EU wählt Kulturhauptstadt Plovdivs schwieriger Weg zur Kulturhauptstadt 2019

Seit Plovdiv die Bewerbung zu Europas Kulturhauptstadt 2019 gewann, hat sich das Gesicht der Stadt gewaltig verändert. Das alte Stadtviertel existiert inzwischen nur noch in Teilen. Viele historisch wertvolle Gebäude sind in Plovdiv schon verschwunden. Zudem fehlt es an Geld.

Plovdiv ist die zweitgrösste Stadt Bulgariens und liegt an beiden Ufern des Flusses Mariza. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Plovdiv ist die zweitgrösste Stadt Bulgariens und liegt an beiden Ufern des Flusses Mariza. Imago/Anka Agency International

Als Bulgariens zweitgrösste Stadt Plovdiv die Bewerbung zu Europas Kulturhauptstadt 2019 gewann, honorierte die Auswahlkommission vor allem das Vorhaben «in der ältesten Stadt Europas historische Bausubstanz zu retten».

Griechisch-römische Ausgrabungen werden effektvoll in Szene gesetzt, mit günstigen Mieten Künstler in die «Falle» gelockt – so der Name von Bulgariens schönster Altstadt. Plovdiv nun zur Kulturhauptstadt 2019 umzuformen, ist für die Stadt Chance und Herausforderung zugleich.

Vom kleinen Kammerkonzert im historischen Balabanov Haus in der Altstadt bis hin zu Musikevents mit Staraufgebot und grossem Orchester: Die vielen Kulturveranstaltungen lassen Plovdiv auch schon heute mit neuem Elan vibrieren.

Probleme angehen, Zusammenhalt stärken

Doch Kulturveranstaltungen sind vergänglich. «Wir wollen nicht nur über das reiche kulturelle Erbe oder die Geschichte der Stadt sprechen», sagt Svetlana Kuyumdzhieva.

Der künstlerischen Leiterin des Kulturhauptstadtjahres geht es vor allem darum, das Gesicht der Stadt langfristig zu verwandeln: «Wir wollen Probleme angehen, verfallene Stadtteile wieder aufbauen und die Beziehungen unserer multikulturellen Gemeinschaften zueinander verbessern.» Das Motto Plovdivs als Kulturhauptstadt Europas lautet deshalb: Zusammenhalt.

Die Architektin Konstantina Pehlivanova will die historische Bausubstanz Plovdivs vor dem Abriss schützen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Architektin Konstantina Pehlivanova will die historische Bausubstanz Plovdivs vor dem Abriss schützen. Jutta Schwengsbier

Im Budget fehlen 10 Millionen Euro

Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, die sozialen Probleme in der Stadt mit eigenen Projekten anzugehen. Gute Ideen fehlen zwar nicht – aber das Geld. Der Staat hat bislang seinen Anteil an der Finanzierung der bulgarischen Kulturhauptstadtstiftung nicht geleistet.

Derzeit fehlen 10 Millionen Euro im Kulturhauptstadtbudget. Deshalb musste sich Plovdiv im gerade veröffentlichten Fortschrittsbericht der EU harsche Kritik gefallen lassen: Nicht nur weil die Stadt im Zeitplan stark hinterher hinkt. Viele der Pläne sind gar nicht umsetzbar.

So sollte eigentlich das Tabakstadt genannte historische Viertel in Plovdiv zu einem neuen kulturellen Zentrum umgebaut werden. Doch die meisten Gebäude gehören Privatleuten. «Wir haben also gar nicht die Macht, über die künftige Nutzung der Gebäude zu entscheiden», sagt Svetlana Kuyumdzhieva.

Abgebrannte Gebäude mit Absperrgittern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Derzeit ist ein ganzer Strassenzug abgesperrt, weil die abgebrannten Gebäude einsturzgefährdet sind – ein Vorwand? Jutta Schwengsbier

Ein Brand zerstört alle Planungen

Schlimmer noch: Das alte Stadtviertel, existiert inzwischen nur noch in Teilen. Viele historisch wertvolle Gebäude sind in Plovdiv schon verschwunden, weil ihre Besitzer lieber profitablere Geschäftsgebäude bauen wollten, beklagt Konstantina Pehlivanova.

Die junge Architektin führt eine Bürgerbewegung an, die die historische Bausubstanz Plovdivs vor der Abrissbirne schützen will. «Vor einem halben Jahr hat einer der Besitzer ein historisches Gebäude in der Tabakstadt einfach abgerissen», sagt die 30-Jährige empört. «Und vor kurzem sind dann vier weitere ehemalige Warenhäuser in der Tabakstadt abgebrannt.»

Das Kino Kosmos: Vom Schaufenster zur westlichen Welt zur bröckelnden Ruine. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Kino Kosmos: Vom Schaufenster zur westlichen Welt zur bröckelnden Ruine. Jutta Schwengsbier

Dubioser Brand

Derzeit ist ein ganzer Strassenzug abgesperrt, weil die abgebrannten Gebäude einsturzgefährdet sind. Die Polizei ermittelt gegen einen Obdachlosen. Doch Pehlivanova glaubt nicht an die These, dass ein Obdachloser den Brand aus Versehen verursacht haben soll. «Das Feuer ist gleichzeitig in zwei Gebäuden ausgebrochen. An einem sehr sonnigen warmen Tag. Ein Feuer zum Wärmen war da sicher nicht nötig.»

«All das, was laut der Bewerbung von Plovdiv zur Kulturhauptstadt wieder aufgebaut werden sollte, ist dabei zu verschwinden», beklagt die junge Architektin. «Das Kino Kosmos ist eines der letzten Gebäude, das immer noch steht. Es wurde noch nicht ausradiert.»

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Kulturhauptstädte 2019

Der Titel Kulturhauptstadt Europas wird jährlich von der EU vergeben. 2019 geht er zum ersten Mal nach Bulgarien. Neben der bulgarischen Stadt Plovdiv darf sich auch die italienische Stadt Matera mit der Auszeichnung schmücken. Die Benennung soll die Vielfalt des kulturellen Erbes Europas zeigen.

Kampf um das kulturelle Erbe

Mit wiederholten Massenprotesten haben Konstantina Pehlivanova und ihre Mitstreiterinnen das alte Kinogebäude bislang schützen können. Ihrer Initiative war es zu verdanken, dass das Kino nun eines der Flaggschiff Projekte für das Kulturhauptstadtjahr wurde.

Mit Ausstellungen, Konzerten und natürlich durch Kinovorführungen soll das derzeit leer stehende Gebäude wieder zum Leben erweckt werden.

«Die Pläne könnten sofort umgesetzt werden», sagt Pehlivanova. Wie bei vielen anderen Projektvorschlägen fehlt das Geld. Solange die bulgarische Regierung ihren Anteil nicht an die Kulturhauptstadtstiftung überweist, werden viele der guten Ideen nicht umgesetzt werden können.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Kompakt, 7.12.16, 17:22 Uhr