Zum Inhalt springen

Header

Audio
Verhaltenskodex Bistum Chur
Aus Kultur-Aktualität vom 05.04.2022.
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 30 Sekunden.
Inhalt

Neuer Verhaltenskodex Machtmissbrauch: Das Bistum Chur verschreibt sich Nulltoleranz

Das Bistum Chur möchte mit einem Verhaltenskodex Minderjährige vor Missbrauch schützen. Er könnte zum Vorbild für andere Bistümer werden.

Immer wieder erschüttern Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche die Schweizer Öffentlichkeit. Nun kommt aber Bewegung in das Thema. Diesen Dienstag lud das Bistum Chur an einen Medienanlass zum Thema auf das Bischöfliche Schloss. Dort stellte es seinen neuen Verhaltenskodex zum Umgang mit Machtmissbrauch vor.

Ein Mann im Anzug und ein Mann im Bischofsgewand unterschreiben im Sitzen ein Dokument
Legende: Bischof Joseph Maria Bonnemain (rechts) am Dienstag bei der Unterzeichnung des Kodex. Auch Stefan Müller (links), oberster Vertreter der sieben Kantonalkirchen des Bistums, und die drei Generalvikare unterschrieben das Dokument. Keystone / Gian Ehrenzeller

Das Churer Bistum ist die erste Diözese der Schweiz, die einen solchen Verhaltenskodex erarbeitet hat. Er soll sämtliche Formen von Missbrauch verhindern. Der Kodex ist für alle Seelsorgenden, Mitarbeitenden sowie Führungspersonen der Kantonalkirchen verbindlich. Am Dienstag wurde er in Chur unterzeichnet.

Kirche soll «angstfrei» werden

Auch sonst tut sich etwas: Am Montag wurde bekannt, dass die Schweizer Bischofskonferenz ihre Archive für die Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche öffnet. Zwei Historikerinnen der Universität Zürich sollen das Ausmass der Missbrauchsfälle seit 1950 untersuchen.

Der Sinn des neuen Verhaltenskodex sei es, «die sexuelle, psychische und geistige Integrität zu schützen», erklärte der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain am Dienstag an der Medienkonferenz. Das Ziel sei eine «angstfreie Kirche».

Entwickelt wurde der Kodex von den beiden Präventionsbeauftragten Karin Iten und Stefan Loppacher. Dafür arbeiteten sie mit der kirchlichen Basis zusammen. Ursprünglich war der Kodex für die Zürcher Kantonalkirche gedacht.

Überfälliger Meilenstein

Franziska Driessen-Reding, die Präsidentin des Synodalrates der katholischen Kirche Zürich, ist froh, dass das Bistum Chur nun «Selbstverständlichkeiten» verbindlich festlegt: «Dieser Meilenstein hätte schon vor 20 Jahren erreicht werden können. Aber jetzt haben wir den richtigen Bischof, um vorwärtszumachen.»

Zwei Hände halten das Dokument «Verhaltenskodex zum Umgang mi
Legende: Ein in mehrfacher Hinsicht modernes Dokument: Der neue Verhaltenskodex in der Nahaufnahme. SRF

Tatsächlich ist das Thema Prävention für den Churer Bischof nicht neu. Er amtete einst als Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld», das die Bischofskonferenz 2002 einsetzte.

Kinder nicht nach Hause einladen

Der Kodex enthält verschiedene Qualitätsstandards und konkrete Verhaltensanweisungen, die leicht überprüft werden können. Festgelegt wird etwa, dass Erwachsene nicht im selben Raum wie Kinder schlafen dürfen. Auch sollen sie Kinder nicht zu sich nach Hause einladen.

Religionsredaktorin Nicole Freudiger über den Verhaltenskodex

Box aufklappen Box zuklappen

Der Verhaltenskodex führt seitenweise Situationen auf, die zu sexuellen Übergriffen führen könnten, zum Beispiel ein gemeinsamer Besuch von Pfarrer und Schutzbefohlenen in der Sauna. Diese Situationen werden explizit verboten.

Eine Selbstverständlichkeit, könnte man denken. Doch die detaillierte Liste führt dazu, dass es keinen Graubereich gibt. Zudem regelt der Kodex, was mit jenen passiert, die sich nicht an die Regeln halten. Er ist ein Dokument der Nulltoleranz – in seiner Art neu und zentral für eine glaubwürde Missbrauchsprävention.

Weiter anerkennt der Kodex das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Zudem verbietet er Vorgesetzten, ihre Angestellten nach der sexuellen Orientierung zu fragen. Das ist ein wichtiger Schritt.

Denn viele Homosexuelle oder Trans-Personen fürchten noch immer, bei einem Outing ihre Stelle bei der römisch-katholischen Kirche zu verlieren. Zwar kann der Kodex dies nicht vollständig verhindern, da die Zulassung homosexueller Priester in den Händen des Vatikans liegt. Die neuen Richtlinien sind jedoch ein wichtiges Zeichen.

Der Kodex ist also nicht revolutionär, aber dennoch bedeutend. Andere Bistümer könnten sich daran ein Vorbild nehmen.

Die Standards seien so konkret formuliert, dass sie auch im kirchlichen Alltag leicht zu thematisieren seien, erklärte Iten. Ab Mitte Jahr müssen Angestellte im Dienst der Kirche Kurse besuchen, um die Verhaltensregeln zu lernen. Mit einer Unterschrift bezeugen sie dann, dass sie sich an die Vorschriften halten werden.

Aber was, wenn es trotz Kodex zu einem Missbrauch kommt? Konkrete Strafen sind im Kodex keine vorgesehen. Falsches Verhalten habe aber sicher Konsequenzen, so Bonnemain: «Wenn jemand veränderungsresistent bleibt, trotz Massnahmen und Supervision, dann ist diese Person nicht geeignet, um in der Kirche zu arbeiten.»

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 05.04.2022, 7:06 Uhr;

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Neubeginn - so einfach geht das bei den Priester-Herrschaften?
    Vor einem Neubeginn, muss dieser Sündenpfuhl endlich und radikal ausgemistet werden, Kriminelle/Übergriffige gehören indiskutabel hinter Gitter!!
    Was geht wohl in den "lebenslang traumatisierten OPFERN" dieser GILDE vor, beim Lesen solcher Nachrichten, stupiden Äusserungen der feigen, selbsternannten "Geistlichen" ohne Einsicht?
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Es mögen löbliche Massnahmen sein; aber solange dieser Zölibat nicht aufgehoben wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis wieder Sexualdelikte, insbesondere Pädophilie „praktiziert“ wird. Der Zölibat ist eine der besonders dummen „Erfindungen“der Kirche: Es soll vermieden werden,dass kirchliche Güter an Nachkommen vererbt werden könnten.Der Sexualtrieb aber ist einer der stärksten Triebe,die es gibt.Es kann dann ohne weiteres den „Dampfkochtopf“ verjagen, dann sind Kinder am ehesten greifbar.
  • Kommentar von SRF Kultur ,
    Liebe Community,
    ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung – oder ein weiterer Papiertiger? Ihre Meinung interessiert uns!