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10 Jahre Arabischer Frühling
Aus Kulturplatz vom 20.01.2021.
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Pressefreiheit in Ägypten Journalistin: «Ich sollte nicht auf mein Überleben wetten»

Im Interview spricht Lina Attalah über den nachwirkenden Zauber der Revolution und über ihr aktuelles Leben als Regime-Kritikerin, in dem es kein Denken an morgen gibt.

Lina Attalah

Lina Attalah

Journalistin

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Lina Attalah ist die Chefredaktorin von Ägyptens einziger unabhängiger Internet-Zeitung Mada Masr, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling leben Regime-Kritiker gefährlicher als vor der Revolution. Die Redaktion um Lina Attalah umgeht permanent die staatliche Zensur, thematisiert den Streik ägyptischer Stahlarbeiter, die Auswirkungen der Corona-Krise genauso wie sexuelle Belästigung im Alltag oder die Verhaftung von Regime-Kritikern.

Als Lina Attalah letztes Jahr vor dem Kairoer Gefängnis Tora die Mutter eines zu Unrecht Inhaftierten interviewen wollte, wurde sie selbst verhaftet.

SRF: Wie frei können Sie aktuell als Journalistin arbeiten?

Lina Attalah: Momentan ist es nicht einfach. Es ist das feindlichste Umfeld, das ich als Journalistin hier in Ägypten erlebt habe.

Ist die Situation jetzt vergleichbar mit den Arbeitsbedingungen während der Diktatur von Mubarak?

Als unabhängiges Medium arbeitet man unter autoritären Regimen immer innerhalb eines Spielraums, lotet ständig aus, was man sagen und schreiben kann. Es ist ein ständiger Kampf, diesen Spielraum zu vergrössern.

So war es bis zur Revolution 2011. Wir waren Teil einer aufstrebenden zivilgesellschaftlichen Bewegung, wir konnten die neuen Technologien nutzen und dachten neu über Politik nach, jenseits vergangener Ideologien.

Jetzt ist der Spielraum wieder eng, jederzeit könnten wir verhaftet werden und im Gefängnis landen.

Und dann kam die Revolution.

Als die Revolution ausbrach, konnten wir diese Energie umsetzen. Es gab diese massive Offenheit, man konnte alles neu denken, man konnte ohne Angst über alles reden. Jetzt ist der Spielraum wieder eng, jederzeit könnten wir verhaftet werden und im Gefängnis landen. Oder wir müssen die Redaktion schliessen.

Was heisst das genau für Ihre Arbeit als Journalistin?

Diese Situation zwingt mich, alles sofort zu tun, als gäbe es kein Morgen. Das macht Angst. Aber es ist eine andere Art von Angst. Denn ich weiss, es gibt Chancen: Das ist das Positive daran, so zu arbeiten. Und gleichzeitig sollte ich nicht allzu viel auf mein Überleben wetten.

Ihre Website Madamasr.com kann in Ägypten nicht gelesen werden, weil sie von staatlicher Seite blockiert wird. Wie erreichen Sie Ihre Leser?

Mada Masr wird seit 2017 blockiert. Unabhängige Stimmen zum Schweigen zu bringen, ist ein Teil der verschiedensten Praktiken der Regierung. Natürlich behindert uns das immens.

Für diese Blockade gibt es übrigens keinerlei gesetzliche Grundlage. Wir haben versucht, gerichtlich dagegen anzugehen, ohne Erfolg. Dennoch schaffen wir es, die Menschen zu erreichen. Über die sozialen Medien oder über alternative Seiten.

Wir erreichen so nicht nur eine Gruppe Gleichgesinnter, sondern viele Menschen, die ein Bedürfnis nach Information haben und sich nicht mit offiziellen Verlautbarungen abspeisen lassen wollen.

Dennoch schaffen wir es, die Menschen zu erreichen. Über die sozialen Medien oder über alternative Seiten.

Seit der Revolution sind zehn Jahre vergangen. Im Vergleich zum Mubarak-Regime hat sich die Menschenrechtssituation verschlimmert. Die Gefängnisse in Ägypten sind voll. Was ist geblieben vom Aufbruch jener Tage?

Das Ereignis selbst ist lange her, aber die Erfahrung und der Zauber von damals wirkt immer noch nach, auch wenn wir nicht genau wissen, woraus er besteht. Das merkt man auch daran, wie massiv die Angst der Regierung im Moment spürbar ist, nur weil der Jahrestag der Revolution bevorsteht.

Sie sprechen vom Zauber der Revolution, wie genau wirkt der nach?

Seit 2011 haben die Menschen verstanden, dass Anordnungen von oben keine vollendeten Tatsachen sein müssen. Die Revolution hat manifestiert, dass es die Möglichkeit der Veränderung gibt. Jeder Tag bietet Hoffnung auf ein neues Morgen.

Diese Erkenntnis betrifft nicht nur Ägypten. Wenn man schaut, was in Welt alles geschieht, ist es nicht einfach Hoffnung zu behalten. Wir müssen sie in unserer alltäglichen Gegenwart anwenden. Das ist im Moment das Wichtigste.

SRF 1, Kulturplatz, 20.01.2021

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3 Kommentare

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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    VOR dem arabischen Frühling stand es insbesondere in Aegypten weit besser um die Pressefreiheit. Toll gemacht vom "Westen" wenn man die Leute mit Hilfe Facebook in Revolten treibt ohne ihnen einen Plan mitzugeben, was nach dem Wegputschen der Regierung zu tun gewesen wäre. Feige auch, wenn der Westen jetzt so tut, als wären die damit verbundenen Konsequenzen ein rein "arabisches" Problem.
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  • Kommentar von Bruno Domb  (fado)
    Es wäre interessant gewesen zu wissen, ob dies unter Mursi mehr Pressefreiheit vorhanden war.
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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Der "Aufbruch" bei der letzten Revolution wurde von den Muslimbrüdern für ihre Anliegen und Anschauungen gekapert. Es muss davon ausgegangen werden, dass sich die Menschenrechtslage in Ägypten, ohne die Machtübernahme durch die Militärs nicht wesentlich unterscheiden würde. Vielleicht sogar ganz im Gegenteil.
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