Papst Franziskus: «Ein Beichtstuhl ist kein Folterinstrument»

Papst Franziskus hat in seinem ersten grossen Interview die katholische Kirche zu mehr Mitgefühl gegenüber Homosexuellen aufgerufen. Er profiliert sich immer mehr als Reformer, der mit der alten Garde des Vatikans aufräumt. Eine Einschätzung.

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Bildlegende: Papst Franziskus bei der Beichte am Weltjugendtag 2013 in Brasilien. Keystone

«Ich bin ein Sohn der Kirche», sagte Papst Franziskus in seinem ersten grossen Zeitungsinterview gegenüber der italienischen Jesuitenzeitung «Civiltà Cattolica». Und macht damit deutlich, dass die von der römisch-katholischen Kirche vertretenen Positionen zu Themen wie Abtreibung, Verhütung oder homosexuelle Ehen auch seine Positionen sind.

Aber der neue Papst redet über diese Themen sehr offen und sehr menschlich. Themen, die unter seinem Vorgänger Benedikt XVI. tabu waren oder mit recht unbarmherzigen Kommentaren versehen wurden.

Keine spirituelle Einmischung in die persönliche Lebensführung

Franziskus sagt nun Sätze wie: «Ein Beichtstuhl ist kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit.» Und er meint damit den Umgang mit Frauen, die eine Abtreibung beichten. Ihnen müsse die Kirche ein Ort sein, in dem sie Wunden heilen und ihre Herzen erwärmen können.

Homosexuellen, die sich von ihrer Kirche verurteilt oder gar verfolgt fühlten, sagt Franziskus, dass er sie gewiss nicht verurteile. Auch homosexuelle Paare hätten eine barmherzige Begleitung durch die Kirche verdient, eine spirituelle Einmischung in die persönliche Lebensführung dürfe es aber nicht geben.

Papst Franziskus plädiert für eine Wende der katholischen Kirche

2:08 min, aus Tagesschau vom 20.9.2013

Aufräumaktion in der Kurie

Dieser menschliche Grundton bestimmt das Reden des argentinischen Papstes seit der der Abdankung von Benedikt im März. Und nicht nur dadurch unterscheidet er sich wohltuend von seinem Vorgänger. Er hat auch begonnen, energisch in der Kurie aufzuräumen – bei der skandalumwitterten Vatikanbank, bei der schleppenden Aufklärung der Missbrauchsfälle und personell. Vor allem, dass die Nummer zwei im Vatikan, Staatssekretär Bertone, der es nicht geschafft hatte, die Skandale und Konflikte hinter den vatikanischen Mauern zu unterbinden, in den Ruhestand geschickt wurde, spricht für die Entschlossenheit des Papstes.

Ausweitung des Mitspracherechts für Frauen

Eher vorsichtig hat Franziskus nun auch angekündigt, dass das Mitspracherecht für Frauen in der katholischen Kirche ausgeweitet werden müsse. Auch hier gilt, dass die einzelne Person stets im Mittelpunkt steht. Aber die Zulassung zum Priestertum für Frauen wird es sicher auch unter diesem Papst nicht geben.

Dafür ist und bleibt Franziskus bei seinem grossen Thema, der Forderung nach einer armen Kirche, nach einer Kirche der Armen konsequent. Ob das sein Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa war, ob das sein Kampf gegen einen überbordenden Kapitalismus ist oder sein bescheidener persönlicher Lebensstil: Nach gut einem halben Jahr im Amt zeichnet sich immer mehr ab, dass dieser Papst von einer tiefen Mitmenschlichkeit geprägt ist.

Sendung zu diesem Artikel

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    SRF 1 22.09.2013 10:30

    Sternstunde Religion
    Franziskus - Ein Papst verändert die Kirche

    22.09.2013 10:30

    Jorge Mario Bergoglio ist der erste lateinamerikanische Papst, der erste Jesuit als Pontifex und der erste, der sich nach Franz von Assisi benennt, einem Revolutionär seiner Zeit. Er trägt einfache weisse Soutanen und schwarze Strassenschuhe, fährt Bus und wäscht jugendlichen Straftätern die Füsse.

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