein Freund von ihr überraschend gestorben ist.

«Das war das Schlimmste für mich. Ich war in diesen Jungen verliebt und unendlich traurig. Eine Zeit lang zog alles an mir vorbei und die Klassendynamik breitete sich aus. Alle waren gegen mich.» Carlotta sinkt wie ein Stein.

Dann geht das Mobbing los. Carlotta wird überrollt von einer Welle an Gemeinheiten. Einer Mischung aus gemieden, blossgestellt und geplagt werden.

Interview: «Lehrkräfte können die Dynamik verändern»

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Interview: «Lehrkräfte können die Dynamik verändern»

Prof. Dr. Eveline Gutzwiller-Helfenfinger forscht an der Universität Duisburg-Essen als Gastprofessorin sowie an der Universität Fribourg als Senior Researcher.

SRF: Wie soll die Schule reagieren, wenn in einer Klasse ein Kind gemobbt wird?

Eveline Gutzwiller-Helfenfinger: Wird Mobbing erkannt, ist eine klare Kommunikation und Absprache mit allen Beteiligten wichtig: mit den betroffenen Jugendlichen und auch mit den Eltern.

Oft haben Betroffene Angst, Hilfe einzufordern, weil das Mobbing danach eskalieren könnte.

Hier ist wichtig, nicht in einen hektischen Aktionismus zu verfallen, sondern erst abklären: Was braucht das Opfer?

Im Idealfall hat die Schule bereits ein Konzept für Gewalt- und Mobbingfälle, welches Lehrkräfte, Sozialarbeiterinnen Eltern und die Jugendlichen einbezieht. Sonst ist der Einbezug von Fachpersonen möglich.

Sie führen Präventionsprogramme für Lehrkräfte an. Wie effektiv sind diese?

Lehrkräfte lernen, wie man systematisch an der Mobbing-Prävention arbeiten kann. Die Programme sind unter wissenschaftlichen Kriterien entwickelt worden. Schon während der Kurse berichten die Lehrkräfte, dass sich die Dynamik in der Klasse bereits verändert.

Die einen ignorieren, die anderen plagen

Auch bei Laura vergeht kaum Zeit zwischen dem ersten Kommentar zu ihrer Kleidung bis zu handfestem Mobbing. Bald bekommt sie Post von jener Mitschülerin, die den Kommentar zur Latzhose gemacht hat. «Ein Drohbrief mit geklebten Zeitungsschnipseln. Es hiess, ich solle wieder wegziehen.»

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Youngbulanz: Manon spricht mit Mobbing-betroffenen Personen
Aus Youngbulanz vom 28.10.2019.
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Als Laura von der Primarschule in die Sekundarschule wechselt, hofft sie auf einen Neustart. Es geht aber nicht lange und das Mobbing geht erneut los. Schnell steckt sie wieder mittendrin in einem toxischen Gemisch: Die einen ignorieren, die andere plagen sie.

Als Laura Geburtstag hat, lädt sie trotzdem alle zu ihrem Fest ein. «Alle haben zugesagt. Aber niemand ist gekommen.» Stattdessen laufen die Eingeladenen in einer Gruppe an ihrem Haus vorbei.

Solche Erlebnisse graben sich tief ein. Ebenso wie all die fiesen Kommentare. Über den Charakter, über den Körper. Brüste, Lippen, Nase.

Sexuelle Belästigung

Auch Carlotta muss sich schlimme Dinge anhören. Demütigende Kommentare, die den Tatbestand der Drohung und der sexuellen Belästigung erfüllen: «Wenn du ihr den Kopf abhackst, könntest du sie vielleicht noch flachlegen.» Das zu hören, schockiert Carlotta.

Gleichzeitig habe an der Schule eine Stimmung geherrscht, dass solche Kommentare als normal angesehen wurden. Carlotta erzählt: «Es hiess: ‹Jungs sind halt so›. Sexualisierte Kommentare waren an der Tagesordnung. Niemand sagte etwas.»

Lehrer schauen weg

Diese Normalisierung von sexueller Belästigung macht es zusätzlich schwer, sich dagegen zu wehren. Carlotta erzählt, sie hätte sich von der Schule alleine gelassen gefühlt. «Die Lehrer haben nie irgendetwas gesagt. Es hat sie einfach nicht interessiert.»

Carlotta traut sich nicht, etwas zu sagen: «Ich hatte Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die Schule wirklich etwas dagegen unternommen hätte.»

Ähnliches berichtet Laura. Ihre Mutter habe sich zwar eingemischt, die Schule habe darauf aber nicht wirklich reagiert. Und so dauert das Mobbing an. Jahrelang.

Drei Mädchen stecken kichernd die Köpfe zusammen, ein anderes Mädchen im Vordergrund senkt den Kopf
Legende: In der PISA-Studie von 2018 gaben zwischen 7 und 11 Prozent der befragten Jugendlichen in der Schweiz an, gemobbt zu werden. 2015 waren es rund 3 Prozent. imago images / ingimage

Die Schule wird zum Alptraum

«Ich hatte immer Angst, in die Schule zu gehen, mich dem Mobbing jeden Tag aufs Neue auszusetzen. Ich habe viel geweint. Und mich häufig krank gestellt. Ich hatte sogar Angst vor dem Einschlafen. Weil ich wusste: Wenn ich aufwache, muss ich wieder in die Schule», erzählt Carlotta.

Laura ergänzt, das Schlimmste sei, zu wissen, dass niemand in der Schule für einen da sei. «Ich wachte jeden Morgen mit Bauchschmerzen auf. Es fühlte sich an wie ein Wurm im Bauch.»

Zu sich selbst zurückfinden

So schlagartig, wie das Mobbing angefangen hat, hört es auch wieder auf. Carlotta und Laura lernen sich am Mittagstisch kennen, bemerken, dass sie eine gemeinsame Vorliebe für Vampirbücher teilen und freunden sich langsam an.

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Die Grossen helfen den Kleinen: Ideenbüro gegen Mobbing
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Dann kommt der Wechsel von der 9. Klasse in die Fachmittelschule. Die beiden kommen in dieselbe Klasse. Mit noch einer weiteren Freundin bilden sie fortan ein Dreier-Gespann.

«Plötzlich hatten wir eine stabile Freundesgruppe. Wir unternahmen viel gemeinsam und sprachen auch über unsere Erfahrungen», erzählt Laura. «Endlich konnten wir uns selbst sein.»

«Es ist die pure Erleichterung. So lange steckt man mittendrin, und dann hört es einfach auf», sagt Laura und atmet hörbar aus. So, als hätte man jahrelang den Kopf unter Wasser und kann plötzlich auftauchen.

Wer bin ich eigentlich?

Und dennoch: Das Mobbing hat zwar aufgehört, aber man könne nicht einfach an das Davor anknüpfen, erklärt Carlotta: «Als ich gemobbt wurde, musste ich mich ja verändern. Ich habe eine Mauer um mich aufgebaut. Hatte innerlich resigniert. Als das Mobbing aufhörte, ging es darum, diese Mauer wieder abzubauen und herauszufinden: Wer bin ich eigentlich?»

Mobbing greift die Identität im Innersten von Laura und Carlotta an. Sie fragen sich: Wer bin ich, wenn ich nicht gemobbt werde? Das herauszufinden sei ein langer Prozess, so Carlotta.

Anlaufstellen

Auch wenn bei Laura und Carlotta das Mobbing viele Jahre her ist, hallt es noch nach: «Ich kann bis heute nicht an meiner alten Schule vorbeilaufen», so Laura.

Die Erfahrungen haben sich tief eingegraben, wie eine Zecke: «Ich habe diese Zeit noch immer nicht wirklich verarbeitet. Bis heute habe ich Mühe, Menschen zu vertrauen.»

Die Täter erinnern sich an nichts

Auch für Carlotta sind die Gefühle und Ängste von damals manchmal noch präsent. Die Täter aber haben praktisch kein Schuldbewusstsein, sagt sie: «Ich habe mal mit ein paar Jungs von damals darüber geredet. Die erinnern sich an nichts. Für mich aber war es lebensverändernd.»

Heute geht es Laura und Carlotta gut. Sie fühlen sich aufgehoben in ihrer Freundschaft.

Carlotta macht die Ausbildung zur Primarlehrperson. Auch Laura bereitet sich für die Prüfungen vor. Beiden wollen als künftige Lehrerinnen ein besonderes Augenmerk auf Mobbing haben.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 27.10.2020, 17:58 Uhr

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