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Pavillon Sicli in Genf Simone Weil: Warum eine Pazifistin 1936 in den Krieg zog

Sie gehört zu den grossen Vergessenen des 20. Jahrhunderts: die französische Philosophin, Aktivistin und Mystikerin Simone Weil, die sich zeitlebens gegen Gewalt und für eine bedingungslose Menschlichkeit einsetzte. In einem Pavillon in Genf können Besuchende sich mit ihrem Denken auseinandersetzen.

«Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Grosszügigkeit» – dieses Zitat von Simone Weil empfängt die Besuchenden auf einem weissen Banner am Eingang des Pavillon Sicli in Genf. Über zwei Monate lang soll sich hier alles um die Französin drehen – in Form von Lesungen, philosophischen Diskussionen oder Kunstworkshops.

Verantwortlich dafür ist der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn: «Ich Idiot habe mich wegen diesem religiösen Touch von Simone Weil immer verweigert, heute bin ich dankbar, dass ich sie kennengelernt habe.»

Mann steht vor Wand mit grossen Fotos und Kunstwerken.
Legende: Thomas Hirschhorn posiert in seiner Installation in Genf. Dort verwandelt er den Pavillon Sicli vom 31. März bis 16. Juni 2026 gemeinsam mit der Bevölkerung in den «Pavillon Simone Weil» – als Hommage an die französische Philosophin. KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi

1909 in Paris in eine jüdisch-intellektuelle Familie geboren, wählt Simone Weil freiwillig ein Leben in Armut. Als überzeugte Linke engagiert sie sich vehement für die Arbeiterklasse, kritisiert jedoch gleichzeitig die Ideen von Marx.

Und: Sie ist eine scharfsinnige Philosophin, hat jedoch auch einen zutiefst christlich-spirituellen Blick auf die Welt. Sie emanzipiert sich von ihrer jüdischen Herkunft und wendet sich dem Katholizismus zu.

Drang nach Wahrheit und Gerechtigkeit

Die Religionswissenschaftlerin Mae Bengert ist Teil des Simone-Weil-Denk-Kollektivs und auch anwesend im Pavillon Sicli in Genf. Für sie sind all diese vermeintlichen Widersprüche dafür verantwortlich, dass Simone Weil bis heute nicht die Anerkennung bekommen hat, die ihr zustehen würde.

Schwarz-weiss Porträt einer Person mit runder Brille.
Legende: Das Bild zeigt die junge Simone Weil, porträtiert in einer später kolorierten Fotografie. Früh unangepasst und rebellisch, stellte die Philosophin Konventionen infrage – ein Geist, der ihr Denken und Handeln bis zu ihrem frühen Tod mit 34 Jahren prägte. IMAGO/opale.photo

Der Schriftsteller und Philosoph Wolfram Eilenberger hat sich in seinem Buch «Feuer der Freiheit» mit Simone Weil auseinandergesetzt. Für ihn hatte Simone Weil einen kompromisslosen Drang nach Wahrheit und Gerechtigkeit. «Es ging für sie immer um den Kampf gegen die Unterdrückung des Individuums», sagt Wolfram Eilenberger.

Pavillon Simone Weil in Genf

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Person mit Regenschirm betritt Pavillon Simone Weil bei Regen.
Legende: KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi

Vom 31. März bis am 16. Juni können Besuchende im Pavillon Sicli in Genf in die Welt von Simone Weil eintauchen. Lesungen, Theateraufführungen, Radiosendungen, Workshops oder gar Boxtrainings finden dort statt. Der gebürtige Berner Künstler Thomas Hirschhorn ist für diese «soziale Skulptur» verantwortlich und jeden Tag dort. 

Das Konzept ist: Alles ist gratis, sogar das Essen und das Trinken. Das hat nach zwei Wochen zu einer Kontroverse geführt, da auch der Alkohol gratis war. Es kam zu einer Rauferei und nun dürfen keine Schulklassen mit Kindern, die jünger als 15 sind, den Pavillon besuchen. Mittlerweile gibt es keinen Alkohol mehr und Sozialarbeiter sind auf dem Gelände und für Fragen und Anregungen erreichbar. Auch das kann Teil sein einer solchen «sozialen Skulptur».

Ein weiteres wichtiges Thema für Simone Weil ist etwa das Loswerden des Ichs. Darin sieht sie einen Weg zum Göttlichen. Und um das zu erreichen, könne eine stille, demütige Aufmerksamkeit gegenüber der Welt helfen.

Obwohl sich Simone Weil zeitlebens als Pazifistin bezeichnet, zieht sie 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus, arbeitet jedoch mangels Kampferfahrung in der Truppenküche. Nichtsdestotrotz erfährt sie hautnah, wie grausam der Krieg ist, auch vonseiten der Antifaschisten.

Personen entspannen auf Sofas in einem alternativen, kreativ gestalteten Raum.
Legende: Besucher in der Installation von Thomas Hirschhorn im Pavillon Sicli in Genf: Sofas laden zum Verweilen ein. KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi

Diese Erfahrungen schreibt sie in ihrem Text «Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt» nieder. Darin schildert sie, wie die Gewalt jeden zerstört, den sie berührt, die Opfer, wie auch die Täter.

Worte, die nachwirken

Und so stellt sich die Frage, was uns diese fast vergessene Denkerin heute mit auf den Weg geben kann. Religionswissenschaftlerin Mae Bengert sagt: «um den Krieg zu beenden, dürfen wir laut Simone Weil in unseren Feinden nicht mehr die Uniform, die Partei oder die Religion sehen, sondern kompromisslos den Menschen an sich.»

Es ist also dieser ganz besondere Blick auf das Gegenüber, der uns retten kann. Und in diesem Sinne ist wohl auch das Zitat von Simone Weil beim Eingang des Pavillon Sicli in Genf zu verstehen: «Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Grosszügigkeit».

Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 17.5.2026, 8:30 Uhr

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