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Neue Studie: Jeder zweite in Deutschland sieht den Islam als Bedrohung
Aus Kultur-Aktualität vom 11.07.2019. Bild: Getty Images / Omer Messinger
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Neue Studie «Die Islamskepsis ist ein gesamteuropäisches Phänomen»

Muslime sind die grösste religiöse Minderheit in Westeuropa, auch in der Schweiz und in Deutschland. Viele sind gut integriert. Trotzdem ist die Akzeptanz des Islams gering.

Die Bertelsmann Stiftung ist in einer Studie zum Ergebnis gekommen: Rund jede zweite Person in Deutschland sieht den Islam als Bedrohung. Studienleiterin Yasemine El-Menouar erklärt, woher dieses Gefühl kommt.

Yasemin El-Menouar

Yasemin El-Menouar

Soziologin und Islamwissenschaftlerin

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Yasemin El-Menouar hat Soziologie und Islamwissenschaften in Köln studiert. Sie ist die Religionsexpertin und Senior Expertin im Programm «Lebendige Werte» der Bertelsmann Stiftung.

Die Hälfte der Deutschen sieht den Islam als Bedrohung. Ist die Hälfte der deutschen Bevölkerung islamfeindlich?

Da müssen wir aufpassen. Islamskepsis ist nicht gleich Islamfeindlichkeit. In dieser Zahl erkennen wir, dass 50 Prozent der Bevölkerung Vorbehalte gegenüber dem Islam hat. Sie leiten daraus aber nicht automatisch politische Schlussfolgerungen ab. Es gibt aber Minderheiten, die das tun.

Zwischen diesen beiden Gruppen sollten wir differenzieren. Aber auch die Islamskepsis ist problematisch, da sie ein Einfallstor bietet für rechtspopulistische Gruppen, die daran anknüpfen können und Ängste instrumentalisieren.

Hat die Skepsis gegenüber dem Islam zugenommen als Folge der Flüchtlingskrise von 2015?

Nein, das war schon vorher so. 2013 lag der Wert bereits bei etwa 50 Prozent. Wir haben seit Jahren ein stabiles Bedrohungsempfinden in der Bevölkerung.

In vielen Ländern wird der Islam machtpolitisch instrumentalisiert.

Sieht es in der Schweiz ähnlich aus?

Deutschland steht nicht alleine da. Auch in der Schweiz sieht etwa jeder zweite den Islam als eine Bedrohung. In Frankreich und Grossbritannien liegen die Werte bei etwa 40 Prozent. Die Islamskepsis ist also ein gesamteuropäisches Phänomen.

Wo liegen die Gründe für die Vorbehalte gegenüber dem Islam?

Einerseits hat sich in den letzten 20 Jahren ein verzerrtes Islam-Bild etabliert. Wir hatten verschiedene Ereignisse, die dazu beigetragen haben. In vielen Ländern wird der Islam machtpolitisch instrumentalisiert, was teilweise auch hierzulande zu Konflikten und Terror geführt hat.

Die Medien müssen natürlich darüber berichten. Aber durch einen einseitigen Fokus konnte sich so ein Islam-Bild etablieren. Hinzu kommt, dass wir in vielen Teilen Europas eine generelle soziale Unzufriedenheit erleben.

Wo das Zusammenleben stattfindet, funktioniert's.

Vielen Menschen gehen die gesellschaftlichen Veränderungen zu schnell. Sie wissen nicht mehr, ob ihre Rente im Alter noch reicht. Da sind viele Unwägbarkeiten. Der Islam dient häufig als Ventil für diese Unzufriedenheit, der aber nicht die Ursache dafür ist.

In einem kleinen Gebetsraum: Zwei Besucher sehen sich am Tag der offenen Türe die Berliner Sehitlik Moschee an, während ein Muslime darin betet.
Legende: Tag der offenen Türe in der Berliner Sehitlik Moschee: Zwei Besucher schauen sich um, während ein Gläubiger betet. Getty Images / Carsten Koall

Warum die Muslime und nicht eine andere religiöse Minderheit?

Da sind verschiedene Prozesse, die parallel verlaufen. Einerseits die Globalisierungsdynamiken, die zu rapiden gesellschaftlichen Veränderungen führen, wo viele einfach nicht mehr mitkommen. Gleichzeitig entwickelt sich der Islam auch zu einer Religion, die zunehmend in Deutschland und anderen europäischen Ländern beheimatet ist.

Muslime bauen Moscheen, treten selbstbewusster mit ihren religiösen Symbolen nach aussen. Im Kurzschluss wird eine Verknüpfung hergestellt. Deswegen eignet sich der Islam momentan als Projektionsfläche.

Wie kann man die Toleranz gegenüber dem Islam fördern?

Das beste Mittel, um gegenseitige Vorbehalte abzubauen, sind persönliche interreligiöse Kontakte. Das heisst im konkreten: Wo Zusammenleben stattfindet, funktioniert es auch.

Da können Kommunen ansetzen und Praxisprojekte fördern, die gezielt Austausch und Kontakte fördern. Man kann auch früh in der Schule anfangen, über religiöse Vielfalt zu sprechen, damit Vorbehalte gar nicht erst aufkommen.

Das Gespräch führte Sarah Herwig.

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