Programmieren als Schulfach, damit Kinder besser gefördert werden

In der Vorbereitung eines einheitlichen Lehrplans für die Schweiz ist ein Streit entbrannt. Muss jeder Primarschüler progammieren lernen? Im Zentrum steht die Frage: Sind Programmierer bessere Denker?

Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer vor ihren Laptops, etwas weiter hinter ihnen die Lehrerin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In den vergangenen Jahren wurden an rund 30 Primarschulen in der Schweiz Kinder im Programmieren unterrichtet. ABZ, Jan Lichtensteiger

«Jeder in diesem Land sollte programmieren lernen», sagte Steve Jobs, der Apple-Gründer, «denn es lehrt dich, zu denken.» Das Zitat, geliehen aus einem ausführlichen Interview aus der Mitte der 90er-Jahre, steht am Anfang eines Werbefilmes der US-Tech-Industrie und gleichzeitig im Zentrum einer neuen Debatte darüber, was Schülerinnen und Schüler in der Schweiz lernen sollen.

Für die Tech-Industrie ist das Ziel klar: Wenn Kinder bereits im frühen Alter programmieren lernen, profitieren Tech-Giganten wie Facebook, Google oder Microsoft. Momentan fürchten sie aber eher, dass ihnen das Personal ausgeht: Im Werbefilm von code.org, der auch an deutschsprachige Länder appelliert, plädieren Prominente aus Politik, Sport, Kunst und Technologie für mehr Programmierunterricht in Schulen. Und es wird vorgerechnet, dass der Tech-Industrie in den nächsten zehn Jahren eine Million Programmierer fehlen werden; in der Schweiz, Deutschland und Österreich sollen es 100'000 Stellen sein.

Wie US-Tech-Giganten für mehr Programmierer werben

Mehr als Google und Word

Dem ETH-Professor Juraj Hromkovic ist dieser Aspekt erst einmal nicht so wichtig. Doch auch er will, dass am Lehrplan 21 nochmals gearbeitet wird, um den Computerwissenschaften ein größeres Gewicht zu geben. «Das Wort ‹Informatik› kommt im Lehrplan 21 gar nicht vor», sagte Hromkovic kürzlich in einem Interview mit SRF Kultur. Tatsächlich ist das Wort im Entwurf des Planes nicht zu finden.

Der Plan behandelt einige Fähigkeiten, zum Beispiel das Verstehen von Algorithmen und deren Umsetzung in Programme. Allerdings im fächerübergreifenden Kapitel «ICT und Medien». In diesem Fach soll auch gelehrt werden, wie man Kinder vor den Gefahren des Internets warnt oder wie sie eine effiziente Google-Suche durchführen und Foto- von Text-Dateien unterscheiden.

Bei der Ausbildung der Lehrpersonen ansetzen

Das reiche nicht, sagte Hromkovic. «Wenn das Wort ‹Informatik› im Lehrplan 21 nicht stehen wird, werden die Pädagogischen Hochschulen keine Professoren für Informatik rekrutieren, also werden die Lehrpersonen nicht im Informatik-Unterricht ausgebildet.» Und wenn das Thema vom Tisch sei, verliere man wertvolle Zeit: «Dann wird es nie zum grossen Durchbruch kommen.»

Hromkovic fordert deshalb, dass man die Gebiete trennt: «Ich will aufpassen, dass die Informatik als Fach vernünftig aufgebaut wird. Von diesem Wissen würde auch der Mathematik-Unterricht profitieren, der so ein ganz neues Niveau erreichen könnte.»

Frewillige Tester

Juraj Hromkovic, in einem Klassenzimmer vor einer Schultafel sitzend und sprechend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der ETH-Professor Juraj Hromkovic möchte Informatik als Fach zum Standard machen. Credits: ABZ, Jan Lichtensteiger

Hromkovics Einfluss in der Diskussion ist in den letzten Jahren gewachsen. Er leitet für die ETH ein Programm, an dem mittlerweile rund 30 Schulen teilnehmen. Im Rahmen des Programms, finanziert von der ETH und privaten Geldgebern, werden Primarlehrerinnen und Primarlehrer in Informatik ausgebildet und können so ihren Schülerinnen und Schülern zeigen, wie man einfache Programme schreibt.

Es gebe gute Gründe, das Fach für alle zum Standard zu machen, sagte Hromkovic: «Es geht um die Förderung der Kinder.» Nicht nur die Förderung derer, die später Programmierer werden wollen, sondern auch derer, die von Karrieren als Astronautinnen, Blumenverkäufern oder Rockstars träumen. «Aus unserer Sicht bringt Programmieren eine neue Dimension der Förderung der Kinder, die zusätzlich zur Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern kommt: Viel mehr Selbständigkeit und auch viel bessere Fähigkeiten, exakt zu kommunizieren.»

Viele offene Fragen

Eine gewisse Einigkeit darüber, dass Programmieren in den neuen Lehrplan gehört, gibt es. Doch vieles ist noch offen. «Die Frage ist schon, wie man das umsetzen soll», sagt Beat Zemp, der Leiter des Dachverbandes der Lehrerinnen und Lehrer. «Es gibt ja nicht 50‘000 Hromkovics in diesem Lande.» Zemp spricht hier die Ausbildung der Lehrpersonen an, die für ein neues Fach nötig wären: «Das ist natürlich genau das Problem. Wo bekommen wir dann diese Lehrerinnen und Lehrer her, die dies kompetent unterrichten können?»

Nach der Kritik von Hromkovic und anderer wird nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich dem Thema annehmen soll. Vieles wird sich da um die Frage drehen, ab wann Informatik gelehrt werden soll. Immerhin sind immer mehr der Meinung, dass es für Schulabgänger nicht mehr reicht, Computer einfach nur bedienen zu können.