«Out of Israel»: Warum das afrikanische Judentum wächst

Es gibt einige schwarzafrikanische Völker, die sich als Nachfahren der Israeliten aus biblischer Zeit sehen. Am bekanntesten sind die äthiopischen Juden. Da gibt es aber auch noch die südafrikanischen Lemba. Oder die Igbo aus Nigeria: Was steckt dahinter?

Orthodoxe Juden beobachten äthiopische Juden in weissen Kleidern, die vor einer Mauer stehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Äthiopische Juden in Jerusalem: Doch die meisten schwarzafrikanischen Juden zieht es nicht nach Israel. Keystone

  • Das Phänomen afrikanischer Völker, die ihre Wurzeln im alten Israel sehen, ist weit verbreitet.
  • Die Forschung sagt: Die Mehrheit dieser Völker definiert sich selbst als «israelitisch», weil eine «afrikanisch-jüdische» Identität einen starken Zusammenhalt schafft.
  • Das Judentum könnte in Zukunft insgesamt afrikanischer werden.

Mitte April wurde eine kleine Gruppe Ugander vom israelischen Rabbinat als jüdisch anerkannt und durfte nach Israel ausreisen. Die meisten Afrikaner, die ihre Wurzeln im biblischen Israel sehen, haben aber kein Interesse am modernen Israel, betont der Basler Forscher Daniel Lis. Er beschäftigt sich seit seiner Doktorarbeit über das Igbo-Volk in Nigeria mit dem afrikanischen Judentum. Es wächst.

Afrika in der Bibel

Aktuell im Fokus stehen auch die Lemba im südlichen Afrika. Ihr Volk zählt rund 70'000 Menschen. Sie leben in Südafrika, Simbabwe und Mosambik. Ihrem eigenen kulturellen Gedächtnis nach sind sie schon immer Juden. Tatsächlich folgen sie jüdischen Speisegesetzen. Und sie lassen ihre Söhne am 8. Lebenstag beschneiden. Das ist einer der wichtigsten Identitätsmarker für Jüdisch-Sein.

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Zur Person

Daniel Lis lehrt am Zentrum für Afrikastudien der Universität Basel. Im Rahmen seiner Habilitation erforscht er das Thema «Basel and the Beta Israel, 1835 – 1860: Protestant Mission and Jewish Identity in Ethiopia». 2015 erschien seine Dissertation «Jewish Identity Among the Igbo of Nigeria» (Africa Wold Press Inc.).

Das Phänomen afrikanischer Völker, die ihre Wurzeln im biblischen Israel sehen, ist weit gestreut. Solche Gruppen gibt es auch bei den Abayudaya in Uganda, in Sierra Leone, Mali oder Nigeria.

Aber: Wie historisch und plausibel ist es, dass diese Gruppen tatsächlich Wurzeln im antiken Israel haben? Das sei trotz aller Forschung nicht zu beantworten, meint Daniel Lis. DNA-Analysen steht er zurecht skeptisch gegenüber. Afrika komme in der Bibel wohl mehrfach vor. Auch die Archäologie weist Kontakte und Handel zwischen dem antiken Israel und Afrika nach.

Als Salomo mit Saba

Die Bibel erzählt die Liebesgeschichte zwischen der dunkelhäutigen Königin von Saba und König Salomo. Auf sie führen sich die Äthiopier zurück – seien sie Juden oder Christen. Die jüdischen Äthiopier verstehen sich zudem als Angehörige des verlorenen Stammes «Dan».

Als solcher wurden sie vom israelischen Rabbinat als jüdisch anerkannt. In den letzten 30 Jahren konnten so viele Tausend äthiopische Juden nach Israel kommen. Daniel Lis erinnert, dass deren Anerkennung als jüdisch der Schlusspunkt einer langen, wohl 150-jährigen Entwicklung ist.

Eine Frage der Selbstdefinition

Am meisten biblischer Tradition kam wohl aber mit christlichen Missionaren im 19. Jahrhundert nach Afrika. Basler Missionare übersetzten die Bibel in afrikanische Sprachen. Sie zeichneten zudem ein sehr positives Bild von Israel als Volk Gottes.

Wohl auch deshalb orientieren sich heute viele afrikanische Christinnen und Christen stark an jüdischen Traditionen. Die Beschneidung ist nur ein Element. Manche heiligen auch den Samstag, also den Schabat und nicht den Sonntag.

So haben wir es wohl mehrheitlich mit afrikanischen Christinnen und Christen zu tun, stellt auch Daniel Lis fest. Aber: Er möchte diesen Völkern ihre jüdische oder israelitische Identität nicht absprechen, es sei deren Selbstdefinition.

«Judaisierung in Afrika»

Solche Anerkennung und auch Unterstützung finden einzelne Gruppen jetzt auch von aussen, vom rabbinischen Mehrheitsjudentum. Besonders unter multikulturell orientierten Juden in den USA finden die Afrikaner Sympathie.

Daniel Lis beobachtet hier eine spannende Entwicklung. Er nennt sie «Judaisierung in Afrika». Diese neue afrikanisch-jüdische Identität werde auf das Judentum in Amerika und Israel zurück wirken. Das Judentum könnte insgesamt afrikanischer werden.

Afrika als neues Israel

Was aber haben die Lemba, die Igbo und andere Afrikaner eigentlich davon, jüdisch zu sein? Es sei nicht die Aussicht auf israelische Staatsbürgerschaft und ein besseres Leben in Israel, betont Daniel Lis. Die Mehrheit wolle gar nicht nach Israel ausreisen. Sie betrachteten Israel als ihr Ursprungsland. Demgegenüber empfinden sie sich selbst stolz als «neues Israel». Ihre afrikanische Erde sei ihnen «heiliges Land» genug.

Attraktiv sei die jüdische Identität auch, weil sie eine starke Identität sei, meint Forscher Daniel Lis. Schliesslich haben Juden so viele Verfolgungen überlebt wie kaum ein anderes Kollektiv. Die Kopplung von afrikanischer und jüdischer Identität schaffe einen stärkeren Gruppen-Zusammenhalt. Damit könnten etwa die Igbo in ihrer konfliktreichen Umgebung in Nigeria besser bestehen.

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