Mundart boomt: Aber welli eigentlich gnau?

Mundart hat hier und heute unbestritten Hochkonjunktur. Aber tut dieser Boom unserer Mundart auch gut und von wessen Mundart ist überhaupt die Rede? Was dem Einen Ausdruck ist von sprachlicher Kreativität, ist dem Anderen verhunztes Kulturerbe.

Tochter spricht, Vater hört zu. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mundart entwickelt sich. Jede Generation spricht etwas anders. Colourbox

Mundart hat in der Schweiz seit Jahrzehnten «ständig Chilbi». Auf gut «Neubuuredütsch» gesagt: Mundart boomt. Und dies gerade auch in Domänen, die früher vom Standarddeutschen besetzt waren, wie Radio und Fernsehen oder die Schriftlichkeit, «s Gschriibene».

Eine Folge der 60er-Jugendbewegung

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HörPunkt Mundart

Junge frau flüstert alter Frau etwas zu

Colourbox

Radio SRF 2 Kultur nimmt die Mundart unter die Lupe und sendet einen Tag lang live aus dem Stadtcafé in Sursee.

HörPunkt: «Heimatland Mundart – aktuelle Sprachbiografien in der Schweiz»

2. September, Radio SRF 2 Kultur. 9 bis 15 Uhr

Bis vor 20 Jahren wurde nur ausnahmsweise und im Privaten Mundart geschrieben («Feriecharte», «Liebesbriefli»). Heute wachsen Jugendliche «zweischriftig» auf. Sie schreiben Standard in formellen Texten, viel häufiger jedoch Mundart in «allergattig» informellen Texten: SMS, Mail, Chat und in der Kommunikation über soziale Medien wie Facebook und Twitter.

Dieser Mundartboom ist eine logische Folge davon, wie sich die westlichen Gesellschaften seit den Jugendbewegungen der 60er-Jahre entwickelt haben: Weg von sozialen Normen («das macht me nit!»), hin zum Individualismus («dasch miir doch glich!»). Natürlich profitiert die Mundart von der Revolution der digitalen Medien.

Alltagssprache ist frei

Mundart ist cool, weil sie nicht normiert und reglementiert ist. Anders als im schulischen Kontext der Standardsprache kann man hier nichts falsch machen. In Mundart darf man sich frei und individuell ausdrücken. Die Form ist ziemlich «wurscht» – Hauptsache, man wird verstanden.

Mundart darf man im besten Sinne gedankenlos sprechen und schreiben: Man braucht sich keine Gedanken darüber zu machen, weil die Mundart unsere selbstverständliche Alltagssprache ist, ein Gebrauchsgegenstand und gleichzeitig ein williges Spielzeug. Kein Wunder, dass auch ihr künstlerischer Gebrauch im steten Aufstieg ist: Ausgehend von der starken Berner Mundartwortkunst seit den Zeiten Mani Matters und des «Bärnerrock», haben Popmusik, Rap und Hiphop, Kabarett, Spoken Word und Literatur in allen Schweizer Dialekten grosse Karrieren gemacht.

Reine Dialekte gibt es kaum mehr

Aber fragen Sie mal einen «hundskommunen» Bekannten oder Unbekannten nach seinem Dialekt! Wenn Sie nicht in die Alpentäler gehen mit dieser Frage, sondern in der urbanen Parterre-Schweiz bleiben, dann wird die Antwort mit grosser Wahrscheinlichkeit so ausfallen: Ich habe keinen reinen Dialekt, sondern ein grässliches «Gnusch im Muul». Ist das nicht absurd?

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Mundartsendung

«Schnabelweid» ist die Sendung für alle, die Mundart lieben. Jeden Donnerstag mit Lesungen von Mundartautoren, Lieder von Mundartsängern, Geschichten und Beiträgen zur Mundartkultur von Freiburg bis ins St.Galler Rheintal.

Immer donnerstags um 21:03 auf Radio SRF 1 oder hier.

Die Deutschschweizerinnen haben das Gefühl, dass sie ihr Identifikationsmerkmal Nummer 1, die Mundart, gar nicht richtig beherrschen! Was Krethi und Plethi in lustvoller Kreativität ins Handy tippt, gerät denselben Leuten handkehrum zum verhunzten Dialekt, sobald sie darüber nachdenken.

Die sprachliche Realität liegt hierzulande offenbar weit weg von dem, was man als schöne und richtige Mundart empfindet. Natürlich ist das auch ein Generationenkonflikt, ein Konflikt zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten, zwischen Stadt und Land, zwischen Traditionalisten und Modernisten.

Sprachbiografien sind heute komplizierter

Ich als Mundartredaktor bei SRF komme mit unzähligen Menschen jeden Alters und jedweder Herkunft in Kontakt, die dieses vermeintliche Defizit mit sich herumtragen: Mein Dialekt ist unrein. Stillschweigend geben sie mit dieser Haltung den Sprachpuristen und Sprachbewahrern recht, für die jede Veränderung eine Verschlechterung der Mundart ist.

Dabei lassen sich Mischdialekte gar nicht verhindern, denn heutige Sprachbiografien sind in aller Regel deutlich komplizierter als die unserer Grosseltern. Durch die Wohn- und Arbeitsmobilität sprechen immer mehr Leute mehrere Dialekte und entsprechende Mischdialekte. Ein Beispiel: Die Zürcher Eltern ziehen von Zürich nach Basel und passen ihren Dialekt stückchenweise der neuen Heimat an. Die Kinder sprechen zuhause Zürichdeutsch, in der Schule Baseldeutsch. Sie wachsen sozusagen bidialektal auf.

Weiter führt die Zuwanderung aus immer wieder anderen Weltregionen zu einem wachsenden Anteil von Personen aus einem Land, die einen prallen Sprachenrucksack durchs Leben tragen, die Mundart mit extremem Akzent reden, die mit ihresgleichen innerhalb eines Satzes von Serbisch zu Schweizerdeutsch und zurück wechseln.

Die «Bränte» war auch einmal «neumödisch»

Ausserdem erleben wir seit Jahrzehnten eine Art Wortschatzglobalisierung: Der heutige Alltagswortschatz ist geprägt von neuen Wörtern, so genannten Neologismen aus der Sprache der Informations- und Dienstleistungsgesellschaft. Paradebeispiele sind Wörter wie «Smartphone», «App» oder «googeln», die weltweit gebraucht werden. Das Wort für das «Rückentraggefäss für den Milchtransport» dagegen, je nach Dialekt «Bränte» oder «Tause»: Wir brauchen es einfach nicht mehr. Also kennen wir es auch nicht mehr. So heimelig es wäre.

Aber hey: Auch die «Bränte» kam irgendwann als Neologismus, als «neumödischs Züggs», in unsere Mundart. Und jetzt verlässt sie diese halt wieder. Wer etwas dagegen tun will, muss einfach selber in jeder möglichen Situation das Wort «Bränte» gebrauchen. Sanktionen sind deswegen keine zu befürchten, höchstens irritierte Blicke. Denn bei der Mundart haben die SchweizerInnen ein grosses Herz. Vieles ist erlaubt, auch Archaismen oder, auf gut «Buuredütsch», «altmödischs Züggs».