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Ethische Fragen und Spitalseelsorge in Corona-Zeiten
Aus Perspektiven vom 18.09.2021.
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Pandemie und Spitalseelsorge Seelsorgerin: «Die Stimmung kann schnell aggressiv werden»

Seelsorgerin Valeria Hengartner ist seit Beginn der Pandemie auf der Corona-Intensivstation des Universitätsspitals Basel unterwegs. Was erlebt sie da?

Soll ich mich impfen lassen oder nicht? Mit dieser Frage kommen immer öfter Menschen zu Spitalseelsorgerin Valeria Hengartner.

Es sei eine Frage, die Familien spalten könne: «Die Stimmung kann schnell aggressiv werden, mit Schuldzuweisungen und Vorwürfen», weiss die Seelsorgerin aus ihrem Berufsalltag. «Viele verstehen nicht, warum man sich plötzlich nicht mehr versteht.»

Angst vor Verantwortung – oder vor dem Verlassenwerden

In solchen Fällen plädiere sie dafür, die Diskussion nicht bloss medizinisch zu führen, sondern das Gespräch um seelische, ethische oder spirituelle Aspekte zu erweitern. Das könne dem gegenseitigen Verständnis helfen: «Ich beobachte zum Beispiel, dass jemand Angst hat, verlassen und einsam zu werden. Das ist in der Regel ein uraltes Thema und ploppt mit der Impffrage wieder auf.»

Legende: Seelsorgerin Valeria Hengartner ist seit Beginn der Corona-Pandemie dabei: Bereits in der ersten Welle war sie eine von zwei Seelsorgenden auf der Corona-Intensivstation des Universitätsspitals Basel und kümmerte sich um Patienten, Ärztinnen und Pfleger. zvg

Die römisch-katholische Theologin erlebt im Gespräch mit Patientinnen und deren Angehörigen aber auch Angst vor Verantwortung: «Die schiebt man dann lieber anderen zu, als sie selbst wahrzunehmen.»

Professionell trotz Ausnahmezustand

Dass es aktuell vor allem ungeimpfte Menschen sind, die auf den Covid-19-Intensivstationen gepflegt werden müssen, beschäftigt insbesondere das Spitalpersonal. Da Valeria Hengartner mit ihrem Seelsorgeangebot auch für die Spitalangestellten da ist, bekommt sie mit, dass sich ein paar wenige darüber ärgern.

Gleichwohl beobachtet sie eine grosse Professionalität: «Schliesslich gehört es zum Berufsethos der Pflegenden und Ärztinnen, alle Patientinnen und Patienten gleich zu behandeln.»

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Spitalseelsorge in Zeiten von Corona
15:41 min, aus Blickpunkt Religion vom 05.04.2020.
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Diese Professionalität attestiert die Spitalseelsorgerin auch dem übrigen Spitalpersonal. Viele hätten Wege gefunden, mit der Krise umzugehen, seien flexibel und solidarisch untereinander.

Wann kommt die Erholung?

Gleichwohl macht sich die Seelsorgerin auch Sorgen. «Viele sind erschöpft. Der Ausnahmezustand dauert jetzt schon lange und geht weiter, ohne dass sich die Leute wirklich erholen konnten.»

Ein Gespräch zwischen Tür und Angel könne helfe helfen, den Alltagsstress kurz zu unterbrechen. «Manchmal berühre ich die Pflegenden bloss am Arm und fordere sie auf, sich für einen Moment hinzusetzen und bewusst zu atmen», erzählt Valeria Hengartner. Das sei nicht viel, könne aber ein wenig zur Entspannung beitragen.

Austausch mit den Angehörigen

Um die Pflegenden während der ersten Corona-Welle zu entlasten, unterstütze die Seelsorge insbesondere bei der Kommunikation mit Angehörigen. Während dieser Zeit herrschte am Universitätsspital Basel quasi ein Besuchsverbot: Nur in Ausnahmefällen durften Angehörige auf die Intensivstation, etwa wenn jemand im Sterben lag.

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Ein Spitalseelsorger will wieder zu seinen Patientinnen und Patienten
Aus Puls vom 25.05.2020.
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«Wir trafen die Angehörigen entweder ausserhalb der Intensivstation und berichteten über den Zustand der Patientinnen und Patienten», erzählt Valeria Hengartner. Oder die Seelsorgerin und ihr Kollege organisierten Gespräche über Telefon, sodass die Familien wenigstens auf diesem Weg in Kontakt bleiben konnte.

Seelsorge ist systemrelevant

Nicht zuletzt dieses Engagement führte dazu, dass die Seelsorge als systemrelevant anerkannt wurde. Die Basler Politik entschied nach der ersten Welle, dass die Seelsorge jederzeit Zugang zu Spitälern oder Altersheime haben soll.

SRF 2 Kultur, Perspektiven, 18.09.2021, 17:59 Uhr

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