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Die Master-Studentin Lujain Al-Chalabi
Aus Kontext vom 21.12.2021.
abspielen. Laufzeit 28:15 Minuten.
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Projekt «Offener Hörsaal» Nach der Flucht an die Universität

Die syrische Zahnärztin Lujain Al-Chalabi ist in die Schweiz geflüchtet und hat hier Asyl beantragt. Nun studiert sie Epidemiologie am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut der Universität Basel. Ihre Bildungskarriere verbindet sie mit grossen Hoffnungen – trotz zahlreichen Hürden.

Sie habe zwei Heimatländer, sagt die 34-jährige Lujain Al-Chalabi: Syrien und Kuwait. In beiden Ländern geriet ihr Leben in Gefahr. In Damaskus schloss sie ihr Zahnmedizinstudium ab, konnte dort wegen des Kriegs aber nicht bleiben. Und in Kuwait, wo sie mit ihren Eltern lebte, wurde sie verstossen.

Von Kuwait nach Solothurn

Ihre religiös-konservative Familie akzeptierte es nicht, dass sie nicht bereit war, eine traditionelle arrangierte Ehe einzugehen – der Konflikt gipfelte in einer Morddrohung. Vor drei Jahren ergriff sie deshalb die Flucht.

Lujain Al-Chalabi flog mit ihrem Ersparten im Gepäck von Kuwait direkt in die Schweiz und stellte noch am Flughafen einen Asylantrag. Sie wurde dem Kanton Solothurn zugeteilt, der ihr in Hofstetten-Flüh ein Zimmer in einem kleinen Asylheim zuwies.

Wunsch nach Weiterbildung

Im Internet erkundigte sich Lujain Al-Chalabi nach Weiterbildungsmöglichkeiten. Dabei stiess sie auf das studentische Freiwilligen-Projekt «Offener Hörsaal» an der Universität Basel. Es ist eines von 17 Projekten, die an Schweizer Hochschulen nach der Flüchtlingskrise von 2015 entstanden sind.

Ziel ist es, geflüchtete junge Menschen zu unterstützen, die in ihrer Heimat schon studiert haben, hier ihren Abschluss anerkennen lassen wollen oder ergänzen müssen oder sich generell weiterbilden möchten.

Ziel: zurück an die Uni

Im Projekt sorgen Freiwillige dafür, dass Asylsuchende in einem Sprachkurs Deutsch lernen können. Ebenso, dass sie Zugang zur Bibliothek bekommen und als Gast Vorlesungen in ihrem Interessengebiet besuchen können.

Verein «Offener Hörsaal»

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Der Verein Offener Hörsaal ist ein an der Universität Basel akkreditierter Verein, der 2016 von Studentinnen und Studenten gegründet wurde.

Pro Semester können bis zu 20 Geflüchtete mit akademischem Hintergrund oder Studieninteresse als Hörerinnen Vorlesungen im Hörerprogramm besuchen und einen Sprachkurs am Sprachenzentrum der Universität absolvieren.

Der Verein unterstützt Studienwillige auch bei der Abklärung und Anmeldung zum regulären Studium.

Die junge Syrierin nahm an Vorlesungen in Epidemiologie des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts teil: «Die Dozenten haben mir sogar erlaubt, mich an den gestellten Aufgaben zu beteiligen. Das war toll. Ich konnte mich zu 100 Prozent engagieren, wie eine echte Studentin.»

Syrischer Abschluss nicht anerkannt

Seit der «Offene Hörsaal» in Basel seine Türen geöffnet hat, haben 232 Asylsuchende daran teilgenommen. Doch nur 14 von ihnen wechselten in ein reguläres Studium. Lujain Al-Chalabi gehört zu ihnen.

Legende: Angekommen – auch in akademischen Belangen: Lujain Al-Chalabi kann mit ihrer Masterarbeit zu einer renommierten Schweizer Langzeitstudie beitragen. SRF / Gina Folly

Ohne die Hilfe dieses Projekts wäre dies nicht möglich gewesen: «Mein Deutsch war anfänglich nicht so gut, um diese Formulare auszufüllen», so Lujain Al-Chalabi. Auch die Übersetzung ihres Studienabschlusses haben die Freiwilligen organisiert. «Die Studierenden vom Projekt haben mir bei allem geholfen. Sie haben 70 Prozent der Arbeit für mich gemacht.»

Ihr Abschluss in Zahnmedizin an der Universität Damaskus wurde in der Schweiz nicht voll anerkannt. Die Freiwilligen des studentischen Projekts unterstützten sie deshalb bei den weiteren Abklärungen.

Es zeichnete sich für sie die Möglichkeit ab, ihre Ausbildung durch zwei weitere Studienjahre zu ergänzen und in einen Masterabschluss zu überführen, der hier anerkannt wird. Dieses Ziel verfolgt die junge Frau mit ihrem Epidemiologie-Studium nun in Basel.

Stolperstein Semestergebühren

Auch die finanzielle Unterstützung, die sie vom Projekt «Offener Hörsaal» bekommen hat, sei wichtig gewesen. Allein die Fahrten von Hofstetten-Flüh nach Basel verursachten Kosten, die im Budget der Sozialhilfe von monatlich 410 Franken nicht drin lagen. Und die Semestergebühren zu bezahlen, war für sie erst recht nicht möglich.

Ein weiteres Hindernis für Asylsuchende oder vorläufig aufgenommene Flüchtlinge ist, dass sie kaum Arbeit finden. Manche Arbeitgeber fürchten, dass sie, kaum sind sie eingearbeitet, das Land wieder verlassen müssen. Doch ohne Erwerbsarbeit sind die Asylsuchenden weiter von der Sozialhilfe abhängig. Ein Studium rückt in weite Ferne.

Legende: Lujain Al-Chalabi konnte sich in Basel eine neue Existenz aufbauen. SRF / Gina Folly

Service-Jobs und Masterarbeit

Die junge Syrerin hatte in diesem Punkt Glück: Sie fand Arbeit und ist heute im Service in zwei Restaurants tätig. Seit diesem Sommer ist sie finanziell unabhängig. Sie hat das Asylheim verlassen und eine eigene kleine Wohnung in Dornach bezogen, einer solothurnischen Gemeinde, die nah zur Stadt Basel liegt.

Auch im Studium läuft es gut. Lujain Al-Chalabi kann mit ihrer Masterarbeit zur renommierten Schweizer Langzeitstudie «Sapaldia» beitragen, die seit 30 Jahren die Auswirkungen von Umwelt- und Lebensstilfaktoren auf die Gesundheit untersucht.

Für die junge Syrierin geht damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung, denn gerade zu Epidemiologie und Public Health hat sie einen besonderen Bezug: «Hier geht es nicht um die individuelle Gesundheit, sondern um die Gesundheit der ganzen Gesellschaft – ein Thema, das gerade in armen Ländern zentral ist. Ich hoffe, damit die Welt ein bisschen besser zu machen.»

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 21.12.2021, 9:03 Uhr

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