Optimierungsopfer Kind: von klein auf nicht gut genug

Eltern wollen Kinder optimal auf das Leben vorbereiten. Doch der gute Wille kann auch zum Wahn werden – und Kinder zur Verzweiflung treiben. Warum zu viel der Sorge nicht gut ist und nicht jedes Kind ein Genie sein muss, erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort.

Ein Mädchen in der Schule. Es hält ein Blatt mit Kopfrechnungen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dass Kinder Menschen und keine Maschinen sind, wird von Eltern manchmal vergessen. Keystone

SRF Kultur: In Ihre Praxis kommen häufig Kinder mit Schulleistungsproblemen, sie reagieren deswegen oft schon mit Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit. Ist der Druck zu gross?

Michael Schulte-Markwort: Eine schlechte Schulleistung legt den Verdacht nahe, ein Kind könnte nicht klug genug sein. Intelligenz und Klugheit sind nach allgemeiner Einschätzung heute der einzige Garant dafür, dass man in dieser Welt überleben kann. Das ist eine dramatische Zuspitzung und Ausgrenzung von Menschen, die nicht ganz so intelligent sind.

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Zur Person

Michael Schulte-Markwort ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Hamburg. Seit 2004 ist er Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) und dem Altonaer Kinderkrankenhaus.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Kinder, die reflektiert und differenziert über ihre Gefühle reden. Sie beschreiben Eltern, die gut informiert sind und bemüht, frühzeitig die Weichen für das spätere Leben ihrer Kinder zu stellen. Dennoch klemmt es. Warum?

Das Problem ist, dass es nicht mehr reicht, ein Artist zu sein. Wir alle müssen – im übertragenen Sinn – Hochleistungssportler sein. Wir haben verinnerlicht, dass man im heutigen Leben nur überleben kann, wenn man besondere Leistungen erbringt. Und Eltern werden dann manchmal zu Trainern ihrer Kinder, die am Rande der Arena stehen und die Sekunden ihrer Kinder messen, und dann immer noch das Gefühl haben, es reicht nicht.

Fragt man die Eltern nach den Ursachen ihres Bemühens, dann begründen sie ihr Handeln mit Liebe oder dem Satz «Wir wollen doch nur das Beste für unser Kind». Woher weiss man als Eltern, was das Beste für das Kind ist?

Allen ist klar, dass Kindheit etwas ist, das sich nicht mehr von alleine entwickelt. Eltern kommen in meine Praxis und möchten wissen, wie es um das Intelligenzprofil ihres Kindes steht. Dieses Bestreben hat für mich zwei Seiten: Wir entdecken dadurch natürlich frühzeitige Teilleistungsstörungen, die sich beispielsweise als Legasthenie oder ADHS äussern. Wir unterstützen damit aber auch das Gesamtsystem Optimierung, das davon ausgeht: Kindheit ist nicht mehr Bullerbü und man schickt die Kinder morgens nach draussen und die kommen abends mit zerschundenen Knien aber glücklich ins Haus zurück.

Was macht der Optimierungszwang mit unseren Kindern?

Die Optimierung und Ökonomisierung unserer Leistungsgesellschaft ist bei den Kindern angekommen. Sie lernen von Anfang an, dass so, wie sie sind, es nicht ausreicht. Sie lernen, dass sie sich in eine Art Coaching begeben müssen, damit sie beispielsweise das Lernen erlernen.

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Buchhinweis

Michael Schulte-Markwort: «Superkids. Warum der Erziehungsehrgeiz unsere Familien unglücklich macht»; Pattloch Verlag, 2016.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Garant für ein vermeintlich erfolgreiches Leben heute die Intelligenz sei. Welche Fähigkeiten der Kinder werden dabei übersehen?

Es gibt Kinder, die sportlich sind, Kinder, die musikalisch sind, oder Kinder, die künstlerisch begabt sind. Und gerade der letzte Punkt wird häufig übersehen, weil er in unserer Gesellschaft nicht viel bedeutet. Darüber hinaus gibt es eine Emotionale Intelligenz: Kinder, die ausgesprochen sozial kompetent sind, die in ihrer Klasse wichtige Funktionen übernehmen. Das alles wird am Ende im Zeugnis nicht berücksichtigt.

Umdenken ist leicht gesagt. Was wäre ein erster Schritt?

Ich empfehle den Eltern, innerlich einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Was für ein Kind habe ich tatsächlich vor mir? Nicht nur primär von den Sorgen getrieben zu sein wie: Was ist mit der nächsten Mathematikarbeit? Hat es ausreichend gelernt und die Hausaufgaben erledigt? Sondern: Was zeichnet unser Kind aus? Wenn man sich diese Zeit nimmt, entsteht ein neuer Blick. In meiner Praxis geht es nicht immer um therapeutische Massnahmen, manchmal reicht auch schon ein Haltungswechsel. Wenn es mir gelingt, die Haltung der Eltern zu verändern, ist oft schon dramatisch viel verändert.

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