Putin, der demokratisch gewählte Zar Russlands

Auf 700 Seiten beschreibt der Journalist Steven Lee Myers die Karriere eines kleinen KGB-Agenten namens Wladimir Putin zu einem der mächtigsten Männer der Welt. Das Porträt zeichnet nicht nur den Machtmenschen, sondern auch das politische System, das Putin geschaffen hat.

Wladimir Putin, hinter ihm ein junger Soldat, der ihm salutiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Diese Geste ist er gewohnt: Wladimir Putin im Kreml, April 2016. Keystone

Hunderte Seiten lang nichts als Putin: Steven Lee Myers verblüfft in seiner Biografie des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit akribisch recherchierten Details über Herkunft, Leben und Karriere dieses Politikers, der – wie Myers beschreibt – zufällig zum Präsidenten eines herabgewirtschafteten Imperiums wurde. Ein kleiner, unscheinbarer Beamter, der sich zum Machtmenschen mausert, der Russland zu neuem Selbstbewusstsein und zu alter Stärke verhelfen will. Und der sich selbst zum demokratisch gewählten Zar stilisiert.

Herr Myers, waren Sie eigentlich überrascht, als Sie erfuhren, dass Putin in den Skandal um die «Panama Papers» verwickelt ist? Dass Personen aus seinem Umfeld millionenschwere Briefkastenfirmen besitzen?

Solche Briefkastenfirmen sind keine Überraschung, wenn man jemals versucht hat, die Besitzstrukturen von russischen Unternehmen zu entwirren. Nicht nur von denen, die Putin nahe stehen. Solchen Konstrukten bin ich oft begegnet, in meiner Zeit als Journalist, als auch während den Recherchen für mein Buch. Wenn man die wahren Besitzer solcher Firmenkonstrukte in Zypern, auf den British Virgin Islands oder in Panama herausfinden will, stösst man schnell auf Firmen, die Putin und seinen Freunden nahe stehen.

700 Seiten, ein so umfangreiches Werk. Wie schwierig war die Recherche? Wie sind Sie vorgegangen?

Die grösste Herausforderung, wenn man mit Putin zu tun hat, ist die Recherche von Quellen aus erster Hand. Ich hatte Putin öfter interviewt, hatte seine Reden und Pressekonferenzen verfolgt, aber es gibt eine Wand um ihn herum. Eine künstlich entworfene Privatheit, die man durchbrechen muss. Er verschliesst sich instinktiv.

Viele sagen, darin erkennt man seine Herkunft als ehemaliger Geheimdienstoffizier. Darin zeigt sich aber auch der Versuch des Kremls, ein Image zu erfinden, einen Mythos, eine Führerfigur, eine Art Zar an der Spitze Russlands. Diese Konstruktion muss man durchschauen. Deshalb bin ich ganz an den Anfang zurückgekehrt, zu den ersten Interviews, habe die Entwicklung seiner Gedankenwelt verfolgt, mit den Personen gesprochen, die ihn umgaben, um Ereignisse akkurat zu rekonstruieren.

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Myers über seine Methode

1:14 min, vom 28.4.2016

Ihr Buch beginnt mit einer sehr eindrücklichen Schilderung, wie Putins Vater die Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen im 2. Weltkrieg überlebt. Warum?

Der Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland war ein Mythos der Sowjetunion, in der Putin aufwuchs. Er stammt aus einer einfachen Familie. Beide, sein Vater und seine Mutter, hatten die Belagerung Leningrads überlebt. Dieser Sieg im grossen patriotischen Krieg war ein heroischer Akt, für den einzelnen Menschen wie für die ganze Nation. Er wurde und wird jedes Jahr gefeiert.

Damit wuchs Putin auf, im Bewusstsein «wir haben den Faschismus bekämpft, wir haben uns dem Westen entgegen gestellt, der Invasion von aussen». Das war und ist immer noch ein grosser Teil der politischen Kultur.

Spielte das eine Rolle, warum Putin unbedingt KGB-Agent werden wollte? Sie beschreiben, dass er, nachdem er den Spionagethriller «Schild und Schwert» gesehen hatte, sich freiwillig zum Geheimdienst meldete.

Ja, das war Ende der 1960er-Jahre. Putin hatte diese romantische Vorstellung eines Helden, der als einzelner mehr tun kann als tausend andere.

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Putins Heldenbild

1:31 min, vom 28.4.2016

Bevor Putin zuerst Ministerpräsident und dann Boris Jelzins Nachfolger als Präsident wurde, hatte man ihn politisch kaum wahrgenommen. Wie wird ein unbekannter Bürokrat Präsident?

Das ist eines der faszinierendsten Kapitel seiner Biografie. 1996 kommt Putin nach Moskau, er suchte eigentlich Arbeit. Drei Jahre später macht ihn Jelzin zum Premierminister. Und nicht nur das. Er baut ihn auf, damit er ihn später als Präsident beerben kann.

Darin erkennt man das politische Chaos der 1990er-Jahre. Jelzin feuert einen Premierminister nach dem anderen, und jedesmal klettert Putin, der ein Beamter in der mittleren Ebene war, eine Stufe höher. Manche behaupten, es war entweder Gottes Wille – oder der Wille des KGB. In Wirklichkeit war es eine Reihe von Zufällen. Das zeigt das politische Chaos, das Jelzin umgab, der juristisch und gesundheitlich angeschlagen war. Er hatte Panik davor, dass er einen politischen Wechsel nicht überleben würde, wenn seine Präsidentschaft endet.

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Putin und das Präsidentenamt

2:09 min, vom 28.4.2016

Nach 16 Jahren an der Macht ist wenig übrig geblieben vom kleinen KGB-Beamten, der er einmal war. Wie funktioniert sein System heute?

Putin umgibt sich mit einer über all die Jahre sehr stabil gebliebenen Truppe von Leuten, die ihm gegenüber einig und loyal sind. Dieser innere Kreis und auch der zweite Kreis von Leuten dahinter sind sehr stabil. Durch sie kann er Einfluss ausüben auf verschiedene Teile der Gesellschaft, auf die Regionalregierungen usw.

Sie nennen es die Vertikale, die vertikale Macht in Russland, die letztendlich bei ihm endet. Er hat nicht die totalitäre Macht. Ich denke auch nicht, dass er die will. Aber er übt Einfluss aus, indem er Geld und Ressourcen verteilt, Subventionen des Staates. So kauft er sich Loyalität, belohnt diejenigen, die loyal bleiben und bestraft die, die in Ungnade fallen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Wladimir Putin - des Westens liebster Feind

    Aus Kulturplatz vom 27.4.2016

    An Putin reibt sich der Westen, misstraut ihm und kooperiert dennoch. Doch die Frage bleibt: Ist Putin Freund oder Feind? In seiner Biografie «Putin - der neue Zar» schildert der US-amerikanische Journalist Steven Lee Myers Putins Werdegang: vom Jugendlichen, der sich freiwillig beim KGB meldet, bis zum einsamen Staatspräsidenten, der an allen Fronten das Chaos einbrechen sieht und dagegen ankämpft. «Kulturplatz» hat Steven Lee Myers, der jahrelang für die «New York Times» aus Moskau berichtete, zum Interview getroffen.

    Eduard Erne