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Wie Kirchen und Universitäten den Nazis dienten
Aus Kontext vom 07.11.2019. Bild: imago / Future Image
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Nationalsozialismus und Kirche «Man machte einfach weiter»

Evangelische Kirchen waren in der Nazizeit aktiv antisemitisch. Von Scham und Busse war lange nicht die Rede.

Man hat es schon lange wissen können: Die evangelischen Kirchen in Deutschland kollaborierten mit den Nazis. Und sie machten sogar aktiv mit im Nationalsozialismus.

Beim Eid auf den Führer kniffen die wenigsten Theologieprofessoren. Man öffnete den Nazis die Kirchenbücher und halfen somit, getaufte Juden auszuliefern. Schliesslich schloss die Kirche «nicht-arische» Menschen aus ihrer Gemeinschaft aus. Der traditionelle kirchliche Antijudaismus schloss sich problemlos an den rassischen Antisemitismus der Nazis an.

Ein Bischof inmitten von uniformierten Nazis. Alle machen den Hitlergruss
Legende: Landesbischof Ludwig Müller (der spätere Reichsbischof) am 28.9.1933 bei der Eröffnung der Nationalsynode in Wittenberg. Getty Images/ Keystone-France / Kontributor

So gründeten elf deutsche evangelische Landeskirchen 1939 das «Entjudungsinstitut» in Eisenach. Das Ziel: Alles Jüdische sollte aus Bibel, Gesangbüchern und Kirchenräumen gestrichen, übermalt und entfernt werden. Ein nicht nur aus heutiger Sicht absurdes Unterfangen: Selbst die Nazis hatten erkannt, dass die Bibel ein durch und durch jüdisches Buch ist, das aus ihrer Sicht also sowieso nicht zu retten sei.

Dennoch arbeiteten nationalsozialistische Theologen wie Walter Grundmann in Eisenach weiter fieberhaft daran, die Kirche mit dem Nationalsozialismus kompatibel zu machen.

«Protestanten ohne Protest»

Das Eisenacher Lutherhaus hat dies nun gründlichst erforscht. Die aktuelle Ausstellung «Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche ‹Entjudungsinstitut› 1939-1945» klärt darüber auf.

Am Eingang der Ausstellung steht eine sogenannte Hitler-Glocke mit grossem Hakenkreuz. Sie war bis Anfang 2019 noch geläutet worden. Das ist kein Einzelfall.

Ausstellungshinweis

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Die Ausstellung «Er­forschung und Be­seiti­gung. Das kirch­liche ‹Ent­judungs­insti­tut› 1939–1945» kann im Lutherhaus Eisenach noch bis im Dezember 2021 besucht werden.

Anfang Mai enthüllte die Thüringische Landesbischöfin im Beisein des Landesrabbiners am Lutherhaus ein Mahnmal: «Wir sind in die Irre gegangen», steht darauf. Das ist im ostdeutschen Thüringen auch ein politisches Statement, wo die AfD mit 23.4 Prozent gewählt wurde.

Menschen stehen neben einem Mahnmal
Legende: Das Manhmal zum «Entjudungsinstitut» wurde am 6. Mai 2019 enthüllt. Wikimedia / Alexandra Husemeyer - Archiv der Stiftung Lutherhaus Eisenach

Doch es waren nicht nur ostdeutsche Kirchen, die im «Dritten Reich» den Nationalsozialismus unterstützten. «Protestanten ohne Protest» hiess treffend die Studie der Evangelischen Kirche der Pfalz über ihre Vergangenheit zur Nazi-Zeit.

Gabriele Stüber ist Leiterin des Pfälzischen Kirchenarchivs und war Mitautorin der 900 Seiten umfassenden Studie. Seit deren Erscheinen 2016 bemüht sich die Pfälzer Kirche um Folgeprojekte – und richtet den Blick auch auf die Zeit nach 1945.

Beschönigte Vergangenheit

Diese war in Deutschland allgemein von unguten Kontinuitäten geprägt: «Juristen, die Naziurteile gefällt hatten, kamen nachher wieder ins Amt. Man hatte ja sonst keine», erklärt Historikerin Stüber. «Das war in der Kirche ganz genauso. Man machte einfach weiter.»

Gitter mit einem Muster, das Nazikreuze darstellt
Legende: Ein Hakenkreuz-Lüftungsgitter aus der Kirche St. Marien in Bad Berka. KEYSTONE/DPA/Martin Schutt

Nachkriegsdeutschland und seine Kirchen blieben nach Kriegsende viele Jahrzehnte komplett mit sich selbst beschäftigt. Es ging um Wiederaufbau, um die Heimholung von Kriegsverbrechern, die beschönigend «Kriegsverurteilte» genannt wurden. Es ging um das Verdauen des Untergangs.

Warum gerade jetzt?

Über das Schicksal der früheren jüdischen Nachbarn, über den Holocaust und über die kirchliche Mitschuld daran wurde bis in die 1980er-Jahre kaum gesprochen. Es fiel auch deshalb so schwer, weil die Akteure der Nazizeit noch lebten. Heute sind die historisch Beteiligten weitgehend gestorben. Diejenigen, die ihren Vätern loyal blieben, sind auch nicht mehr im Amt.

Das hilft den Wissenschaftlerinnen, die Quellen neu und unvoreingenommen zu lesen. Damit wird jetzt erst die Geschichtsklitterung offenbar, die führende Kirchenmänner der 1930er- bis 1960er-Jahre in ihren Memoiren fabriziert hatten.

Frau in einer Ausstellung
Legende: Die Ausstellung in Eisenach befasst sich unter anderem mit dem berüchtigten «Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben». KEYSTONE/DPA/Martin Schutt

Die zeitliche Distanz ist der Hauptgrund für die aktuelle Aufarbeitungswelle. Europäische Archivgesetze sehen zudem vor, dass viele der Archivakten in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien erst mit einem Abstand von 70 Jahren vollständig geöffnet werden dürfen. Die Quellen aus den 1940er-Jahren können also erst jetzt so richtig erforscht werden.

Auch die ostdeutschen Kirchen haben erst jetzt wirklich begonnen, sich mit diesem unrühmlichen Kapitel ihrer Geschichte zu befassen. Zu DDR-Zeiten war die Kirche mit ihrem Überleben im Kommunismus beschäftigt. Der antisemitische Theologe Walter Grundmann beispielsweise durfte hier weiter lehren.

30 Jahre nach Mauerfall und SED-Diktatur ist die Zeit für eine ehrliche Aufarbeitung reif. Erst recht in einem Umfeld, wo heute Neonazis aufmarschieren.

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