Theater unter Polizeischutz: «Der Stellvertreter» 1963 in Basel

Gründer-Skandal für ein neues dramatisches Genre: Rolf Hochhuths politisches Dokumentartheater «Der Stellvertreter» und der Wirbel um seine Schweiz-Erstaufführung in Basel 1963.

Junge Christen demonstrieren 1963 in Basel mit Fackeln und Transparenten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Junge Christen demonstrieren 1963 in Basel. Keystone

  • 6000 «Jünglinge und Töchter» demonstrieren gegen die Aufführung.
  • «Ich garantiere für nichts, dass Ihre Bude am Steinenberg nicht in die Luft geht», hat ein aufgebrachter Bürger an den Theaterintendanten geschrieben.
  • Alle Vorstellungen finden unter Polizeischutz statt.
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Auf Radio SRF 2 Kultur sind die Momentaufnahmen vom 2. bis 6. Januar 2017 zu hören jeweils um 8.20 Uhr.

Alte Wunden werden aufgerissen

Man würde ihm unbesehen einen Gebrauchtwagen abkaufen, dem Herrn im dezenten Anzug mit assortierter Krawatte, heller Trench darüber. In der einen Hand trägt er eine Fackel, in der andern seine Mappe, er kommt wohl direkt von der Arbeit. Um zu demonstrieren! Gegen das Theater! «Raus aus Basel mit dem Gefasel!» Die Aufregung ist gross.

«Der konfessionelle Friede ist gestört» steht auf einem Banner, etwas schülerhaft angefügt: «nach Artikel 50 BV». Der Artikel aus der Bundesverfassung von 1874 ist der «Bistumsartikel». Er beendete den Kulturkampf zwischen konservativen Katholiken und fortschrittlichen Liberalen, der im Sonderbundskrieg gegipfelt hatte.

Die alten Wunden reisst nun ein junger Deutscher auf, der 32-jährige Verlagslektor Hochhuth mit seinem Stück «Der Stellvertreter». Es behandelt Papst Pius XII. und sein Lavieren Hitler gegenüber. Wer den Massenmord dulde, trage Mitschuld, sagt Hochhuth. Sein Text ist stark moralisch, wenig dramatisch.

Das Stück sei ein Mangel an Respekt

Es geht um Zeitgeschichte, nicht um Kunst. Die Uraufführung hat Erwin Piscator im Februar in Berlin besorgt, der Basler Intendant Friedrich Schramm ist der erste, der das hochbrisante Stück nachspielt: Am 24. September ist die Schweizer Erstaufführung angesagt.

Die längste Zeit ist unklar, ob sie stattfinden kann. «Ich garantiere für nichts, dass Ihre Bude am Steinenberg nicht in die Luft geht», hat ein aufgebrachter Bürger an Schramm geschrieben. Das Polizeikorps ist aufgeboten.

Menschen mit Transparenten nachts in der Basler Altstadt Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hochhuth wird bezichtigt, vorsätzlich gelogen zu haben. Keystone

Eine «Aktion junger Christen», mehrheitlich Katholiken, hat zum Fackelzug aufgerufen, laut Zeitungsberichten nehmen über 6000 «Jünglinge und Töchter» teil. «Hochhuths Hochmut senkt das Niveau des Theaters» steht auf den Transparenten, «Hochhuth hat der Wahrheit nicht Zeugnis gegeben».

In der Theatergasse warten Gegendemonstranten, Freunde des Theaters und die, die einfach kein Verbot der Vorstellung wollen. Auf ihren Transparenten ist zu lesen, Basel (sei) kein Vietnam.

Was damit genau gemeint ist, ist heute nicht mehr in Erfahrung zu bringen, auf beiden Seiten erscheinen die Parolen dieser Tage im September reichlich polarisierend überhöht. In der Innenstadt ist kein Durchkommen mehr. Das Frappante: Der Aufruhr richtet sich gar nicht gegen Hochhuths (lückenlos belegte!) Thesen, sondern vor allem gegen mangelnden Respekt.

Nach dem Tenor: Mag ja sein, dass Pius nicht alles getan hat, was er hätte tun können, aber …

«Immer wieder dieses ‹Ja, aber›»

«Immer wieder dieses ‹Ja, aber›»: Darauf weist gleich am Sonntag nach der Premiere der Kritiker der «National-Zeitung», Hans R. Linder, in einer klarsichtigen Besprechung hin.

«Das ewige gleiche ‹Ja, aber›, mit dem man das Unbequeme, einem nicht ins ‹Arrangement› Passende, beantwortet. Das ‹Ja, aber›, mit dem man die ‹realpolitische Vernunft› manchmal gegen den eigenen inneren Imperativ, gegen ein unbequemes Pochen des eigenen Gewissens verteidigt.»

Was ist die Aufgabe von Theater?

Darin liegt das eigentlich Anstössige. Man kann sagen, was 1963 in Basel geführt wird, ist auch im übertragenen Sinn eine Stellvertreterdiskussion. Und die Erregung ist derart, dass noch 1976, als Hochhuth den Basler Kunstpreis erhalten soll, sich die katholische Kirche dagegen stellen wird.

Was ist die Aufgabe von Theater?

Als Provokation wird auch empfunden, dass das Basler Stadttheater Hochhuth beschäftigt.

Hochhuth ist lediglich als unbezahlter Hospitant am Stadttheater; der Neudramatiker will Bühnenerfahrung sammeln. Es kommt zu einer Interpellation im Grossen Rat.

In seiner Antwort weist Regierungsrat Zschokke auf die Aufgabe des Theaters hin, «Zeitprobleme zu zeigen». Rhetorisch erlesen, geradezu sophistisch ist seine weitere Argumentation: «Der Regierungsrat versteht, wenn viele Katholiken betrübt waren, dass ihr Kirchenoberhaupt überhaupt zur Diskussion gestellt wird. In diesem Stück geht es aber um den Papst als Staatsoberhaupt.»

Alle Vorstellungen finden unter Polizeischutz statt. Als Radio Basel eine Hörspielfassung plant, interveniert ein Katholik im Nationalrat. Das Radio verzichtet auf das Hörspiel und setzt statt dessen eine mehrstündige «Aussprache» an.

Darin preist unter anderen Karl Jaspers Hochhuths «unerschütterlichen Glauben an das Moralische». Der Skandal um Aufführungen des «Stellvertreters» wiederholt sich in allen Ländern, in denen er damals gespielt wird.