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Gesellschaft & Religion «Niemand war dabei, als die christliche Bewegung begann»

Der Regisseur Luke Gasser geht der Entstehung des Urchristentums auf die Spur. Sein Film «Rabbuni oder die Erben des Königs» liefert dazu eine sehr eigenwillige Interpretation. Der Obwaldner Filmemacher erklärt, wieso für ihn Paulus wie James Bond sei – und wieso Jesus viel Humor hatte.

Legende: Video Rabbuni oder die Erben des Königs abspielen. Laufzeit 57:56 Minuten.
Aus Sternstunde Religion vom 17.05.2015.

In Ihrem neuen Film «Rabbuni» erzählen Sie über die Jesusbewegung nach seinem Tod. Dafür benutzen Sie das Quellenmaterial oft quer zum bibelwissenschaftlichen Mainstream. Wie haben Sie ausgewählt?

Luke Gasser: Eigentlich nach Gefühl. Ich habe versucht, mir ein Gesamtbild zu erschaffen, das für mich eine bestimmte Plausibilität hergibt. Es ist ja auch kein Dokumentarfilm, sondern ein Essay. Wichtig ist für mich festzuhalten, dass damals niemand dabei war, also müssen wir der Geschichte mit dem nötigen Respekt begegnen. Es sind Fragmente, die wir zusammensetzen müssen. Als Filmemacher ist das sicher eine andere Auseinandersetzung als die eines exegetischen Forschers, welcher viel akribischer sein muss.

Es ist Ihre subjektive Auswahl, die interessant ist – solange der Film als Essay gelesen wird. Doch können die Zuschauerinnen und Zuschauer zwischen einem Dokumentarfilm und Essay unterschieden? Filme wirken auf einer sehr emotionalen Ebene, da glaubt man schnell, was man sieht und hört.

Es nervt mich, mit welcher Akribie nach dem Haar in der Suppe gesucht wird. Es ist doch anmassend zu denken, die Leute seien zu blöd, um zwischen einem Dokumentarfilm und einem Essay zu unterschieden. Ich war jetzt oft bei Vorführungen von «Rabbuni» dabei und habe mit den Leuten viel diskutiert. Da ist niemand auf die Idee gekommen, dass ich ihm jetzt die absolute Wahrheit sage. Ich komme ja auch selbst im Film vor, um zu zeigen, dass der Film meine Meinung wiedergibt.

Im Film spielt nebst Paulus und Petrus auch Maria Magdalena eine wichtige Rolle. Was interessiert Sie an dieser Personenkonstellation?

Ich kann nur immer wieder betonen, dass niemand dabei war, als sich die christliche Bewegung zu entwickeln begann. Darum müssen wir uns selber ein Bild machen! Paulus finde ich eine spannende Persönlichkeit. Für mich ist er der James Bond der Antike. Und als James-Bond-Fan meine ich das als Kompliment, auch wenn ich gegenüber seiner theologischen Interpretation einige Vorbehalte habe.

Auch Petrus finde ich spannend. Bei ihm geht es mir um seine Vorgeschichte als Jünger, der dann später wahrscheinlich selber zum Chef wurde. Paulus und Petrus sind zwei Alphatiere, diese Konstellation interessiert mich als Filmemacher. Maria Magdalena repräsentiert das Weibliche in der Geschichte. Ist doch faszinierend, dass ausgerechnet eine Frau die ganze Bewegung gesponsert hat.

Sie fragen Ihre Experten im Film, ob sie lieber mit Paulus oder mit Petrus ein Bier trinken würden. Warum ist Maria Magdalena keine Option? Mir scheint, dass Sie sie im Film verlieren und sie zur Randfigur wird.

Ja, der Film hat sich dahin entwickelt, dass es vor allem um die Gegenüberstellung von Paulus und Petrus geht. Aber ich habe Maria Magdalena nicht verloren! Sie gibt ja den ganzen Rahmen und reflektiert am Schluss darüber, wie die Geschichte auch hätte verlaufen können – das sind ja dann eigentlich meine eigenen Gedanken.

Und mit wem würden Sie ein Bier trinken gehen, wenn auch ein Date mit Magdalena möglich wäre?

Dann natürlich mit ihr und mit Petrus, denn sie beide haben Jesus erlebt. Ich würde gerne fragen: Wie war er so, wie hat er ausgesehen und geredet? Bei E-Mails haben wir ja heute diese Smileys, damit die Leute deine Aussage auch ja richtig verstehen. Das haben wir bei alten Schriftquellen leider nicht. Ich glaube, Jesus hatte sehr viel Humor und konnte die Leute gut abholen, sonst wäre er nicht so bekannt geworden! Das alles würde ich sehr gerne erfragen.

Aufgezeichnet von Léa Burger

Der Film

Der Film

«Rabbuni» ist eine Spurensuche in frühchristlicher Zeit. Das Filmessay mit aufwendig inszenierten Reenactments an Originalschauplätzen, eigenen Reflexionen des Regisseurs und Statements von Forscherinnen und Forschern geht der Rivalität von Petrus und Paulus nach und fragt, warum wir so wenig über so wichtige Frauen wie Maria Magdalena wissen.

Zur Person

Zur Person
Legende: Keystone

Luke Gasser ist in Lungern (OW) geboren und aufgewachsen. Er wurde erst Bildhauer, später besuchte er die Schule für Gestaltung. Seit 1991 arbeitet er als freischaffender Bildhauer, Maler und Musiker, seit 1998 auch als Filmemacher. Er führt Regie, ist Produzent und wirkt als Schauspieler mit. 2013 erschien sein Film «The Making of Jesus Christ».

1 Kommentar

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  • Kommentar von Luzius Rohner, Weiningen
    Der Film vermittelt eine angenehm unaufgeregte Atmosphäre und eine unaufdringliche, aber prägnante Bildsprache. Die Fragen, die zur Botschaft des Gründers der christlichen Religion aufgeworfen werden, sind stichhaltig und spannend - die Sachkundigkeit der Sprechenden überzeugt ... Sympathisch ist, dass auch Humor Platz findet. Persönlich fand ich bezüglich dem, was am Ende offen bleibt, die besten Antworten in «Joshua Immanuel der Christus» von Dr. Stylianos Atteshlis (bekannt als «Daskalos»).
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