Der Hai, der um ein Haar Steven Spielberg frass

Mit «Jaws – Der Weisse Hai» erfand Steven Spielberg vor 40 Jahren den Sommer-Blockbuster. Doch was auf diesem Promobild von den Dreharbeiten nach Ferienvergnügen aussieht, war in Wirklichkeit ein Alptraum, der den Filmemacher beinahe seine Karriere kostete.

Steven Spielberg im Maul des ferngesteuerten Plastikhais Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das war messerscharf: Regisseur Steven Spielberg liegt im Rachen von Hai «Bruce». eyevine

  • «Der weisse Hai» hätte Spielberg fast die Karriere gekostet. Er hatte einen Misserfolg hinter sich und die Produktion erwartete fast täglich Rechtfertigung.
  • Der Dreh war die Hölle: nicht nur wegen des Hais, der nicht funktionierte – Salzwasser und Elektronik passen nicht zusammen. Die Schauspieler hassten sich wie die Pest.
  • Als wäre das alles nicht genug war die Crew seekrank, mehrheitlich.

Das Drama hinter der Kamera

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Juli 1974. Die Ferieninsel Martha’s Vineyard. Vor der Küste des US-Bundesstaates Massachusetts wimmelt es: Filmfreaks und Groupies reisen vom Festland an, um Steven Spielberg bei den Dreharbeiten zu «Jaws – Der Weisse Hai» über die sonnenverbrannte Schulter zu gucken.

Dabei ist der gerade einmal 27-jährige Regisseur nicht in Festlaune. Der Film über die Jagd auf einen menschenfressenden Hai müsste längst abgedreht sein, doch Spielberg wartet noch immer auf seinen eigentlichen Hauptdarsteller – den Hai.

Alle Szenen, die ohne das aufwendige mechanische Ungetüm gedreht werden können, sind längst im Kasten. Spielberg improvisiert um den Hai herum, verlegt sich auf Andeutungen: Notfalls tun es auch ein paar Bojen, die statt des Raubfischs durch das Wasser pflügen.

Zu allem Überdruss dreht Spielberg auf dem echten Meer, wo die seekranke Filmcrew stundenlang ausharren muss, bis noch das kleinste Segelboot aus dem Bild geschippert ist. Das kostet Nerven – und Zeit. Täglich droht das Filmstudio mit Spielbergs Entlassung. In der Nacht hat der Regisseur Alpträume.

Der blanke Horror

Was als niedlicher B-Movie mit einem Budget von 3,5 Millionen Dollar und 55 geplanten Drehtagen begann, hat sich zu einem Ungetüm ausgewachsen. Zuletzt wird Spielberg sein Budget verdoppelt und 159 Tage mit Dreharbeiten verbracht haben – der blanke Horror. Doch Spielberg hat keine Zeit, sich mit den möglichen Folgen seines Scheiterns zu beschäftigen.

Roy Scheider und Robert Shaw schreien sich an. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Rollen und Schauspieler hatten gemeinsam, dass sie sich wirklich NICHT leiden konnten. Universal

Abends brütet er über einem unfertigen Drehbuch und versucht, die dramaturgischen Löcher zu stopfen, die ihm der launische Zufall in die Handlung reisst. Einmal sinkt das Filmboot vorzeitig, mit dem die Jagd auf den Menschenfresser veranstaltet wird – unter dem Jubel der gesamten Filmcrew, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein rasches Ende.

Auch mit den Schauspielern hat der unerfahrene Regisseur alle Hände voll zu tun, besonders mit Richard Dreyfuss in der Rolle eines Meeresbiologen und Robert Shaw als fluchender Fischer, die sich nicht ausstehen können.

Die Rivalität ist zwar gut für den Film, setzt sich aber auch hinter der Kamera fort. Der gestandene britische Bühnendarsteller Shaw verachtet seinen jüngeren Kollegen als Weichei, der kaum zehn Liegestützen schaffe. Der Brite selber beweist seine Kondition vor allem im Kampftrinken und säuft reihenweise Produktionsassistenten unter den Tisch, die zu seiner Bewachung abkommandiert werden.

Elektronik und Salzwasser

Die regulären 55 Tage sind längt vorbei, da wird der Hai, den Spielberg nach seinem Anwalt «Bruce» tauft, für den grossen Showdown im dritten Filmakt doch noch geliefert. Wie eine Kreuzung aus Tinguely-Maschine und Damien-Hirst-Hai wird «Bruce» zu Wasser gelassen – und schmort gleich als erstes durch.

Die diffizile Elektronik kommt mit dem Salzwasser nicht klar, der Hai bockt, der Film stockt, die Nerven liegen blank. Während einer Reparatur beordert ein Fotograf mit Sinn fürs Praktische den Regisseur in den Rachen des Hais, weil der Film ja beworben werden muss.

In Shorts und mit Sonnenbrille macht Spielberg gute Miene zum bösen Spiel. Dabei ist ihm gar nicht wohl in seiner Haut: «Bruce» droht im Sommer 1974 den Film samt Spielbergs aufstrebender Karriere endgültig zu verschlucken.

Zu diesem Zeitpunkt kann der Regisseur nicht ahnen, dass sein Film ein Jahr später das Zeitalter der Sommer-Blockbuster einläuten und ihm zum Durchbruch verhelfen wird. Und das ist das Wunderbare an diesem Bild: Niederlage und Triumph stehen darin auf Zahnes messerscharfer Schneide.