Panama-Kanal: Ein Hundertjähriger wächst in die Breite

Er ist eine bauliche Höchstleistung. Der Panama-Kanal hat den modernen Warentransport massgeblich beeinflusst. Heute ist er wieder eine riesige Baustelle – und eine erneute Herausforderung für die Lebenswelt, die ihn umgibt.

Wasserstrasse durch den Dschungel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Wasserstrasse mitten durch den Dschungel. Der Panama-Kanal beinflusst Flora und Fauna Colourbox

Mitten durch den panamaischen Dschungel frisst sich ein Ungetüm. Auf 80 Kilometern Länge. Ein amerikanisches Paketboot war das erste Schiff, das die Verbindung zwischen Pazifik und Atlantik am 15. August 1914 durchquerte.

Seitdem sparen Transport-Schiffe vor allem eines: Zeit. Sie vermeiden den Weg um das Kap Hoorn, den südlichsten Punkt Südamerikas. Der moderne Warentransport ist ohne diese Wasserstrasse nicht mehr vorstellbar.

Panama lebt von den Einnahmen des Kanals – und er ist Teil des Alltags geworden. Wer in Panama-Stadt baden geht, sieht am Horizont die riesigen Frachter, die in den Kanal einfahren.

Inzwischen passen viele der heutigen Kolosse nicht mehr durch den Kanal. Sie sind zu breit. Das panamaische Volk hat einem Ausbau mit grosser Mehrheit zugestimmt. Seit 2007 vergrössert ein internationales Bau-Konsortium die Schleusen und vertieft die Wasserwege.

Baustelle des Panama-Kanals von oben. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Breiter, tiefer – der Panama-Kanal ist zurzeit wieder eine riesige Baustelle. SRF

Paradies für Urzeit-Forscher

Darüber kommt Freude von unverhoffter Seite. Paläontologen wähnen sich im Paradies. Um Tiefe zu gewinnen, holen riesige Bagger Berge an Gestein aus den Gewässern. Vergangenes Jahr sind mehr als 20 Millionen Jahre alte Fossilien zutage getreten. Man finde laut Experten auf einem Quadratmeter mehr als andernorts auf einer Fläche von 10‘000 Quadratmetern.

Das Ökosystem um den Kanal allerdings leidet unter den neuen Bau-Tätigkeiten. Tropenwälder verschwinden, damit die Wasserstrasse in die Breite wachsen kann. Sprengungen in den Gewässern bedrohen die Tier- und Pflanzenwelt. Wenn mehr Schiffe die Schleusen passieren, gerät zunehmend Süsswasser aus den Flüssen und Seen in die Ozeane. Fischarten sind bedroht.

Gelingt der Natur die Rückeroberung?

Vor 100 Jahren hat es die Natur geschafft, den tiefen Einschnitt zu verkraften. Im Zuge des Baus entstanden etwa ein künstlicher See und in ihm mehrere kleine Inseln. Die Insel Barro Colorado zum Beispiel ist heute vollständig mit tropischem Regenwald überdeckt und ein geschütztes Naturreservat. Mehrere hundert Wissenschaftler erforschen dort Jahr für Jahr zehntausende Pflanzen- und Tierarten. Barro Colorado gilt als eines der besterforschten tropischen Ökosysteme weltweit.

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Fertigstellung ungewiss

Der Ausbau des Panama-Kanals wird rund 5 Milliarden US-Dollar verschlingen. Er hätte in diesem Jahr fertiggestellt werden sollen. Doch Streiks und Kostenüberschreitungen verzögern den Bau (der Bericht in «ECO», 16.6.14)

Auch indigene Völker, wie jenes der Embera, haben dem Kanal zu einem Teil ihres Lebens gemacht. Der angrenzende Tropenwald ist ihr Zuhause. Sie bieten sanften Tourismus an und tauschen gelegentlich Waren mit den Besuchern.

Es bleibt abzuwarten, ob die Symbiose zwischen dem Beton-Ungetüm und seiner Umwelt auch dieses Mal gelingen wird.

Zunächst einmal feiert Panama das Jubiläum seines Kanals. Ganz anders übrigens als vor 100 Jahren: 1914 fiel die Eröffnungsfeier aus. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen.