Als der König des Bebop Präsident werden wollte

1963: John F. Kennedy wird ermordet, Barack Obama ist ein Dreikäsehoch, seine Zeit als Präsident der Vereinigten Staaten ist noch über 40 Jahre hin. Einen ersten schwarzen Anwärter auf das Weisse Haus aber gibt es schon: den Jazz-Musiker Dizzy Gillespie.

Dizzy Gillespie Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der erste Präsidentschaftskandidat Amerikas mit afrikanischen Wurzeln. Getty Images

  • 1963 ist kein einfaches Jahr für die USA. Rassenunruhen sind omnipräsent. Im Januar erklärt der Gouverneur von Alabama die Rassentrennung zu seinem Programm.
  • Mitte September werden in Alabama bei einem Bombenattentat des Klu-Klux-Klans auf eine Baptisten-Kirche vier kleine Mädchen getötet, im November wird Präsident Kennedy in Dallas erschossen.
  • Und der Jazz-Trompeter Dizzy Gillespie, der spielt nicht einfach seinen abgehobenen Bebop, er kandidiert als Präsident der USA.
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«Momentaufnahmen»

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Auf Radio SRF 2 Kultur sind die Momentaufnahmen vom 2. bis 6. Januar 2017 zu hören jeweils um 8.20 Uhr.

Bebop ist Protest-Musik

Zu protestieren gibt es mehr als genug. Und so wird aus einem anfänglichen Marketing-Gag eine echte Kampagne. Die Anstecker «Dizzy For President» wurden schon um 1960 herum hergestellt. Damals noch als Gag. Mit der Zeit aber beginnt Dizzy Gillespie den Gag ernst zu nehmen.

Der Erlös für die Anstecker fliesst in Civil Rights-Projekte von Martin Luther King, und zur Organisation CORE, Congress For Racial Equality. Im September 1963 präsentiert der Sänger Jon Hendricks am Monterey Jazz Festival einen Campaign-Song für Dizzy: «Vote Dizzy» – zu singen zur Bebop-Melodie Salt Peanuts.

Dizzy ist Musiker – kein Politiker

Natürlich hat Dizzy Gillespie keine echten Chancen als Kandidat. Er ist Jazz-Musiker, nicht Politiker. Eine John Birks Society zur Unterstützung des Wahlkampfs wird zwar noch gegründet.

Die versucht ihn dann aber vergebens auf den Wahlzettel in Kalifornien zu hieven, und den Sektionen (in immerhin 25 Staaten!) geht schliesslich das Geld aus.

Die Geschichte aber ist so schön, dass sie auch Barack Obama wieder einmal erzählt hat, vor ein paar Wochen am International Jazz Day.

Als erste Amtshandlung hätte Dizzy Gillespie das Weisse Haus umgetauft. In Blues House. Wenigstens das hat Barack Obama wahr gemacht, wenigstens für einen Abend, am fünften International Jazz Day – im Blues House. Die einzige ernst zu nehmende Unterstützung von politischer Seite erhält Dizzy Gillespie übrigens von – einer Frau.

Barbara Jordan, Anwältin aus Houston und im Rennen um einen Posten als Volksvertreterin, trägt im Repräsentanten-Haus einen «Dizzy-Gillespie-For-President»-Anstecker. 1966 wird sie in Texas als erste afroamerikanische Frau in den Senat gewählt. 50 Jahre vor der ersten amerikanischen Präsidentschaftskandidatin.