«Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Grosszügigkeit» – dieses Zitat von Simone Weil empfängt die Besuchenden auf einem weissen Banner am Eingang des Pavillon Sicli in Genf. Über zwei Monate lang soll sich hier alles um die Französin drehen – in Form von Lesungen, philosophischen Diskussionen oder Kunstworkshops.
Verantwortlich dafür ist der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn: «Ich Idiot habe mich wegen diesem religiösen Touch von Simone Weil immer verweigert, heute bin ich dankbar, dass ich sie kennengelernt habe.»
1909 in Paris in eine jüdisch-intellektuelle Familie geboren, wählt Simone Weil freiwillig ein Leben in Armut. Als überzeugte Linke engagiert sie sich vehement für die Arbeiterklasse, kritisiert jedoch gleichzeitig die Ideen von Marx.
Und: Sie ist eine scharfsinnige Philosophin, hat jedoch auch einen zutiefst christlich-spirituellen Blick auf die Welt. Sie emanzipiert sich von ihrer jüdischen Herkunft und wendet sich dem Katholizismus zu.
Drang nach Wahrheit und Gerechtigkeit
Die Religionswissenschaftlerin Mae Bengert ist Teil des Simone-Weil-Denk-Kollektivs und auch anwesend im Pavillon Sicli in Genf. Für sie sind all diese vermeintlichen Widersprüche dafür verantwortlich, dass Simone Weil bis heute nicht die Anerkennung bekommen hat, die ihr zustehen würde.
Der Schriftsteller und Philosoph Wolfram Eilenberger hat sich in seinem Buch «Feuer der Freiheit» mit Simone Weil auseinandergesetzt. Für ihn hatte Simone Weil einen kompromisslosen Drang nach Wahrheit und Gerechtigkeit. «Es ging für sie immer um den Kampf gegen die Unterdrückung des Individuums», sagt Wolfram Eilenberger.
Ein weiteres wichtiges Thema für Simone Weil ist etwa das Loswerden des Ichs. Darin sieht sie einen Weg zum Göttlichen. Und um das zu erreichen, könne eine stille, demütige Aufmerksamkeit gegenüber der Welt helfen.
Obwohl sich Simone Weil zeitlebens als Pazifistin bezeichnet, zieht sie 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus, arbeitet jedoch mangels Kampferfahrung in der Truppenküche. Nichtsdestotrotz erfährt sie hautnah, wie grausam der Krieg ist, auch vonseiten der Antifaschisten.
Diese Erfahrungen schreibt sie in ihrem Text «Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt» nieder. Darin schildert sie, wie die Gewalt jeden zerstört, den sie berührt, die Opfer, wie auch die Täter.
Worte, die nachwirken
Und so stellt sich die Frage, was uns diese fast vergessene Denkerin heute mit auf den Weg geben kann. Religionswissenschaftlerin Mae Bengert sagt: «um den Krieg zu beenden, dürfen wir laut Simone Weil in unseren Feinden nicht mehr die Uniform, die Partei oder die Religion sehen, sondern kompromisslos den Menschen an sich.»
Es ist also dieser ganz besondere Blick auf das Gegenüber, der uns retten kann. Und in diesem Sinne ist wohl auch das Zitat von Simone Weil beim Eingang des Pavillon Sicli in Genf zu verstehen: «Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Grosszügigkeit».