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Svenja Flasspöhler über die potente Frau.
Aus Kultur-Aktualität vom 08.03.2019.
abspielen. Laufzeit 04:18 Minuten.
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Philosophin Svenja Flasspöhler «Die Befreiung der weiblichen Sexualität steht noch aus»

Das Patriarchat ist zwar vorbei, aber Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern gibt es weiterhin. Die Philosophin Svenja Flasspöhler fordert Frauen dazu auf, ihre Zurückhaltung abzulegen – auch die sexuelle.

Svenja Flasspöhler

Svenja Flasspöhler

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Svenja Flasspöhler ist Philosophin, Journalistin und Autorin. Sie ist Chefredakteurin des «Philosophie Magazin» und hat mehrere Bücher veröffentlicht.

SRF: Wieviel Patriarchat steckt noch in unserer Gesellschaft?

Svenja Flasspöhler: Ich halte es für falsch, davon zu reden, dass wir immer noch in einer patriarchalen Ordnung leben. Das Patriarchat im rechtlichen Sinne ist ja ganz klar vorbei. Mann und Frau sind vor dem Gesetz gleich.

Das heisst aber natürlich keineswegs, dass es nicht gesellschaftliche Ungleichheiten gibt: ungleich verteilte Ämter, ungleich hohe Löhne und so weiter. Das liegt daran, dass wir patriarchale Denkmuster immer noch tief in uns haben.

Wo zeigt sich im weiblichen Verhalten, dass das Patriarchat noch in unseren Köpfen steckt?

Weiblichkeit wird eng geführt mit Passivität, mit Zurückhaltung – und zwar gerade im sexuellen, aber auch im existenziellen Sinne.

Diese Zurückhaltung strahlt auch bis in die letzten Verästelungen unserer Existenz hinein. Nehmen Sie nur die Zurückhaltung von Frauen, wenn es um das Verhandeln von Gehältern geht.

Bedeutet das auch, dass Frauen, die mehr über ihr ureigenes sexuelles Begehren wissen, sich in der Gesellschaft besser durchsetzen können?

Na ja, ich will es nicht so rationalisieren. Es ist nicht so, dass man das einfach nur wissen muss und dann klappt es schon irgendwie. Aber es geht tatsächlich um ein Bewusstmachen von ganz alten Denkmustern.

Frauen sollten aktiver werden. Sie sollten auch den ersten Schritt machen.

Das ist eben nicht etwas, was man über schärfere Gesetze oder beispielsweise auch Quoten aus der Welt schaffen könnte.

Sie haben einmal gesagt, die sexuelle Revolution der Frau stehe eigentlich noch bevor. Ist es das, was sie damit meinen?

Ich denke tatsächlich, dass die sexuelle Revolution die Sexualität des Mannes befreit hat, aber nicht die weibliche Sexualität. Diese Befreiung steht tatsächlich noch aus.

Sie würde bedeuten, dass das weibliche Begehren nicht einfach nur als Spiegel des männlichen Begehrens gedacht wird, sondern auch aus dieser männlichen Logik befreit und als eigensinniges Begehren gedacht wird.

Müsste man dann nicht in letzter Konsequenz auch sagen, Frauen sollten in einem gewissen Sinn übergriffiger werden?

Ja, Frauen sollten aktiver werden. Sie sollten auch den ersten Schritt machen. Es ist doch tatsächlich denkbar, möglich und wünschenswert, dass die Frau die Initiatorin und die Verführerin ist.

Das war lange ein Sakrileg. Denken Sie an Medusa: Sie war die Verführerin schlechthin. Was ist ihr passiert? Sie wurde enthauptet.

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Der Philosophische Stammtisch: #MeToo
Aus Sternstunde Philosophie vom 27.05.2018.
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Aber warum tun sich Frauen heute auch noch so schwer damit, gerade im sexuellen Bereich aktiv und offensiv zu sein?

Über die weibliche Sexualität und den weiblichen Körper wird viel stärker gewacht. Das führt dazu, dass wir heute immer noch von einer gesellschaftlichen Grenzüberschreitung sprechen müssen, wenn wir fordern, dass Frauen auch promisk sein und ihre Sexualität auch ausleben dürfen.

Wenn Frauen wirklich in ihre Potenz kommen, hat die Gesellschaft einen Vorteil davon.

Das erfordert ein hohes Mass an Autonomie. Es geht darum, daran zu arbeiten, dass wir Frauen uns das zutrauen und es uns zumuten. Autonomie ist nichts Leichtes. Es ist eine Aufgabe.

Was gewinnt die Gesellschaft, wenn Frauen sich aktiver um ihre Begehren kümmern?

Wenn Frauen wirklich in ihre Potenz kommen, hat die Gesellschaft einen Vorteil davon. Beispielsweise haben schon viele Unternehmen erkannt, dass weibliche Führungskräfte ein Gewinn sind, weil sie vielleicht anders führen und andere Prioritäten setzen. Insofern ist klar, dass die Gesellschaft von der Unterschiedlichkeit der Geschlechter profitiert.

Es gibt die Angst des Mannes vor der weiblichen Sexualität. Das wäre wohl die Aufgabe: diese Angst in Lust zu verwandeln.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

13 Kommentare

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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    «Die Befreiung der weiblichen Sexualität steht noch aus» Ich würde meinen, der Anspruch der Frauen, die Hälfte der Welt zu sein steht noch aus. Trügerische Gleichheit und Teilhabe wird gesucht, sich an etwas messend, das für jemanden anderes konzipiert worden ist. Ohne die Erfahrung und Erkenntnis, dass die naheliegende Differenz untereinander als der massgebende Mehrwert in der Gesellschaft reinzutragen ist, in der ganzen Fülle und Macht, können Frauen ihre Freiheit nicht in die Welt bringen.
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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Zudem, die Befreiung der Frau mit die Befreiung der weiblichen Sexualität zu reduzieren, ist dann doch etwas eng gefasst. Oft scheinen Frauen mit einem masslosen Anpruch an die Männer, an die Welt an, an ... daherzukommen. Da liegt für mich ein zentrales Element der weiblichen Freiheit, dass sie nicht mehr, die am Männlichen geeichte Welt zum Mass nimmt, sondern sich an den Frauen misst, die anders, grösser sind als sie ....und da kommt keine an der eigenen Mutter vorbei ....
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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Wie viel Patriarchat steckt noch in unserer Gesellschaft: Da brauchen wir nicht weit gehen, schauen wir uns doch einfach um, wer, wie in den ganz gewöhnlich gängigen Medien dargestellt wird? Patriarchale Strukturen, wie die von mir öfters erwähnte männlichen Seilschaften, die in der CH sich bei bester Gesundheit befinden. Die Militarisierung und Aufrüstung auf allen Ebenen, die kapitale Aubeutungspraxis von allem was irgendwie 'weiblich' konnotiert ist, Frauen, Kinder, Erde.
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    1. Antwort von Dölf Meier  (Meier Dölf)
      Ich habe gelesen, dass bei der Sozialhilfe 50 Prozent alleinerziehende Mütter sind, deren Beihilfen wir böse kapitalistische Steuerzahler zu berappen haben. Es interessiert mich, weshalb diese Situation in unserer aufgeklärten Zeit so gravierend ist. Ihre ständigen weiblichen, teilweise nicht fundierten Angriffe nerven mich. Jeder Mensch ist ein Unikat und gut und böse. Das habe in meiner beruflichen Tätigkeit mit tausenden menschlichen Kontakten festgestellt.
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