Obamas Rede Obama kann's! Das rhetorische Meisterwerk in voller Länge

Barack Obama wurde 2008 Präsident der USA. Wir schauen zurück auf eine Rede, die weltweit Menschen berührte.

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Obama's Rede anlässlich seines Wahlsiegs 2008

17 min, vom 21.12.2016
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Neun Menschen erinnern sich

Wir blicken zurück auf die historische Siegesrede von Barack Obama. Es kommen Zeitzeugen zu Wort, die erzählen, was aus diesen Worten geworden ist.

Hallo Chicago.

Wenn es da draussen jemanden gibt, der noch daran zweifelt, dass die Vereinigten Staaten ein Ort sind, an dem alles möglich ist, der sich noch immer fragt, ob der Traum unserer Gründerväter heute noch lebendig ist, der noch immer die Kraft unserer Demokratie in Frage stellt, hat heute Abend eine Antwort bekommen.

Es ist die Antwort, gegeben von den Schlangen wartender Menschen vor Schulen und Kirchen, deren Ausmass diese Nation noch nie erlebt hat, von Menschen, die drei oder vier Stunden warteten, viele zum ersten Mal in ihrem Leben, weil sie glaubten, dass es dieses Mal anders sein muss, dass ihre Stimmen diesen Unterschied ausmachen können.

Es ist die Antwort, die von Jungen und Alten, Reichen und Armen, Demokraten und Republikanern, Schwarzen, Weissen, Hispaniern, Asiaten, amerikanischen Ureinwohnern, Homosexuellen, Heterosexuellen, Behinderten und Nichtbehinderten gegeben wird. Von Amerikanern, die der Welt eine Botschaft geschickt haben, dass wir nämlich niemals nur eine Ansammlung von Individuen oder eine Anhäufung roter und blauer Staaten waren.

Wir waren immer die Vereinigten Staaten von Amerika und wir werden es auch immer sein.

Es ist die Antwort, die diejenigen, denen so lange von so vielen gesagt wurde, dass sie misstrauisch und ängstlich und zweifelnd sein sollten, angesichts dessen, was wir erreichen können, dazu gebracht hat, ihre Hände erneut an den Bogen der Geschichte zu legen, und ihn noch einmal hin zur Hoffnung auf eine bessere Zeit zu biegen.

Es hat lange gedauert, aber – aufgrund dessen, was wir an diesem Tag, bei dieser Wahl, in diesem entscheidenden Moment getan haben – heute Abend ist der Wandel in den Vereinigten Staaten angekommen.

Vorhin habe ich einen aussergewöhnlich freundlichen Anruf von Senator McCain erhalten.

Gerührte Zuschauer mit kleinen USA-Flaggen in der Hand Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Emotional: Amerikaner und Amerikanerinnen hören Obamas Rede zum Wahlsieg. Reuters

Senator McCain hat in diesem Wahlkampf lange und hart gekämpft. Und er hat sogar noch länger und härter für das Land, das er liebt, gekämpft. Er hat für die Vereinigten Staaten Opfer gebracht, die sich die meisten von uns nicht einmal ansatzweise vorstellen können. Uns geht es besser dank der Leistungen dieses mutigen und selbstlosen Politikers.

Ich gratuliere ihm, und ich gratuliere Gouverneurin Palin zu allem, was sie erreicht haben. Ich freue mich darauf, in den kommenden Monaten zusammen mit ihnen an der Erneuerung der Versprechungen dieser Nation zu arbeiten.

Ich möchte meinem Partner auf diesem Weg danken, einem Mann, der diesen Wahlkampf mit ganzem Herzen geführt hat und für die Frauen und Männer sprach, mit denen er in den Strassen von Scranton aufwuchs und mit denen er im Zug zurück nach Delaware sass, dem gewählten Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Joe Biden.

Ich wäre heute Abend nicht hier ohne die unablässige Unterstützung meiner besten Freundin in den vergangenen 16 Jahren, dem Fels unserer Familie, der Liebe meines Lebens, der zukünftigen First Lady unserer Nation, Michelle Obama.

Sasha und Malia, ich liebe euch beide mehr als ihr euch vorstellen könnt. Und ihr habt euch das Hündchen verdient, das mit uns ins Weisse Haus einziehen wird.

Obwohl sie nicht länger unter uns ist, weiss ich, dass meine Grossmutter auf uns schaut, zusammen mit der Familie, die mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin. Ich vermisse sie heute Abend. Ich weiss, dass ich ihnen unermesslich viel verdanke.

Meiner Schwester Maya, meiner Schwester Alma und all meinen anderen Brüdern und Schwestern möchte ich für die Unterstützung danken, die sie mir gewährt haben. Ich bin ihnen sehr dankbar.

Barack und Michelle Obama Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Michelle und Barack Obama bedanken sich bei den Wählern. Reuters

Ich möchte ebenfalls dem Leiter meines Wahlkampfes, David Plouffe, danken, dem Held hinter den Kulissen dieses Wahlkampfes, der den in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika wohl besten politischen Wahlkampf gestaltet hat.

Auch meinem Chefstrategen, David Axelrod, der bei jedem Schritt auf diesem Weg ein Partner war, möchte ich danken.

Und natürlich auch dem besten Wahlkampfteam, das jemals in der Geschichte der Politik zusammenkam. Ihr habt das möglich gemacht, und ich werde immer dankbar für die Opfer sein, die ihr erbracht habt, um das zu erreichen.

Dabei werde ich aber nie vergessen, wem dieser Sieg eigentlich gehört. Er gehört euch. Er gehört euch.

Ich war nie der aussichtsreichste Kandidat für dieses Amt. Wir haben nicht mit viel Geld oder grosser Unterstützung angefangen. Unser Wahlkampf entstand nicht auf den Fluren Washingtons. Er begann in den Hinterhöfen von Des Moines, den Wohnzimmern in Concord und den Veranden von Charleston. Er wurde von arbeitenden Frauen und Männern gemacht, die auf ihre kleinen Ersparnisse zurückgriffen, um 5, 10 oder 20 Dollar für die Sache zu geben.

Er wurde stärker durch junge Menschen, die den Mythos der Apathie ihrer Generation ablehnten, die ihr Zuhause und ihre Familien für Arbeitsplätze verliessen, die eine geringe Bezahlung und wenig Schlaf boten.

Er wurde stärker durch die nicht mehr ganz so jungen Menschen, die der eisigen Kälte und sengenden Hitze trotzten, um an den Türen von fremden Menschen zu klopfen, und aus den Millionen Amerikanern, die sich freiwillig meldeten und an der Organisation beteiligten und bewiesen, dass mehr als zwei Jahrhunderte später eine Regierung des Volkes, vom Volk und für das Volk nicht vom Erdboden verschwunden ist.

Dies ist euer Sieg.

«  Ich werde nie vergessen, wem dieser Sieg eigentlich gehört. Er gehört euch. »

Ich weiss, dass ihr das nicht einfach nur getan habt, um eine Wahl zu gewinnen. Und ich weiss, dass ihr es nicht für mich getan habt.

Ihr habt es getan, weil ihr das gewaltige Ausmass der vor uns liegenden Aufgaben erkannt habt. Denn während wir heute Abend feiern, wissen wir, dass die Herausforderungen von morgen die grössten sind, vor denen wir jemals standen – zwei Kriege, ein Planet in Gefahr, die schwerste Finanzkrise seit einem Jahrhundert.

Während wir heute Abend hier stehen, wissen wir, dass mutige Amerikaner in der Wüste des Iraks und in den Bergen Afghanistans aufwachen, um ihr Leben für uns zu riskieren.

Es gibt Mütter und Väter, die noch wach liegen, wenn die Kinder schon eingeschlafen sind, und sich fragen, wie sie die Hypothek abbezahlen oder ihre Arztrechnung begleichen oder genug für die College-Ausbildung ihres Kindes sparen sollen.

Neue Energien müssen genutzt, neue Arbeitsplätze geschaffen, neue Schulen gebaut, Bedrohungen müssen angegangen und Bündnisse müssen erneuert werden.

Der vor uns liegende Weg wird lang sein. Unser Anstieg wird steil sein. Wir kommen vielleicht nicht in einem Jahr oder einer Amtszeit dorthin. Aber, Amerika, ich war noch nie so hoffnungsvoll wie heute Abend, dass wir dort hinkommen werden.

Ich verspreche, dass wir als Nation dorthin gelangen werden.

Es wird Rückschläge und Fehlstarts geben. Es gibt viele, die nicht mit jeder Entscheidung oder politischen Strategie einverstanden sein werden, die ich als Präsident fälle. Wir wissen, dass die Regierung nicht jedes Problem lösen kann.

Ich werde hinsichtlich der vor uns liegenden Herausforderungen aber immer ehrlich euch gegenüber sein. Ich werde euch zuhören, insbesondere wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Vor allem werde ich euch bitten, euch an der Arbeit, der Erneuerung dieser Nation, zu beteiligen, wie das in den Vereinigten Staaten seit 221 Jahren geschieht – Block um Block, Stein um Stein, Handgriff um Handgriff.

Was vor 21 Monaten im tiefsten Winter begann, kann nicht in dieser Herbstnacht enden.

Der Sieg alleine ist noch nicht die Veränderung, die wir anstreben. Er bietet uns lediglich die Chance, diesen Wandel herbeizuführen. Und das kann nicht geschehen, indem wir zu dem zurückkehren, wie die Dinge einmal waren.

Es kann nicht ohne euch geschehen, ohne einen neuen Geist des Dienens, einen neuen Geist der Aufopferung.

Lasst uns daher einen neuen Geist des Patriotismus, der Verantwortung, entwickeln, bei dem jeder beschliesst, sich zu beteiligen, intensiver daran zu arbeiten und sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um den anderen zu kümmern.

President-elect Obama und sein Vize Joe Biden Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: President-elect Obama und sein Vize Joe Biden freuen sich in der Nacht des Wahlsiegs. Reuters

Lasst uns daran denken, dass wenn uns diese Finanzkrise überhaupt etwas gelehrt hat, ist es die Tatsache, dass es keine blühende Wall Street geben kann, während die Main Street leidet.

In diesem Land steigen wir auf oder fallen wir als eine Nation, als ein Volk. Lasst uns der Versuchung widerstehen, in die gleiche Voreingenommenheit, Kleinlichkeit und Unreife zu verfallen, die unsere Politik so lange vergiftet haben.

Lasst uns daran denken, dass es ein Mann aus diesem Bundesstaat war, der als erster das Banner der Republikanischen Partei ins Weisse Haus trug, einer Partei, die auf den Werten der Eigenständigkeit, individuellen Freiheit und nationalen Einheit gegründet wurde.

Das sind unser aller Werte. Während die Demokratische Partei heute Abend einen grossen Sieg errungen hat, sind wir doch voller Bescheidenheit und Entschlossenheit, um die Gräben zu überwinden, die unseren Fortschritt aufgehalten haben.

Wie Lincoln einer weitaus gespalteneren Nation als der unseren sagte: Wir sind keine Feinde, sondern Freunde. Auch wenn die Leidenschaft die Bande der Zuneigung strapaziert hat, darf sie sie nicht zerreisen.

«  Der Sieg alleine ist noch nicht die Veränderung, die wir anstreben. Er bietet uns lediglich die Chance, diesen Wandel herbeizuführen. »

Denjenigen Amerikanern, deren Unterstützung ich noch verdienen muss, möchte ich sagen: Ich habe heute vielleicht nicht eure Stimme erhalten, aber ich höre euren Ruf. Ich brauche eure Hilfe. Und ich werde auch euer Präsident sein.

All denjenigen, die heute Abend aus dem Ausland zusehen, in Parlamenten und Palästen, denen, die sich in den vergessenen Winkeln der Erde um ein Radio versammelt haben, möchte ich sagen, dass unsere Geschichten einzigartig sind, unser Schicksal aber ein gemeinsames ist und der Beginn einer neuen amerikanischen Führungsrolle bevorsteht.

All jenen, die diese Welt zerstören wollen, sage ich: Wir werden euch besiegen. Jenen, die nach Frieden und Sicherheit streben, sage ich: Wir unterstützen euch. All jenen, die sich gefragt haben, ob das Leuchtfeuer der Vereinigten Staaten noch immer so hell scheint, sage ich: Heute Abend haben wir erneut gezeigt, dass die wahre Stärke unserer Nation nicht von der Macht unserer Waffen oder dem Ausmass unseres Wohlstandes herrührt, sondern von der fortdauernden Kraft unserer Ideale: Demokratie, Freiheit, Chancen und unbeirrbare Hoffnung.

Das ist die wahre Geist der Vereinigten Staaten: Dass sich Amerika ändern kann. Unsere Union kann vervollkommnet werden. Das was wir bereits erreicht haben, gibt uns Hoffnung für das, was wir morgen noch erreichen können und müssen.

Bei dieser Wahl gab es viele Premieren und viele Geschichten, die noch in Generationen erzählt werden. Aber eine, an die ich heute Abend ganz besonders denke, ist die einer Frau, die ihre Stimme in Atlanta abgab. Sie ist wie die vieler anderer, die in Warteschlangen anstanden, um ihrer Stimme bei dieser Wahl Gehör zu verschaffen, mit einer Ausnahme: Ann Nixon Cooper ist 106 Jahre alt.

Sie wurde nur eine Generation nach der Sklaverei geboren, in einer Zeit, in der es keine Autos auf den Strassen oder Flugzeuge gab, in der jemand wie sie aus zwei Gründen nicht wählen durfte: weil sie eine Frau ist und aufgrund ihrer Hautfarbe.

Heute Abend denke ich an alles, was sie in ihrem Jahrhundert in den Vereinigten Staaten gesehen hat – den Kummer und die Hoffung, den Kampf und den Fortschritt, die Zeiten, in denen uns gesagt wurde, dass wir das nicht schaffen, und die Menschen, die am amerikanischen Glauben festhielten: Ja, wir schaffen das.

«Yes, we can!»: Obama gewinnt die US-Präsidentschaftswahl 2008. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Yes we can!»: Obama gewinnt die US-Präsidentschaftswahl 2008. Reuters

In einer Zeit, in der die Stimmen der Frauen zum Schweigen gebracht wurden und ihre Hoffnungen unbeachtet blieben, erlebte sie, wie sie aufstanden, ihre Meinung sagten und das Wahlrecht einforderten. Ja, wir schaffen das.

Als es Hoffnungslosigkeit im “Dust Bowl” und Depression überall im Land gab, erlebte sie, wie eine Nation ihre Ängste mithilfe des New Deal überwand, mit neuen Arbeitsplätzen und einem neuen Sinn für gemeinsame Ziele. Ja, wir schaffen das.

Als die Bomben auf unseren Hafen fielen und Tyrannei die Welt betrohte, erlebte sie, wie sich eine Generation zur Grösse erhob und eine Demokratie gerettet wurde. Ja, wir schaffen das.

Sie war da für die Busse in Montgomery, die Wasserschläuche in Birmingham, eine Brücke in Selma und einen Prediger aus Atlanta, der einem Volk sagte “We Shall Overcome”. Ja, wir schaffen das.

Ein Mann landete auf dem Mond, eine Mauer fiel in Berlin, eine Welt rückte zusammen durch unsere eigene Wissenschaft und Vorstellungskraft.

In diesem Jahr, bei diesen Wahlen, berührte sie mit ihrem Finger einen Bildschirm und gab ihre Stimme ab, weil sie nach 106 Jahren in den Vereinigten Staaten, in den besten Zeiten aber auch in den dunkelsten Stunden, weiss, wie sich Amerika verändern kann.

Ja, wir schaffen das.

Amerika, wir sind so weit gekommen. Wir haben so viel erlebt. Es gibt aber noch so viel zu tun. So lasst uns heute Abend fragen, wenn unsere Kinder das nächste Jahrhundert erleben sollten, wenn meine Töchter das Glück haben sollten, so lange zu leben wie Ann Nixon Cooper, welchen Wandel würden sie dann erleben? Welchen Fortschritt werden wir dann gemacht haben?

Dies ist unsere Chance, auf diesen Ruf zu antworten. Dies ist unser Augenblick.

Dies ist unsere Zeit, um unser Volk wieder in Arbeit zu bringen und Türen für Chancen für unsere Kinder zu öffnen, den Wohlstand wieder herzustellen und die Sache des Friedens zu fördern, den amerikanischen Traum zurückzugewinnen und die grundlegende Wahrheit zu bekräftigen, dass wir aus vielen als eins hervorgegangen sind, dass wir hoffen, solange wir atmen. Wenn wir Misstrauen und Zweifel begegnen, und denjenigen, die uns sagen, dass wir es nicht schaffen, antworten wir mit dem zeitlosen Glauben, der den Geist eines Volkes zusammenfasst: Ja, wir schaffen das.

Vielen Dank. Gott segne euch. Und möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika segnen.

Quelle: Deutsche Übersetzung des Amerika-Dienstes der US-Botschaft in Berlin

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    28.12.2016 22:25

    «Kulturplatz» reist in die USA - in den Grant Park in Chicago, wo Barack Obama am 4. November 2008 als neu gewählter Präsident eine historische Rede hielt. 240'000 begeisterte Menschen skandierten damals «Yes, we can.» «Kulturplatz» trifft Zeitzeugen und fragt, was aus diesen Worten geworden ist.